wäre seine Milde bewundernswerth gewesen . Er dächte daran , setzte sie hinzu , sie ganz so glücklich zu machen , wie er ... wie sie ... selbst es zu werden wünschte . Lucinde ! rief Klingsohr voll Entzücken und warf Gabel und Messer fort . Wann wirst du mein ? Bald ! Bald ! » Balde auch du ! « singt Goethe . Warum kommt mir das traurige » Ueber allen Wipfeln ist Ruh « in diesem Augenblick ! Nicht wahr ? Die Speisen - sind vergiftet ? Als Lucinde ein Ja ! nickte und dabei auffuhr , um nach der Fortsetzung des Mahles zu klingeln , verfolgte er sie . Hexen , sagte er , Giftmischerinnen gab es von je auf Neuhof ! Du selbst bist eine von diesen alten Alraunen , diesen Zauberweibern ... gerade so eine Hexe , wie meine Mutter von einer erzählte , die sie das Fräulein Gülpen nannte ... Au ! unterbrach er sich selbst mit einem leisen Schrei . Was ist ? fuhr sie doppelt betroffen zurück . Klingsohr hatte den Namen der Hauptmännin in dem Augenblick ausgesprochen , wo er seine röthlichen kurzen Locken an ihr Brusttuch drückte ... Er antwortete : Wenn ich dich küssen soll , mein Kind , was soll es taugen , Daß du mit Nadeln dir besteckst die Brust ! Den Liebenden war immer nur bewußt : Gott Amor sticht ins Herz und keinem in die Augen ! O ! rief Lucinde und sah ihr Vergehen ... An der Wange , dicht neben einer seiner vielfach schon zwischen ihnen besprochenen Narben , hatte eine Nadel ihm eine leichte Schramme gerissen . Lucinde riß die Nadel vom Tuche , griff nach der Krystallflasche voll Wasser auf dem Tische , goß Wasser in die hohle Hand , tauchte ihr Taschentuch ein und drückte es ihm auf die wunde Stelle . Dabei war ihr das Brusttuch entfallen und ihr langer dunkler Nacken schimmerte unbedeckt bis zu den Schultern , ihr bräunlicher Hals bis zu den hohen Wölbungen ihrer Brust . Eben brachte man zwei Leuchter , je drei brennende Kerzen . Als dann Klingsohr und Lucinde wieder allein waren und sich , auch um ruhiger zu werden , aufs neue zum Mahle gesetzt hatten , richtete sie eine Frage an ihn über Klingsohr ' s Mutter , über die Gülpen , ob er diese gekannt hätte und was er von ihr wisse ... Er beantwortete sie mit einer Apostrophe an die Speisen : Fräulein von Gülpen ? Ich kannte sie nicht . Aber sie nennen und fragen : Was mag in dieser Spargelsauce enthalten sein , ist eins ! Recht so , Lucinde ! Nehmen Sie nichts davon ! Diese jungen Erbsen haben eine grünliche Farbe , die über das Pflanzenreich hinaus sich in das Mineralreich verliert ; ich wette , man kochte sie in derjenigen kupfernen Pfanne , die seit dem letzten der unerklärten Todesfälle auf Schloß Neuhof noch immer nicht verzinnt worden ist . Diese Hühner hört ' ich noch vor einer halben Stunde im Hofe gackern ! Sie erwecken unwillkürliche Mordgedanken , und nur der Champagner weckt mir kein Jugendmärchen auf von der alten westfälischen und Tugendbundzeit , in der ich 1809 geboren wurde . Da gab es hier , während mein Alter im Walde geheim mit den Rächern dingte , Corinnen in griechischen Gewändern , die über Kassel aus den Spielhöllen Venedigs und Neapels kamen , Spanierinnen , die wie Amazonen ritten , Creolinnen , deren Männer ihren Kopf auf den Schaffoten der Französischen Revolution gelassen hatten und mit dem ihrigen doch noch den Bruder Bonaparte ' s , was sag ' ich , ihn selbst verrückt machten ... Aber die Gülpen ? Die soll an diesem Minnehof nur die Ceremonienmeisterin gewesen sein ! Der buckelige Landstreicher mit der Geige hat geplaudert ? Laß dir von dem erzählen oder von seinen Alten hinten ... nein , die sind seit den grauen Tagen stumm geworden ... Worüber ? Die Gülpen , oder wie sie sich von einem Jäger , der sie heirathen wollte , nannte , Buschbeck - Einem Jäger ? Jetzt einem Mönche ! Drüben im Franciscanerkloster Himmelpfort ! Hast du nie vom Bruder Hubertus gehört ? Die Mönche dürfen nicht auf Neuhof ... Der Jäger war ein Soldat in holländischen Diensten ... Hauptmann ... Feldwebel , Kind ! Vielleicht als Lieutenant entlassen ! Er ist Laienbruder drüben ... Und war nie verheirathet ... Mit wem ? Der Hauptmännin - Was sag ' ich ... Der Bruder Hubertus kam von den Wilden und ging zu den Wilden ! Hier galt keine Ordnung und kein Gesetz und kein Priester ! Hast du nicht gehört , daß der Kronsyndikus noch eine Frau am Leben hat ? Wie ? Wer ? Noch eine Frau ? Der Kronsyndikus ? In Italien ! Man sagt es ... Kinder gibt es aller Orten genug von ihm ... oder er spielte wenigstens ohne zu wissen den Landesherrn , in dessen Bildniß auf den Groschen sich alle Frauen in gewissen Umständen versehen müssen ! Sie essen ja nicht , Doctor ! lenkte Lucinde erröthend ein . Ich trinke ! antwortete Klingsohr . Stoß ' an , sagte er , wie immer je nach der Stimmung abwechselnd mit Du und Sie ; stoß an , Lucinde ! In Italien schickte er an Jérôme plötzlich einen Kurier , daß er nach Hause kommen sollte ... Graf Zeesen , sagte man , hätte ihn bereden wollen , in ein Kloster zu gehen ... Der Musikant meint , seine Alten hätten als Grund des Zurückmüssens immer etwas von der zweiten gnädigen Frau gemunkelt ! Die noch lebe ? Nein , der Freiherr ist nur einmal verheirathet gewesen ! Ganz recht ! unterbrach Klingsohr . Die Schwester vom Grafen Joseph drüben , dem Letzten des Hauses Dorste-Camphausen auf Westerhof ! Sie starb früh , nachdem sie zwei Söhne geboren ; sie starb , sagt man aus Gram über die Aufnahme jener Gülpen ins Haus . Diese regierte .