» Mensch ohne Gemüt , Weib ohne Herz ! « schrie sie ihr ins Gesicht . » Egoistin ! härter als Stein und Eisen ! Ihr , Ihr , und niemand anders , habt ihn auf dem Gewissen ! Statt ihn zurückzuhalten , habt Ihr ihn noch angestachelt ! « Cathri maß die Gegnerin kaltblütig mit haßerfülltem Blick . » Immer noch besser « , entgegnete sie , » ein Unglück im Hause als ein Verbrechen . « » Wie meint Ihr das ? « kreischte Anna außer sich . » Ich meine « , erwiderte Cathri fest , » wenn es doch einmal geschehen mußte , immer noch besser von fremder Hand als ... « Hier stockte sie . » Als ? « verlangte Anna . » Als ? « Dann plötzlich , ohne die Ergänzung abzuwarten : » Fort von hier ! Heuchlerin ! Intrigantin ! Mannsschleicherin ! Fort ! Fort noch in dieser Stunde ! Ich , als Tochter des Hauses , befehle Euch , Euch , der Dienerin : Fort aus dem Pfauen , und zwar augenblicklich ! « Cathri richtete sich hoch auf : » Ich verwahre mich ausdrücklich dagegen « , sprach sie , » daß man mich Knall und Fall von hinnen jagt , wie eine ungetreue Magd , mit Schimpf und Schande , als ob ich gestohlen hätte . Es ist nicht wahr , daß ich irgendwelche eigennützige Absicht hierher trug . Und vor dem letzten Zuge mich zu entlassen , dazu hat niemand das Recht , nachdem man mich bis zum letzten Zuge gedungen hat . Übrigens , meinetwegen , ich habe nichts dagegen , jawohl , ich gehe . Aber nicht etwa , weil Ihr mirs befehlt , denn Ihr habt kein Recht dazu , sondern freiwillig , weil mir vor diesem gottverlassenen Hause des Hasses und des Haders ekelt , weil ich lieber bei bettelarmen Leuten in der geringsten Strohhütte dienen möchte , wo der Friede wohnt , als hier unter dem protzigen Ziegeldach im Unfrieden . Verzehrt Euch in Reue ! Schiebt einander gegenseitig die Verantwortlichkeit zu ! Ich ziehe meiner Wege . Das aber sag ' ich : Eure Schuld ists , Eure Schuld und einzig Eure Schuld , nicht meine . Hätte ihm nicht jemand Gift eingegeben , daß er inwendig zu tun hatte , niemand hätte ihm das mindeste anhaben können . Übrigens , es ist gekommen , wie es kommen mußte . Geschah es heute nicht , so wäre es morgen oder übermorgen geschehen , wenn nicht auf diese Art , auf jene und möglicherweise noch schlimmere . « Damit warf sie trotzig den Kopf in den Nacken und stolzierte ins Haus nach dem Portierstübchen , schleuderte dort das Geldtäschchen weg , setzte den Strohhut auf , rückte ihn vor dem Spiegel zurecht und wandte sich abzuziehen . Allein die Köchin , die alte treue Lisabeth , vertrat ihr den Weg . » Euer Lohn « , mahnte sie mit eisiger Stimme , indem sie ihr so beleidigend als möglich ein Goldstück entgegenhielt . Cathri brauste in heller Empörung auf , bereit , die Hand wegzustoßen . Doch sofort besann sie sich : » Ich habe den Lohn redlich mit fleißiger Arbeit verdient « , sprach sie , » ich brauche mich seiner nicht zu schämen . Es ist kein Geschenk , was ich annehme . « Sie nahm also das Goldstück und steckte es ein . Hernach schritt sie in aufrechter Haltung zur Türe hinaus auf die Terrasse . Vor dem Volke angelangt , verkündete sie mit lauter Stimme : » Ich rufe Gott und mein Gewissen zu Zeugen an , daß man mir unrecht tut , daß ich diese schmähliche Behandlung nicht verdient habe . « In diesem Augenblick trugen sie Conrads Leichnam ins Haus , an ihrer Seite vorbei . Zwar den Rumpf verdeckten die Träger ; auch wandte sie sich unwillkürlich ab , von Schmerz und Schauder überwältigt ; nichtsdestoweniger streifte ihr widerwilliger Blick den Stiefel des linken Beins , dessen herabhängendes Ende auf dem Boden schleifte , und jählings trat ihr bei diesem Anblick das Bild ihres Baschi vor Augen , wie sie ihn auf der Bahre heimbrachten . Also von doppeltem Leid gleichzeitig überfallen , zersprang ihre starke Fassung , so daß ihr das übermäßige Elend in heulendem Tonschwall aus dem Herzen stürzte . Und also heulend schritt sie mitten durch die Menge , in der Richtung nach dem Rebberg , wo der Verkehr am spärlichsten war , stolz und bolzaufrecht wie immer , und ohne jemandem einen Blick oder Gruß zu verabfolgen . Erschüttert machte das Volk ihr Platz , mit gemischten Gefühlen , zugleich bewundernd und grausend , teilnehmend und verdammend . Es war anzuschauen wie ein Strafgericht und doch wieder wie jemand , der in überlegener Unschuld , unberührt von dem Urteil der Menschen , geraden Weges einherwandelt . Josephine und Bertha eilten ihr nach . » Ihr müßt das nicht so wörtlich auffassen « , tröstete Josephine , » es ist nicht so buchstäblich gemeint . « » Ihr dürft nicht einen so strengen Maßstab anlegen « , mahnte Bertha , » Ihr müßt dem Schmerze der Schwester auch etwas zugute halten . « Die übrigen Kellnerinnen schauten kühl und fremd . Cathri strebte unaufhaltsam vorwärts . Beim Holzschuppen trat sie in die Einsamkeit . Sie war kalt , die Einsamkeit , trostlos kalt ; und weit , endlos weit ; und leer , zum Verzweifeln leer , als hätte sie sich irgendwo in der Ewigkeit verloren . Bei der Kegelbahn begegneten ihr zwei schwebende Gestalten , vereint zum Paar , die Hände verschlungen , die traumschönen Häupter strahlend vor Glück und Hoffnung : sie und Conrad . Vor diesem Bilde schmolz ihre Seele , daß sie meinte , das überquellende , ungebärdige Weh wolle sie zu Boden werfen , auf das geweihte Fleckchen Erde , wo sie vor einer kurzen Stunde zusammen einen Bundesbaum gepflanzt , mit lustigen Wimpeln und Fähnchen . Wie