mochte ich eine halbe Stunde im furchtbarsten Gedränge gestanden haben , da entstand vor der Türe des Domes eine unruhige Bewegung ; die Mäuler flüsterten , die Hälse reckten sich , die Regenschirme wurden geschlossen , und Federbüsche und lange Schnurrbärte und kriegerische Figuren nickten in den Domhof hinaus . Voran der Erzherzog Reichsverweser und der König von Preußen . Der Reichsverweser ist ein kleiner alter Mann mit gutmütigem Gesichte und mit großem kahlem Schädel . In der Tat , dieser ernste Schädel hängt über dem freundlichen Antlitz wie ein Gletscher über einem friedlichen Alpentale . Der alte Herr nahm sich ganz liebenswürdig in dem grauen Soldatenmäntelchen aus ; nach der frommen Hitze des Domes schien es ihn in der feuchten Außenwelt zu frösteln ; er hielt die Krempe des Mantels fest aneinander und trippelte vorsichtig über die glatten Steine . Wenn ich nicht den tiefsten Respekt vor dem Reichsverweser hätte , so glaube ich , daß mir das Lachen näher gewesen wäre als das Weinen . Es ist nämlich ein Fehler meiner Einbildungskraft , daß ich mir einen Kaiser oder einen Reichsverweser noch immer wenigstens 7 Fuß hoch denke , mit furchtbaren Lenden , breiter Brust , schrecklichem Barte - mit einem Worte , ein Kaiser mußte meiner Meinung nach ein Eisenfresser sein , ein Mann , der bei jedem Ritt ein oder zwei Hengste zuschanden reitet , der die Türken lebendig frißt und , allezeit Mehrer des Reiches , mit einem Säbel über das Pflaster rasselt , bei dem einem alle Schrecken des Jüngsten Gerichtes einfallen . Wie freute ich mich daher , als ich das friedliche Antlitz des alten Johann erblickte . Es wurde mir ganz familiär zumute , ich würde den Hut vom Kopfe gerissen und ihn bewillkommend geschwenkt haben , wenn nicht meine Hände in den Taschen gesessen hätten und dergestalt von meinen schaulustigen Nachbarn zusammengepreßt worden wären , daß nur eine Herzensregung nicht zu den Unmöglichkeiten gehörte und an ein Schwingen des Hutes vollends gar nicht zu denken war . Se . Majestät den König von Preußen kannte ich schon von früher . Er ist noch immer derselbe wohlaussehende Mann mit den jugendlich roten Wangen und dem pfiffigen Lächeln . Manche meiner Nachbarn behaupteten freilich , er sei etwas mager geworden , man sähe Spuren der Sorge und der Betrübnis in seinen Zügen und sein Auge strahle nicht mehr so volksvertrauend wie früher - - Ich muß gestehen , ich halte diese Ansicht für grundfalsch . Ich habe noch nie eine so heitere Majestät gesehen - und ist nicht alle Ursache dazu vorhanden , geht nicht alles nach Wunsch ? » Es lebe der König ! « rief ich , und ich mäßigte erst meinen Jubel , als einige alte Generäle mit grausenerregenden Gesichtern den beiden Fürsten auf dem Fuße folgten und mich mit so komischen Augen ansahen , als merkten sie trotz meiner loyalen Jubelausbrüche einigen Unrat und als wollten sie sagen : » Kerl , du bist doch ein Kryptorepublikaner , und der Teufel soll dich holen ! « - - Da saßen die Fürsten in der Tiefe des schützenden Wagens , und hinter ihnen her wogte das Volk , lange Gymnasiasten und duftende Hofräte , Flegel vom Lande und gebildete Städter , Soldaten und Handwerker , Gemüseweiber und Taschendiebe , und in dem steinernen Laubgewinde des Domes fingen die Glocken an zu brummen und zu summen gleich riesigen Käfern in den Zweigen einer Linde , und unter Lachen und Fluchen , unter Boxen , Beten , Grunzen und Hurrarufen stürzte der Strom der Menge in die Gassen hinunter , daß man seinen besten Feinden auf die Hühneraugen trat und an den Wänden der Häuser hinaufzufliegen meinte vor lauter Lust und Begeisterung . Wer weiß , wie weit ich mit fortgerissen wäre , wenn nicht ein seltsames Ereignis meine Schritte aufgehalten hätte . An einer der nächsten Straßenecken hatte nämlich auf dem Rand einer Treppe ein fliegender Buchhändler Posto gefaßt . Wenig kehrten sich die vorüberstürzenden Fremden an den armen Gesellen . Da rollte plötzlich eine brillante Karosse hart an der Treppe vorüber ; der Junge erhebt seine Bilder und Zeitungen , und » Fortsetzung von Schnapphahnski ! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski ! « schreit er , und der Wagen hält , und empor richtet sich ein eleganter , hübscher Mann , der sich über den Wagenschlag hinaus in die Straße biegt . Das Wort » Schnapphahnski « scheint ihn zum Stutzen gebracht zu haben ; rasch greift er in die Tasche und wirft dem frohen Buchhändler ein Geldstück in den Hut ; noch hastiger streckt er die Hand nach der gekauften Zeitung aus , und wie er das Blatt auseinanderfaltet und hinunter auf den Titel des Feuilleton blickt , da schrickt er zusammen und - aber die Rosse schlagen schon wieder aufs Pflaster , und der Wagen rollt weiter , und verschwunden ist der schöne Fremde , und » Fortsetzung von Schnapphahnski ! Fortsetzung des Ritters Schnapphahnski ! « beginnt der Junge von neuem , und tönend verliert sich sein Ruf in dem Getöse der Gassen . In den Kölner Straßen wurde an jenem Tage die » Neue Rheinische Zeitung « verkauft . Als Feuilletonaufsatz enthielt sie ein Kapitel aus dem » Leben und den Taten des berühmten Ritters Schnapphahnski « . XXII Der Gürzenich Es ist ein ergreifendes Schauspiel , wenn der Vesuv seine roten Feuerblöcke in die tiefblaue See wirft ; es ist ein erhabener Anblick , wenn die Lawine von den Alpen hinab in das Tal rollt , und es muß großartig aussehn , wenn der Niagara seinem Bette entgegenschäumt - aber noch viel ergreifender , erhabener und großartiger ist es , wenn auf dem Gürzenich-Saal der heiligen Stadt Köln zwölfhundert hungrige Gäste zur Feier des Dombaus über einen Heringssalat herfallen . Ich habe in meinem Leben nichts Imposanteres gesehen . Unvergeßlich wird mir diese Szene bleiben . Als ein Mann , der den Dom und den Heringssalat liebt , hatte ich mir für schweres Geld auf dem