brandende Meer war doch nicht so entsetzlich einsam wie der schweigende Wald . Aber er ging diesmal einen andern Weg . Anstatt sich ganz links zu halten , bog er rechts ab und brauchte etwas mehr Zeit , bevor er ans Ufer kam . Hier spülten die Fluten in tiefe Buchten hinein , und die Gegend wurde mit jedem Schritt schöner . War an der entgegengesetzten Seite der Insel das Meer von großartiger , überwältigender Schönheit , brach dort donnernd die Brandung an die höhergelegene Küste , - so spielte es hier murmelnd und flüsternd wie ein stiller träumender See unter dem Schatten uralter , tief herabhängender Baumzweige , rings umgeben von weiten , duftenden Blütenfeldern . Schmale Landzungen liefen zu beiden Seiten langgestreckt bis tief in das Meer hinaus , daher war es so still und friedlich am Strand , daher verloren sich die letzten Wellen des Ozeans hier still unter den Zweigen der Bäume . Robert sah auf . Über der schmalen Bucht wölbten sich verschlungene Ranken zu einer Kuppel . Einzelne Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Gewinde , leichter , spielender Südwind bewegte die weißen und purpurnen Blüten , und die Vögel sangen . Robert ging mit leisen Schritten durch das Gras . Es war ihm wie in einer Kirche , wie damals , als er in dem weltabgelegenen kleinen Heimatdörfchen Rellingen vor dem Altar stand und eingesegnet wurde . Der Pfarrer hatte ihn gefragt , ob er ein guter , wahrhafter und ehrlicher Mensch bleiben wolle . - Sonderbar , auch diese Baumwipfel , diese hüpfenden Sonnenstrahlen , diese Urwaldstille schienen dasselbe zu fragen . Robert legte das Gesicht an den schlanken Stamm einer Palme und umfaßte das Holz , als sei es ein lebendes fühlendes Wesen . Er dachte an Mohr , an den toten geliebten Freund , dessen Augen er immer vor sich sah . Armer , alter Mann , wie glücklich war dein Sterben gegen das deiner ermordeten Kameraden ! Robert erinnerte sich so lebhaft des Toten , daß er ihn zu sehen glaubte . Dort unten , wo die Schatten tiefer fielen , im grünen Blattwerk der Schlingpflanzen , von Orangen und Palmen überragt - - - war es nicht des alten Freundes ernstes Gesicht ? - Roberts Knie zitterten . Er bog das Gebüsch zur Seite und schlich näher , mit pochendem Herzen , leise als beträte er einen Tempel . Ja , es war Mohr , dessen Leiche der Tod an die Erde verzeihend zurückgab , nachdem er um seiner Tat willen sein ganzes Leben die Menschen geflohen hatte . Robert trat ganz nahe an die Leiche heran und zog sie mit Aufbietung aller seiner Kräfte ganz auf den Strand . Er sah voll Rührung in das stille Gesicht des Toten ; ein Gefühl , als sei er nicht mehr so ganz verlassen und allein , bemächtigte sich seiner . Nun konnte er von dem Freund Abschied nehmen . Robert hatte nie eine Leiche gesehen . Er handelte wie unter dem Einfluß einer höheren Gewalt , wusch und reinigte zuerst das Gesicht seines alten Freundes von Blättern und Fasern , dann legte er den Kopf auf ein Polster aus dichtem blühenden Moos und faltete des Toten Hände . Obwohl er nie gesehen hatte , wie man eine Leiche bettet , so sagte ihm doch das natürliche Gefühl , was hier im Augenblick richtig und der Würde des Toten angemessen sei . Nach dreißig Jahren zum erstenmal wieder an Land , auf dem festen Boden der Erde , aber nur - um ein Grab zu finden ! Er streichelte das kalte Gesicht , er sprach in Gedanken mit dem teuren alten Mann und vergaß während dieser stillen Feier des letzten Abschieds , daß er ganz allein auf einer unbewohnten Insel im Weltmeer war . Er verstand jetzt , weshalb sich der Alte zu ihm so besonders hingezogen fühlte , er sah mit hellerem Blick in seine und in die eigene Vergangenheit . Ernster wurden seine Gedanken , immer klarer die Erkenntnis seiner Schuld . Vielleicht sah er Vater und Mutter nie wieder , vielleicht war der Wind , der spielend die Zweige und das Wasser bewegte , auch über ihre Gräber dahingeweht - sie hatten es nicht ertragen können , daß ihr einziges Kind so lieblos gehandelt hatte . Und dann - ja dann war er ihr Mörder , wie der alte Mann , dem ein einziger Augenblick der Leidenschaft die Waffe in die Hand gedrückt hatte . Der Gedanke war schrecklich . Und ohne zu wissen , was er tat , ohne zu wollen oder zu überlegen , beugte Robert die Knie und betete : » O Gott im Himmel , gib , daß dies nicht geschehe ! « Die Sonne stand schon hoch am Himmel , es wurde Zeit , das schwierige Werk zu beginnen . Robert entkleidete den Toten , wusch ihn und hüllte ihn in die Tücher , die er zu ganz anderem Zweck mitgebracht hatte . Dann ging er auf dem kürzesten Weg zu seiner Niederlassung zurück und holte einen Spaten , um das Grab auszuheben . Die Arbeit war nicht leicht , aber Robert hätte um keinen Preis den toten Körper seines alten Freundes unbeerdigt gelassen . Er grub und grub , bis sich der Tag neigte und bis ihm die Hände bluteten , dann legte er mit großer Anstrengung , so gut es ging , die Leiche in ihr letztes Bett . Das Grauen überwindend , sprang er in die Grube und brachte den Körper in die richtige Lage . Noch einmal suchte seine Hand die Rechte des Toten . » Schlaf wohl , lieber alter Freund ! « Und dann begann er das Grab zu füllen . Schaufel auf Schaufel fiel hinunter , und endlich war es getan . Robert wünschte sehnlichst , irgendein Andenken , ein Erinnerungszeichen anzubringen , aber nach längerem Überlegen ließ er den Plan fallen . Kamen die Räuber an den Strand , so konnten sie durch den Anblick des