eines höchsten Gerichtshofes , und vor Allem ist Grünwald , wie jeder weiß , eine Universität , wenn auch das Licht , das von diesem Musensitz ausstrahlt , nicht gerade weit in die Lande dringt . Ueberdies ist Grünwald die Residenz des in dieser Provinz und besonders in diesem Theile der Provinz so mächtigen , reich begüterten Adels . Wenn die Kornernten auf ihren weiten Feldern eingeheimst sind , wenn die Blätter von den Bäumen ihres Parkes wehen und die Krähen aus den entlaubten Wäldern in die Städte ziehen , dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren drüben von der Insel und aus der Umgegend in ihren schwerfälligen , vierspännigen Staatscarossen zur Stadt gefahren und richten sich mit Kindern , Dienerschaft und Hauslehrern und Gouvernanten für den Winter ein in den stattlichen Häusern , die sie überall in der Stadt besitzen und die sich den Sommer über durch öde Schweigsamkeit , heruntergelassene Fenstervorhänge und das Gras , das zwischen den Steinen der Rampen in idyllischer Ruhe wuchs , vor den gewöhnlichen Häusern auszeichneten , die von ordinären , Steuer zahlenden , unprivilegirten , Sommer und Winter arbeitenden Menschen bewohnt sind . Dreizehntes Capitel Es ist Herbst . Die Thürme von Grünwald ragen aus dem Nebel , der aus dem Meere steigt , wie graue Riesen der Vorzeit , und um die grauen Riesenthürme flattern und schreien die Krähen und Dohlen , die aus den unwirthlichen Wäldern in die warme Stadt gezogen . Die Sonne ist bereits seit einer Stunde im Meere untergesunken . Der letzte blutrothe Streifen der schweren , tief ziehenden Wolken ist verblichen . In den Straßen der Stadt ist es still geworden , und der Laternenmann entzündet eine nach der andern die Oellampen , deren spärliches Licht nur dazu dient , den Nebel noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu machen . Eben hat er vor dem Portale eines großen , massiven Hauses in einer der vornehmsten Straßen zwei besonders stattliche und helle Laternen angezündet , - zum ersten Male in diesem Jahre - ein Beweis , daß die hochadlige Familie , welcher dies Haus erb-und eigenthümlich gehört und die den Sommer stets und manchmal auch den Winter auf ihren Gütern zu verleben pflegt , erst seit heute ihre Residenz in der Stadt bezogen hat . Doch sind die nach der Straße blickenden Fenster des Hotels dunkel . Sie erhellen sich überhaupt selten , nur bei feierlichen Gelegenheiten , wenn die Familie eine der steifen Abendgesellschaften giebt , zu der selbstredend nur der Adel und von den Bürgerlichen höchstens die obersten Spitzen der Behörden geladen werden . Für gewöhnlich aber bleiben diese Prunkgemächer verschlossen , wie die hohen Säle und Zimmer auf dem Stammschlosse , und die Familie begnügt sich mit den weniger pomphaften Räumen , die nach dem Hof hinaus liegen und dem überaus bescheidenen , anspruchslosen Sinn der Herrin bei weitem mehr zusagen , besonders auch deshalb , weil diese Räume weniger schwer zu heizen und die Forsten des Grenwitzer Majorats nur für die lächerlich geringe Summe von jährlich zehntausend Thalern verpachtet sind . In einem dieser ( übrigens noch immer stattlichen ) Zimmer sitzt die Baronin Grenwitz auf dem Sopha an einem runden , teppichbedeckten Tische , auf dem zwei Wachskerzen brennen . Sie scheint seit den letzten acht Wochen um eben so viel Jahre gealtert . Ihre Stirn ist eckiger und schmaler geworden ; ihre Augen sind noch größer und noch um vieles starrer und unheimlicher als sonst . Ihr gegenüber in einem großen , weichgepolsterten Lehnstuhl lungert in einer halb liegenden Stellung ihr Neffe Felix . Der junge Mann trägt den rechten Arm in einer Binde und die krankhafte Blässe seines verwüsteten Gesichts contrastirt seltsam mit den , wie immer , sauber gescheitelten und gelockten Haaren und der , wie immer , überaus sorgfältigen Toilette . Zwischen den Beiden auf dem Tische sind Briefe und Papiere ausgestreut , die alle von derselben hübschen Hand geschrieben sind . Die Baronin und Felix scheinen so eben die Lectüre dieser Schriftstücke beendet und die Gedanken , welche durch dieselbe in ihnen erregt sind , noch nicht so weit gesammelt zu haben , um sie aussprechen zu können . Sie brüten schweigend über dem empfangenen Eindrucke , während der Pendel in der Rococouhr auf dem Kamine sein monotones Tictac durch die Stille des Zimmers ertönen läßt . Endlich unterbrach der junge Mann das Schweigen . Die Sache sieht ernsthafter aus , als wir Beide gedacht haben , sagte er , sich in seinem Lehnsessel in die Höhe richtend und das zuletzt gelesene Papier wiederum zur Hand nehmend . Ich glaube noch immer von all Dem kein Wort , erwiderte die Baronin . Das ist stark , liebe Tante ! trotzdem Sie die ganze miserable Geschichte schwarz auf weiß gelesen . In Timms Hand ! von Timms Hand ! was kann der Bube nicht Alles erfunden und zusammengeschrieben haben ! Sicher nichts , als was in den Originalen steht . Und weshalb schickt er uns nicht die Originale selbst ? Aber , verzeihen Sie , liebe Tante , diese Frage ist beinahe naiv . Uns die Originale ausliefern , das heißt : die Waffen , die er gegen uns in Händen hat , wäre ein Edelmuth oder ein Leichtsinn , den Sie einem so schlauen Fuchs , wie meinem guten Freunde Timm , doch unmöglich im Ernst zumuthen können . Daß er nicht entlarvt , sondern nur von uns überlistet oder überrumpelt zu werden fürchtet , beweist sein Anerbieten , die Originale jederzeit in Gegenwart eines unparteiischen Dritten unserer genauesten Prüfung zu unterwerfen . Nein , nein , liebe Tante , geben Sie sich keinen leeren Hoffnungen hin . Diese Briefe und Papiere existiren wirklich , darauf können Sie Gift nehmen . Was ? Ich meine , darauf können Sie sich verlassen . Ich meinerseits bin von der Verwandtschaft des Monsieur Stein mit der Familie der Grenwitz überzeugt , wie von meinem eigenen Dasein und hasse demzufolge den Menschen , wie man einen