, familiär nur die Mutter genannt , legte sich ins Küchenfenster und diskurierte mit , wenn ' s am Herde nicht mehr streng ging . Es waren ureingesessene Münchener , Isarthaler , die nicht höher schwuren , als bei ihrem » grünen Baum « . Ja , der war ihre eigentliche Heimat . Sie kannten von Urgroßvaterszeiten her seine Geschichte als wär ' s ihre eigene Familienchronik . Hier war das Zentrum ihrer bürgerlichen und landschaftlichen Eympathieen . Vom » grünen Baum « aus liefen ihre Interessen in die Stadt und in die Welt und wieder zurück . Isarthalauf- und abwärts kannten sie jeden Baum , jeden Strauch , jeden Stein , jeden Winkel , jede Ecke , jede Baracke . Und das alles war ihnen so aus Herz gewachsen , daß ihnen die leiseste Veränderung weh that . Den Abbruch einer alten Hütte , das Fällen eines morschen Baumes empfanden sie wie einen Schnitt ins eigene Fleisch und tagelang konnten sie darüber hin- und herreden . Auch die beiden andern Wirtschaften links und rechts in fünfzig Schritt Entfernung , das » Ketterl « und der » rote Thurm « , hatten die altmünchnerische Physiognomie treu bewahrt und erfreuten sich einer Stammgastschaft von untadelhafter konservativer Gesinnung ; allein mit dem » grünen Baum « konnten sie sich doch nicht messen . Im » Ketterl « hielten die Floßknechte und Holzhändler und die niederen Lände-Bediensteten mit Vorliebe Einkehr ; das waren derbe Hochgebirgler mit gewaltthätigen Manieren und Redeweisen , die sich nicht in die Münchener Bequemlichkeit und Ruhe fügen wollten . Dazu kam noch ein anderes , was den » grünen Baum « in eine höhere Sphäre rückte : die geschichtliche Weihe . Der » grüne Baum « war es nämlich , wo einst der erste königlich bayerische Prinz , auf einem Isarfloß aus dem schönen Oberlande kommend , gelandet war . Eine Inschrifttafel aus graugelbem Sandstein über der Thür auf der Flußseite bewahrte das Datum dieses denkwürdigen Ereignisses : » 14. September 1839 « und den Namen des Prinzen : » Seine königliche Hoheit Kronprinz Maximilian . « Diese Thatsache verknüpfte gleichsam den » grünen Baum « mit dem Schicksale des erlauchten Fürstenhauses der Wittelsbacher ; königlicher Glanz schimmerte über der Wirtschaft , der freilich mehr und mehr zu verblassen drohte , seit der jetzige König sich von der Stadt seiner Väter zürnend abgewandt . Wie eine wehmütige Erinnerung an entschwundene schönere Zeiten durchzog es auch heute wieder in dieser lauen Frühlingsnacht die Gespräche der biederen Gewerbsmänner am Stammtisch vor dem Küchenfenster . Einem neu eingetretenen Geschäftsführer der Turmuhrenfabrik wurde soeben die kronprinzliche Landungsgeschichte in liebevollster Breite und epischer Ausmalung von dem Senior der vollzähligen Stammtischgenossenschaft zum zehntenmal erzählt . Vater Homer konnte seine Odysseegeschichten nicht nachdrücklicher und anschaulicher darstellen ; und jeder nickte mit dem Kopfe und warf in den Kunstpausen , welche der alte Uhrmacher in seiner Erzählung anzubringen beliebte , seinen bekräftigenden Spruch dazwischen . » Da oben steht ' s auf der Inschrifttafel . « » Jedes Wort stimmt . « » Der selige Hitzelsberger hat sie gestiftet . « » Ja , ja , das war noch ein Floßmeister aus der guten alten Zeit . Er war immer da gesessen , wo ich jetzt sitze . Das war sein Platz . Hier hat König Ludwig , der Erste natürlich , mit ihm angestoßen und ihn wegen der Gedächtnistafel gelobt . « Dann folgten die zeitgeschichtlichen Abschweifungen mit zarten , kritischen Randbemerkungen : » Der alte Ludwig ist öfter hier gewesen und hat mit seinen Münchenern eine frische Maß getrunken , wenn er von seinen Reisen in Griechenland und Italien heimgekommen ist . Damals mischten sich die Könige noch unter das Volk . « » Es hat sich viel geändert . « » Leider . Und niemals zum Vorteil . « » Ja , der alte Ludwig ! So einen bekommen wir nicht mehr . « » Ich weiß noch , wie er ins Hofbräuhaus gegangen ist und sich am Brunnen selber seinen Krug ausgeschwenkt hat . Und aus seiner hintern Rocktasche - man hat damals die langen Schöße getragen - hat er seinen Rettig gezogen . Dann hat er wie jeder andere Bürgersmann seine Maß getrunken , oder auch zwei , und seinen Rettig dazu gegessen und sich leutselig mit den Gästen unterhalten . Ich seh ' ihn noch mit seinem hohen , weißen Hut und seinem langen weißgelben Rock . Die Schöße schlenkerten so zwischen den langen Beinen , weil er immer die tiefen Taschen voll hatte . So etwas gibt ' s nimmer . « » Ja , ja . Das muß wohl wahr sein . « » Seht einmal heute die Welt an . Alles ist anders . Drum ist auch bei Hoch und Niedrig keine Zufriedenheit mehr . « » Der Fürst gehört unter sein Volk , behaupt ' ich . « » Nicht so laut . Dort sitzen Hofstaller . Der mit dem schweren goldnen Uhrgehäng und den Fingern voll Brillanten schaut immer herüber mit seinem verschlagenen Dachsgesicht und spitzt die Ohren . « » Die haben sich jetzt freilich gut aufprotzen . « » So ein Kerl bildet sich mehr ein , als ein Minister . « » Es heißt , daß es in diesem Frühjahr mit dem Theaterseparatgespiel nichts wird . « » Wo Du nicht bist , Herr Organist , da hört das Musizieren von selber auf . Mit der Schloßbauerei im Chiemsee soll ' s auch aus sein . Überall stockt ' s. Die bewußten Millionen wollen nicht anrücken ... « » So ein Heidengeld . « » Was hätte man in München damit ausrichten können ... Aber nein , in die Berge wird ' s vermauert ... Das kracht doch einmal alles zusammen . « » Ja freilich , das kracht doch einmal alles zusammen , « bestätigte der eisbärtige Aufseher von der Filzwarenfabrik und hob die Neige seiner Maß zum Munde , nachdem er die rauhe , buschige Schnurre , die wie ein Vorhang