, daß dies im Grunde wenig genug war . Er fühlte tief das Unzulängliche dessen , was ihm die Herren von ihren Kathedern doziert hatten , aber er fühlte noch etwas anderes , und das war das , was der Professor Vogelsang und die meisten übrigen Mitglieder der hochpreislichen , ehrwürdigen Fakultät nicht gelten lassen wollten , weil sie es nicht lehren konnten . Er befand sich auf dem Wege , um das geliebteste Wesen sterben zu sehen ; der Dunkelheit schritt er entgegen , und Dunkelheit ließ er hinter sich zurück . Einst hatte er dem Walde und den Vögeln gepredigt , weil die Welt von seinen Gefühlen nichts wissen wollte , und er hatte sich nie darüber beklagt . Nun schien der Hunger nach dem Wissen tot , aber die Gefühle waren noch lebendig und drängten sich empor und um sein Herz zusammen ; sie wurden zu dem bittersten Schmerz , welchen der Mensch erdulden kann . In diesem Augenblick unterschied sich nichts in dem drängenden Gewühl : der Schmerz um die Mutter , Enttäuschung , Sorge und Furcht vermischten sich ; und wunderlicherweise klangen dazwischen scharf und schneidend längst vergessene Worte auf , welche Moses Freudenstein einst gesprochen hatte . Hans Jakob Unwirrsch befand sich auf diesem Wege in ähnlicher Stimmung wie ein anderer Hans Jakob , der vor langen Jahren von Annécy nach Vevey ging und von diesem Weg schrieb : » Combien de fois , m ' arrêtant pour pleurer à mon aise , assis sur une grosse pierre , je me suis amusé à voir tomber mes larmes dans l ' eau ! « Immer der Wind ! Er jagte den ganzen Tag dunkeles Gewölk über den grauen Himmel , doch fiel kein Regentropfen herab . Er wühlte in den Hecken um die verwilderten , unordentlichen Gärten , wo die vertrockneten Sonnenblumen und Stockrosen kläglich die Köpfe hingen . Er rüttelte an den Fenstern des Dorfwirtshauses , wo Hans sein Mittagsmahl einnahm , und umbrauste das Haus und wartete grimmig auf den Wanderer , der sich für einen kurzen Augenblick ihm entzogen hatte . Er hatte sein Wesen um den Reisewagen , der unter dem Schlagbaum anhielt , und schlug dem Kutscher den weiten Mantelkragen so um die Ohren , daß der kaum das Wegegeld hervorlangen konnte . Durch das Fenster warf Hans einen gleichgültigen Blick auf diesen Wagen ; aber im nächsten Augenblick sah er doch schärfer hin . Der Ledervorhang an der Seite des Wagens war zurückgezogen worden , ein junges Mädchen sah heraus und blickte die traurige Landstraße hinab . Der Wind hob den schwarzen Schleier von dem schwarzen Trauerhut und hatte nicht mehr Mitleid mit dem bleichen , traurigen Mädchenangesicht darunter als mit jedem andern Ding , welches ihm in den Weg kam . Aber auf Hans Unwirrsch machte dieses Gesichtchen einen desto größern Eindruck . Der Kummer begrüßte den Kummer , und der Schmerz , der zu Fuß die Landstraße beschritt , neigte sich vor dem Schmerz , welcher im Wagen durch die Staubwirbel rollte . Dieses kindliche , abgehärmte Gesicht paßte ganz zu der Stimmung , in welcher Hans sich befand ; er hätte gern mehr gewußt von diesem ihm jetzt noch unbekannten fremden Schicksal . Aber der Kopf des Mädchens zog sich zurück , und an seiner Stelle erschienen ein grauer Schnauzbart und eine alte Militärmütze . Ein Schnapsglas wurde voll in den Wagen hineingereicht und kam sehr rasch leer wieder zum Vorschein ; auch der Kutscher hatte es möglich gemacht , sich trotz des heftigen Kampfes mit seinem Mantelkragen ebenfalls durch einen Trunk , der nicht unmittelbar aus der Quelle kam , zu stärken . Hoho ! Vorwärts ! Die Pferde zogen an , mit seiner Staubwolke rasselte das alte Gefährt davon , der Wind war hinter ihm her wie der Schweißhund auf der Fährte , und es war mehr als merkwürdig , daß er , als Hans nun auch hervortrat aus dem Haus zum Goldenen Hirsch , ihn ebenfalls triumphierend-ärgerlich in Empfang nahm und ihn dem Wagen nachblies . Die Leute im Goldenen Hirsch hatten nicht sagen können wer der alte militärische Herr und die junge Dame in Trauerkleidung seien , sie kannten nur den Kutscher , die beiden hagern Gäule und das alte baufällige Fuhrwerk und sagten aus , daß diese vier Stücke öfters von Reisenden gedungen würden , weil sie hier oft das einzige Mittel zum Weiterkommen seien . Zu allen seinen übrigen Gedanken hatte Hans nun noch das Bild des lieben Gesichtchens auf seinem Wege durch den dunkeln Nachmittag . Es kam ihm immer von neuem vor die Seele , er konnte nichts dagegen tun . So zog er fort und hielt nicht eher wieder an , bis die Dämmerung dichter wurde und das Städtchen , in welchem er Nachtquartier nehmen mußte , erreicht war . Dämmerung war freilich den ganzen Tag über gewesen , und der Abend konnte an der Beleuchtung der Welt wenig ändern . Aber nun sank die Nacht herab und machte gemeinschaftliche Sache mit dem Winde , und wenn der Teufel als Dritter zum Bunde getreten wäre , so hätte er die Sache nicht viel schlimmer machen können . Es war nicht des Windes Schuld , wenn die alten , schiefen Häuser des Landstädtchens , in welches Hans jetzt einzog , am andern Morgen noch aufrecht standen . Die Lichter schienen in den Stuben hinter den Fenstern zu flackern , und die wenigen Menschen , die sich noch in den Gassen befanden , arbeiteten schräg vor - oder zurückgelehnt dem Sturme ihren Weg ab . Haustüren flogen mit donnerndem Krachen zu , Fensterladen mit Geprassel auf , und der einzige Glaser im Ort horchte mit ganz einzigem Vergnügen auf jedes helle Klingen und Klirren in der Ferne . Wenn aber der Wind das Städtchen im allgemeinen doch stehenlassen mußte , so konnte er noch viel weniger dem Wirt zum Posthorn was anhaben . Den Mann von seinen Füßen zu blasen und auf die Erde zu setzen wäre in