und schlich zu seinem Stuhl zurück . Ein Männertritt ließ sich auf der Treppe vernehmen ; Ludwig Tellering trat ein . Er trug den Brief in der Hand , welchen Friedrich Wolf in der vergangenen Nacht seinem Vater gegeben hatte . An die Überreichung desselben knüpfte er zugleich die Bitte , der Herr Polizeischreiber möge ihm - Ludwig Tellering - einen Atlas und ein Geographiebuch mit » recht viel über Italien , Paris und Amerika drin « leihen . Er erhielt das Verlangte und empfahl sich mit höflichem Gruße , um den ganzen Sonntag über eifrig sich dem Studium der Länder zu widmen , der Länder , nach welchen Marie Heil gegangen war . Zweifelnd wog der Polizeischreiber das versiegelte Schreiben in der Hand , dann bat er in so ernstlicher Weise den gutmütigen Julius , sich zu packen , daß dieser der Bitte doch endlich nachkam . Nun erbrach der Alte den Brief ; ein kleines Billett , gerichtet an Robert Wolf , fiel heraus ; der Schreiber behielt es fürs erste noch in der Hand und vertiefte sich ganz und gar in die Lektüre des an ihn selbst gerichteten Briefes : Das Schreiben lautete : » Geehrter Herr ! Die Geschicke der Menschen , welche weit voneinander ihre Bahnen geführt werden , können sich kreuzen , und Verpflichtungen können entstehen , während die Beteiligten körperlich vielleicht niemals sich nahe treten . Der letztere Fall ist zwischen uns beiden eingetreten , und der Bruder Robert Wolfs weiß nicht , wie er seinen Dank aussprechen soll für das , was Sie an jenem armen Knaben getan haben . Ich habe alles erkundet , was die Geschichte meines Bruders betrifft ; ich bin ihm in den letzten Tagen näher gewesen , als er sich träumen ließ . Ich habe überlegt und bin zu der Gewißheit gekommen , daß ich nicht vor ihm und somit auch nicht vor Ihnen , teurer Mann , erscheinen darf . Der Knabe wird mich für den Zerstörer seines Glücks , für seinen Feind ansehen ; ich will ihm ersparen , daß er einst die Stunde eines unzeitgemäßen Wiedersehens verwünsche . Die Jahre werden ihn beruhigen und ihm alles das , was er jetzt durch solch ein häßliches Medium sieht , in dem wahren Lichte zeigen ; dann wird der Bruder dem Bruder freudig die Arme öffnen können . Eva Dornbluth , meine Braut , die unschuldige Ursache seines Schmerzes , führe ich mit mir fort , sie gehört mir an und wird nicht mehr dem armen Robert in den Weg treten . Auch sie sagt Ihnen ihren tiefgefühltesten Dank und küßt Ihnen die Hand , die Sie so barmherzig , so schutzreich über Robert Wolf ausgestreckt haben . Wenn Sie , geehrter Herr , diesen Brief durch den Meister Tellering empfangen , sind wir weit von hier entfernt ; wir werden den Winter in Italien zubringen und im Frühling die See kreuzen . Von New Orleans werde ich Ihnen weitere Mitteilungen machen . Ich habe vernommen , daß mein Bruder Fähigkeiten gezeigt und Kenntnisse erworben hat , ich will das Meinige dazu tun , daß ihm in Zukunft alle Wege zu letzteren offenstehen sollen . Nach hiesigen Begriffen bin ich ein reicher Mann ; aber wie arm fühle ich mich , wenn ich bedenke , was Sie einem unglücklichen fremden Knaben , was Sie meinem Bruder geben ! Einige Wechsel auf das Haus Wienand schließe ich bei und bitte , die Summen zur Erziehung und Ausbildung Roberts nach Belieben und bester Einsicht zu verwenden . Eva schreibt einige Worte an Robert ; ich kann mir sehr lebendig vorstellen , wie der Knabe den Brief der Armen behandeln wird . Leben Sie wohl ; Sie sollen immer einen dankbaren treuen Freund finden an Frederic Warner , alias Friedrich Wolf aus Poppenhagen im Winzelwalde . « Der Polizeischreiber Fritz Fiebiger nickte fünf Minuten lang mit dem Kopf ; dann schloß er vorsichtig die Wechsel in seinen Schreibtisch . Dann nickte er wieder fünf Minuten hindurch mit dem Kopf , stopfte eine Pfeife , zündete sie an , betrachtete das Billett Eva Dornbluths , betrachtete den brütenden Robert Wolf und sagte zuletzt : » Dein Bruder Fritz hat mir soeben geschrieben . Hast du gewußt , daß Fräulein Eva Dornbluth und er längst Verlobte waren , als du dich in das Mädchen verliebtest ? « Der Knabe zitterte an allen Gliedern und stammelte einige ziemlich unverständliche Worte . » Sprich deutlich « , sagte der Schreiber . » Ich habe es ihr nie geglaubt ; sie waren ja noch Kinder , als sie zusammenlebten « , flüsterte Robert . Der Schreiber zuckte komisch die Achseln : » Und was bist du denn eigentlich , mein Junge - wenn ich fragen darf ? Hier , da hast du einen Brief von der Dame ; ich hoffe , du beträgst dich anständig und vernünftig . « Robert Wolf griff nach dem Billett ; aber schon als er die hastige und doch zierliche Handschrift erblickte , betrug er sich nicht anständig und vernünftig . Mit zitternder Hand zerriß er den Umschlag und las . Er wurde rot und bleich und murmelte zwischen den Zähnen : » Mein Bruder - sie - unschuldig - Freundschaft - Fluch ihnen ! « Er zerriß wirklich den Abschiedsbrief Eva Dornbluths ! Er weinte aber nicht mehr ; - jetzt war er das unbestrittene Eigentum des Polizeischreibers Friedrich Fiebiger geworden ; auf wie lange , das war freilich eine andere Frage . Pique-Dame war aus dem Spiel ; aber es gibt noch mehr Kronenträgerinnen zwischen den Karten ; glücklich diejenigen , welchen Herz-Dame herausfällt und welche damit das Spiel gewinnen ! Dreizehntes Kapitel Blick über die Dächer . Veränderte Aussichten und Ansichten Die verehrlichen Leser werden gebeten , sich den Erzähler vorzustellen , wie er steht , seine Historie gleich einer Frucht in der Hand hält , wie er mit bedenklicher Miene sich abmüht , den Kern aus der Schale zu lösen , und sehr in Sorgen