, alter Herr , ich kann Sie so nicht weggehen lassen - ich habe Gewissensbisse und muß erst Öl in Ihre Wunden gießen ! Hören Sie , meine Tante teilt die Bücher in zwei Arten : gute , über welchen sie nach Tisch einschlafen kann , und schlechte , bei denen das nicht geht . Ihre Chronik würde sie unter die ersteren rechnen , wenn sie , aufgewühlt , ihr in die Hände fallen sollte . Adieu ! « Ich wandte dem unverschämten Gesellen lachend den Rücken und marschierte ab . Am Abend Ich bin zurückgekommen von meinem Spaziergang und sitze wieder allein und einsam vor den zerstreuten Bogen meiner Chronik . Der Karikaturenzeichner hat wirklich ein Blatt vollgekritzelt , alle meine Federn verdorben , einen Dintenklecks auf den Fußboden gemacht , meinen Siegellackvorrat zerbissen , zerdreht und zerbrochen und - eine Ecke von meinem Schreibtisch abgeschnitzelt . - Er hat mir fast die Fortsetzung der Aufzeichnung meiner Phantasien verleidet , und es war doch so süß , wenn der Blick an irgendeinen Gegenstand meines Zimmers , dort an jenes kleine leere Messingbauer , an jenen Sessel vor dem Nähtischchen , an ein altes Blatt , eine vertrocknete Blume , eine bunte Zeichnung in meiner Mappe sich festhing und allmählich eine Erinnerung nach der andern aufstieg und sich blühend und grünend darumschlang . Wir sind doch törichte Menschen ! Wie oft durchkreuzt die Furcht vor dem Lächerlichwerden unsere innigsten , zartesten Gefühle ! Man schämt sich der Träne und spottet ; man schämt sich des fröhlichen Lachens und - schneidet ein langweiliges Gesicht ; die Tragödien des Lebens sucht man hinter der komischen Maske zu spielen , die Komödien hinter der tragischen ; man ist ein Betrüger und Selbstquäler zugleich ! - Mit einem Kinderbaukasten verglich Strobel diese bunten Blätter ohne Zusammenhang ? Gut , gut - mag es sein - ich werde weiter damit spielen , weiter luftige , tolle Gebäude damit bauen , da die fern sind welche mir die farbigsten Steine dazu lieferten ! Ich werde von der Vergangenheit im Präsens und von der Gegenwart im Imperfektum sprechen , ich werde Märchen erzählen und daran glauben , Wahres zu einem Märchen machen und zuerst - die bekritzelten Blätter des Meisters Strobel der Chronik anheften ! Hier sind sie : Strobeliana 3 Uhr . - Ich habe mir eine Zigarre angezündet , den Bogen neben mich ins Fenster gelegt und beginne meine Beobachtungen . Zuerst bringe ich zu Papier natürlich das Wetter : das holdseligste Himmelblau , den prächtigsten Sonnenschein . Hätte ich nur einen Funken poetischen Feuers in mir , so würde ich mir beide durch ein junges , schönes Paar personifizieren , welches da hoch oben im Himmelszelt auf seinem weißen , weichen Wolkendivan tändelt und kost und total vergessen hat , daß noch soviel hunderttausend deutsche Hausfrauen auf - Märzschnee warten zum Seifekochen ! Wahrhaftig , da ist ja eine Fliege ! Welch ein Fund für einen Chronikenschreiber ! Summend stößt sie gegen die sonnebeschienenen Scheiben , die wir schnell schließen wollen , um das arme Tierchen zu seinem Besten vor dem heuchlerischen Frühling da draußen zu bewahren . Sie scheint auch jetzt ihre Torheit einzusehen , sie läßt ab und umfliegt mich . Halt , jetzt setzt sie sich auf meine Knie nach mehreren vergeblichen Angriffen auf meine Nasenspitze ; sie nimmt den Kopf zwischen beide Vorderbeine , kratzt sich hinter den Ohren und - - - kleiner ..... ! - Dahin geht sie , eine Spur hinterlassend auf meinem Knie und - in der Chronik der Sperlingsgasse . Ich wollte , es gäbe ein Sprichwort : » Schämt euch vor den Fliegen an der Wand . « Um wieviel menschliche Tollheiten und Torheiten schnurren diese winzigen Flügelwesen ! Wer weiß , was der Punkt , den der kleine Tourist da eben niedergelegt hat , eigentlich bedeutet ? Wer weiß , ob es nicht ein deponiertes Tagebuch ist , voll der geistreichsten Bemerkungen , ein Tagebuch , das man nur aufzurollen und zu entziffern brauchte wie einen ägyptischen Papyrus , um wunderbare , unerhörte Dinge zu erfahren ? Welch eine Revolution wurde es hervorbringen , wenn dem so wäre , wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schämen müßte ! Wie würden die Fliegenklatschen in Gang kommen ! Arme Fliegen ! Kein » redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jacke « würde euch mehr verschonen » zur Wintergesellschaft « . Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten und höchstens einige , in Uniform gesteckt , mit einer Kokarde auf jedem Flügel , als Regierungsbeamte besolden . Es wäre schrecklich , und ich breche ab . - 3 1 / 4 Uhr . - Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt ! An solchen Vorfrühlingstagen , wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschüttelt hat , ist ' s , wo die Sehnsucht nach der Ferne uns am mächtigsten ergreift . Es ist ein sonderbares Ding um diese Sehnsucht , die wir nie verlieren , so alt wir sein mögen . Da zupft etwas an unserm tiefsten Innern : Komm heraus , komm heraus , was sitzest du so still , du Tor , und hältst Maulaffen feil ? Hier findest du nicht , worüber du grübelst , wonach du dich sehnst , ohne es zu kennen Sieh , wie blau , wie duftig die Ferne ! Viel , viel weiter liegt ' s ! Komm heraus , heraus ! Bah , diese blaue , duftige Ferne : wie oft hab ich mich von ihr verlocken lassen . Die Erde läßt uns ja nicht los ; wir sind ihre Kinder , und sie ist nichts ohne uns , wir nichts ohne sie . - Folge jetzt der lockenden Stimme , deine Füße werden schon in den weichen Boden versinken ; närrische Sprünge wirst du mit den Erdklößen an den Stiefeln machen ! Fühle , daß zur Zeit , wo die Sehnsucht am stärksten ist , auch die