auch ihre Heldinnen hinreißend in ihren Thränen sein lassen - hier aber auf diesem rosigen Ovale vertiefte sich kein Zug , nicht ein krampfhaft verzogenes Fältchen erschien , die zarte Haut zeigte keinen einzigen entstellenden roten Flecken , leise rieselten die hellen Thränenperlen über die Wangen - es war ein so vollendet künstlerisches Weinen , wie es sich der Maler zu einer Mater dolorosa nicht schöner denken kann ... Welch ein Unterschied zwischen ihr und jenem bleichen , überwachten und angstvollen Mädchengesicht am Bett des Kindes ! ... Jeden Abend erschien sie pünktlich in elegantem Schlafrock ; ein wunderfeines Spitzenhäubchen umschloß das bezaubernde Gesicht , und die feinen Hände hielten ein Andachtsbuch - sie wollte wachen . Ein und dasselbe Wortgefecht erhob sich jedesmal zwischen ihr und dem Professor , sie wiederholte stets ein und dieselbe Phrase der Verwahrung gegen Eingriffe in ihre mütterlichen Rechte und ging dann sanft weinend und klagend , um am anderen Morgen frisch wie eine Mairose aufzustehen . Es war der neunte Abend seit Aennchens Erkrankung . Das Kind lag in dumpfer Betäubung ; nur dann und wann rang sich ein unartikuliertes Lallen von seinen Lippen . Der Professor hatte lange , die Stirne sorgenvoll in die verschlungenen Hände gedrückt , am Bettchen gesessen ; da stand er plötzlich auf und winkte Felicitas in das Nebenzimmer . » Sie haben die vergangene Nacht gewacht und sich auch gestern und heute nicht einen Moment der Ruhe gönnen dürfen , und doch verlange ich noch weitere Opfer von Ihnen , « sagte er . » Diese Nacht wird entscheidend sein . Ich könnte nun zwar meine Kousine oder Rosa in die Nähe des Kindes lassen , denn es ist bewußtlos ; aber ich brauche wahrgemeinte Hingebung und Besonnenheit neben mir - wollen Sie heute noch einmal wachen ? « » Ja ! « » Doch es werden voraussichtlich Stunden der Angst und Aufregung , die Sie durchmachen müssen - fühlen Sie sich noch stark genug ? « » O ja - ich habe das Kind lieb und schließlich - will ich . « » Haben Sie ein so festes Vertrauen auf die Kraft Ihres Willens ? « Seine Stimme nahm bereits wieder jene milde Färbung an . » Er ist mir bis jetzt noch nicht treulos geworden , « entgegnete sie ; ihr bis dahin völlig ruhiger Blick wurde sofort eisig und abweisend . Die Nacht brach herein - eine süße , lautlos schweigende Frühlingsnacht ! Das volle , funkelnde Mondlicht schwebte über der schlafenden Stadt ; im Erkerzimmer des alten Kaufmannshauses streifte es gleichsam mit silbernem Flügel die stillen Bilder an den Wänden und hauchte ein fremdartiges Leben über die festgezauberten Gestalten ; die Blumen im Fußteppich leuchteten auf unter dem bleichen Licht und aus dem Krystallkronleuchter an der Decke sprühten Millionen Silberfunken ... Drin aber , im dunklen Krankenzimmer , kreiste eine furchtbare Gewalt über dem schmalen Bett - die Kreise wurden enger und senkten sich tiefer und tiefer auf den qualvoll ringenden kleinen Körper , das Kind lag in den heftigsten Krämpfen ... Der Professor saß neben dem Bett ; sein Blick ruhte unverwandt auf den zuckenden Gliedern und dem unkenntlich gewordenen , verzerrten Gesichtchen . Er hatte alles gethan , was im Bereich ärztlicher Kunst und menschlichen Wissens lag , und nun mußte er macht- und thatlos verharren und die Naturkräfte ihren erbitterten Streit allein auskämpfen lassen . Draußen schlug es zwölf mit lang aushebenden Schlägen . Felicitas , die still am Fußende des Bettes saß , schauerte in sich hinein ; es war ihr , als müsse eine dieser mächtigen Schwingungen die Kinderseele mit hinwegnehmen ... und wirklich wurde der heftig arbeitende Körper plötzlich schlaffer , die kleinen , festgeballten Hände lösten sich und fielen matt auf die Decke , und nach wenig Augenblicken lag auch das Köpfchen bewegungslos in den Kissen ... Der Professor hatte sich über das Bett geneigt - bange zehn Minuten verstrichen , dann hob er den Kopf und flüsterte bewegt : » Ich halte sie für gerettet ! « Das junge Mädchen bog sich forschend über die Kranke ; sie hörte tiefe , ruhige Atemzüge und sah , wie sich die kleinen , todmüden Glieder behaglich in den Kissen streckten . Lautlos erhob sie sich und ging hinaus in das Nebenzimmer . Sie trat in eines der weit offenen Fenster . Die würzige Nachtluft , in die sich bereits ein Hauch von herber Morgenröte mischte , strich erquickend an ihr vorüber ; sie lehnte das müde Haupt an die steinerne Fenstereinfassung , während ihre gefalteten Hände schlaff niedersanken . Auf dem Simse stand ein Theerosenstrauch ; er hatte eine einzige prachtvolle Blüte - doppelt bleich im weißen Mondenglanz , hing sie schaukelnd über der blassen Stirn , dem flimmernden Haar des Mädchens ... Felicitas ' Pulse klopften fieberhaft - kein Wunder ; da drin in dem dumpfen , schwülen Raum war ja der Tod hart an einem Menschen vorübergeschritten ; die Spannung ihrer Nerven während der letzten Stunden war eine furchtbare gewesen - kein anderer Laut , als das vereinzelte schrille Aufkreischen des Kindes hatte ihr Ohr getroffen ; sie hatte nichts gesehen , als den zuckenden Körper der Kranken und das stumme bleiche Gesicht des Arztes , der nur durch Winke und Blicke ihre Hilfeleistungen forderte - vier enge Wände umschlossen ihn und sie allein ; sie wirkten zusammen in Ausübung der Nächstenpflicht und Barmherzigkeit , während die tiefe Kluft des Hasses und des Vorurteils zwischen ihnen lag . Die heißen , trockenen Augen des jungen Mädchens starrten durch das gegenüberliegende Eckfenster nach der mondbeleuchteten Front des Rathauses . Die Statuen zu beiden Seiten der Uhr , eine Muttergottes und der heilige Bonifacius , traten geisterhaft lebendig aus ihren Nischen hervor - was half es , daß sie schützend und segnend da droben standen ? Dicht unter ihnen war doch das Unglück geschehen . Die drei hohen Fenster dort , die jetzt silbern glitzerten , hatten an jenem unglückseligen Abend die rote Glut einer feenhaften Beleuchtung