Welt der Vorübereilenden herniederblickt , um ihnen ein Paket Kneippschen Malzkaffee zu präsentieren . An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke stieg Woldemar ab , um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen . Es war gegen acht , als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog . Im selben Augenblick , wo Jeserich öffnete , sah Woldemar an des Alten verlegenem Gesicht , daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu Hause waren . Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen , und so ließ er es geschehen , daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete . » Der Herr Graf lassen bitten . « Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie Geplagten ein , der ihm , auf einen dicken Stock gestützt , unter freundlichem Gruß entgegenkam . » Aber Herr Graf « , sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken Arm , um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß zurechtgemachte Stellage zurückzuführen . » Ich fürchte , daß ich störe . « » Ganz im Gegenteil , lieber Stechlin . Mir hochwillkommen . Außerdem hab ich strikten Befehl , Sie , coûte que coûte , festzuhalten ; Sie wissen , Damen sind groß in Ahnungen , und bei Melusine hat es schon geradezu was Prophetisches . « Woldemar lächelte . » Sie lächeln , lieber Stechlin , und haben recht . Denn daß sie nun schließlich doch gegangen ist ( natürlich zu den Berchtesgadens ) , ist ein Beweis , daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen mißtraute . Aber man ist immer nur klug und weise für andre . Die Doktors machen es ebenso ; wenn sie sich selber behandeln sollen , wälzen sie die Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand . Aber was sprech ich nur immer von Melusine . Freilich , wer in unserm Hause so gut Bescheid weiß wie Sie , wird nichts Überraschliches darin finden . Und zugleich wissen Sie , wie ' s gemeint ist . Armgard ist übrigens in Sicht ; keine zehn Minuten mehr , so werden wir sie hier haben . « » Ist sie mit bei der Baronin ? « » Nein , Sie dürfen sie nicht so weit suchen . Armgard ist in ihrem Zimmer , und Doktor Wrschowitz ist bei ihr . Es kann aber nicht lange mehr dauern . « » Aber ich bitte Sie , Herr Graf , ist die Comtesse krank ? « » Gott sei Dank , nein . Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor , sondern ein Musikdoktor . Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht gehört , weil erst vorige Woche , nach einer langen , langen Pause , die Musikstunden wieder aufgenommen wurden . Er ist aber schon seit Jahr und Tag Armgards Lehrer . « » Musikdoktor ? Gibt es denn die ? « » Lieber Stechlin , es gibt alles . Also natürlich auch das . Und sosehr ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin , so liegt es hier doch so , daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch mindestens verzeihen muß . Er hat den Titel auch noch nicht lange . « » Das klingt ja fast wie ' ne Geschichte . « » Trifft auch zu . Können Sie sich denken , daß Wrschowitz aus einer Art Verzweiflung Doktor geworden ist ? « » Kaum . Und wenn kein Geheimnis ... « » Durchaus nicht ; nur ein Kuriosum . Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei Jahren , wo er als Klavierlehrer , aber als ein höherer ( denn er hat auch eine Oper komponiert ) , in unser Haus kam , einfach Niels Wrschowitz , und er ist bloß Doktor geworden , um den Niels auf seiner Visitenkarte loszuwerden . « » Und das ist ihm auch geglückt ? « » Ich glaube ja , wiewohl es immer noch vorkommt , daß ihn einzelne ganz wie früher Niels nennen , entweder aus Zufall oder auch wohl aus Schändlichkeit . In letzterem Falle sind es immer Kollegen . Denn die Musiker sind die boshaftesten Menschen . Meist denkt man , die Prediger und die Schauspieler seien die schlimmsten . Aber weit gefehlt . Die Musiker sind ihnen über . Und ganz besonders schlimm sind die , die die sogenannte heilige Musik machen . « » Ich habe dergleichen auch schon gehört « , sagte Woldemar . » Aber was ist das nur mit Niels ? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz harmloser Name . Nichts Anzügliches drin . « » Gewiß nicht . Aber Wrschowitz und Niels ! Er litt , glaub ich , unter diesem Gegensatz . « Woldemar lachte . » Das kenn ich . Das kenn ich von meinem Vater her , der Dubslav heißt , was ihm auch immer höchst unbequem war . Und da reichen wohl nicht hundert Mal , daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater habe verklagen hören . « » Genauso hier « , fuhr der Graf in seiner Erzählung fort . » Wrschowitz ' Vater , ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze , war ein Niels-Gade-Schwärmer , woraufhin er seinen Jungen einfach Niels taufte . Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug . Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst , als der allmählich ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten Niels-Gade-Verächter ausbildete . Niels Gade war ihm der Inbegriff alles Trivialen und Unbedeutenden , und dazu kam noch , wie Amen in der Kirche , daß unser junger Freund , wenn er als Niels Wrschowitz vorgestellt wurde , mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete : Niels ? Ah , Niels . Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt . Und hocherfreulich , ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen . All das