! rief er , Sie können gar nicht wissen ob nicht der bloße Wille des Menschen ohne alle jene Stützen und Regeln von einem weit beherrschenderen Einfluß auf unsre Geschicke ist . « » Das meinte ich nicht , Otbert . Ich meinte nur daß wollen und das Gute wollen zweierlei sei . « » Leider ist es im Allgemeinen so ; denn der Mensch ist zugleich roh und beschränkt . Wenn er seinen Willen von seiner individuellen Bedürftigkeit abklärte und ihn über den Horizont seiner Persönlichkeit hinaus erweiterte - wenn er sich zugleich feiner und freier aus der Brutalität und aus der Sclaverei seines Ichs heraus schälte - so würde wollen und das Gute wollen immer zusammenfallen . « Das Gespräch spann sich leicht und angenehm mit Otbert fort , und ich vergaß gänzlich daß er mir zwei Dinge gesagt , die mich im Grunde höchst unangenehm berührt hatten : daß er enorm spiele und keine Vermögen habe . Ich , meiner Natur nach , legte kein Gewicht auf Reichthum , weil ich aus Erfahrung wußte wie leicht ich ihn entbehren könne ; denn ich hatte über zwei Jahr mit der größten Einschränkung in Engelau gelebt und mich nicht unglücklicher gefühlt als in Rom , Paris und London wo ich mit der unsinnigsten Verschwendung lebte . Allein grade jene zwei Jahr in Engelau hatten die Ansicht in mir gereift , daß ich das Vermögen meiner Vorfahren auch auf meine Nachkommen übertragen - daß es durch meine Hand gehen , jedoch nicht in derselben aufgehen müsse . Astraus Verfahren , welches ich sehr richtig mit Nabobs-Allüren bezeichnet hatte , beklemmte mich wie eine unheimliche Ahnung , und umsomehr als mir meine Besorgniß um Geld und Gut wie ein Zeichen gemeiner Gesinnung vorkam . Unbehaglicher noch als diese Entdeckung war mir die Eifersucht , die Astrau gegen Sedlaczech an den Tag legte , weil es mir unmöglich schien , daß er sie wirklich empfinden könne . Er hatte mich ja monatelang als Nino in der größten Zwanglosigkeit meines Lebens beobachtet - hatte wahrnehmen müssen , daß eine ernste , fast mögt ' ich sagen schüchterne Freundschaft zwischen mir und Sedlaczech walte , daß ich ihn nicht einmal in der vertraulichen Weise eines langjährigen Lehrers und Hausfreundes behandle , daß mehr Zurückhaltung als Hingebung , mehr Schweigen als Reden zwischen uns herrsche ; - woher denn der lächerliche Verdacht ? Das sagte ich ihm einmal - zwanzig Mal . Umsonst . Er blieb bei seiner Behauptung : Sedlaczech sei ein höchst gefährlicher Mensch , der mich liebe , und der eher sterben als mir seine Liebe gestehen werde , und ob ich glaube daß es ihm gleichgültig sein könne mich neben einem solchen unterirdischen Vulkan zu wissen . » Warum nicht , sobald Sie die Ueberzeugung haben daß nie ein Ausbruch kommen wird ? « fragte ich sorglos . » Sehen Sie wie sich Ihre geheime Ueberzeugung in dieser Aeußerung verräth ! « brach er aus . Ich besaß die Eigenschaft aller stolzen Seelen : dem Vorwurf und besonders dem ungerechten Vorwurf gegenüber , schwieg ich kalt . Meine Gedanken dabei waren : Hab ' ich den Vorwurf verdient , so darf ich nichts sagen ; hab ' ich ihn nicht verdient , so weiß ich nichts zu sagen . Und hier allerdings wußte ich gar nichts Beruhigendes anzuführen als mein Leben - und das sollte nicht gelten ! Auf seinen Knien bat Otbert mich endlich Sedlaczech zur Abreise zu veranlassen . » Wie eine finstre Wolke steht er in unserm Frühlingshimmel ! rief er ; lassen Sie ihn doch gehen ! Ich fühle mich so bedrückt durch ihn wie ehedem Venedig durch die Staatsinquisition ! Er ist mir nun einmal antipathisch und macht mein ganzes Nervensystem auf die peinlichste Weise vibriren . Verstehen Sie das nicht ? giebt es nicht auch für Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wol oder weh wird ohne daß Sie sich über das Warum Rechenschaft ablegen könnten ? Nun sehen Sie , er thut mir weh .... durch Nichts wenn Sie wollen .... d.h. durch Alles . « » Ein edler Sinn , ein hohes Herz , ein reicher Geist müßte sich durch das Gleichartige nicht abgestoßen sondern angezogen fühlen , Otbert , und sich hüten flüchtige Launen als unüberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus wurzelnde Antipathie zu betrachten . « » Sibylle , glauben Sie nicht daß um jedes Geschaffne , heiße es Gestirn oder Grashalm , Mücke oder Mensch , eine ihm und nur ihm angehörende Atmosphäre schwebt , welche sich aus seiner Gesamt-Eigenthümlichkeit entwickelt ? Bei jeder Pflanze , jedem Baum ist sie wahrzunehmen : die Einen üben gedeihlichen Einfluß auf einander , die Andern schädlichen , gar vernichtenden . Die feine und reiche Organisation des Menschen ist dieser Eigenthümlichkeit aller Naturwesen nicht enthoben . Im Gegentheil ! die Uressenz seiner Individualität macht sich um so stärker geltend je mehr diese ausgeprägt , je origineller sie geblieben ist - und der Duft , der Aether , das Unfaßbare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt , übt auf andre Organismen eine ebenso entschiedene Anziehungs- und Abstoßungskraft , wie der Magnet nur das Eisen , wie die Erde nur den Mond an sich zieht - wie das Glas springt wenn der Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert . Warum zieht der Magnet nicht das Gold an ? warum rollt nicht der Sirius um die Erde ? warum springt von funfzig Gläsern nur dies eine ? - weil da der Zusammenhang in der Uressenz fehlt . « » Das sind Phänomene über welche die Natur einen Zauberschleier wirft , den die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann , unterbrach ich ihn ; allein der Mensch kann mit dem Licht des Bewußtseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand leisten . « » Er kann es wenigstens versuchen , und er soll es - entgegnete Astrau . Aber bei diesen Versuchen ereignen sich Phänomene andrer Art. Hier sehen