Eins war sonderbar , Leontine , die stets Gesellige , war gern allein , als miede sie die grellen Widersprüche des Außenlebens . Anna mußte sie gewähren lassen , denn zum ersten Mal war sie der Freundin gegenüber nicht unbefangen ; zum ersten Mal hatte Anna ein Geheimniß . Obwol sie ahnte , daß es Leontinen längst keines mehr sei , konnte es ihrer Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen . Man hat zuweilen im Traum das Gefühl des Fliegens , des Hinschwebens über schöne Gegenden und geliebte Menschen ; das Erwachen ist fast immer mit dem Schreck eines tiefen Sturzes verbunden . Ich glaube , das gab uns das Wort : aus dem Himmel fallen . So war es Annen ; wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben über das eigene Leben , ihr ahnete ein schweres Erwachen . Aber sie war trotz dem Allen glücklich und insgeheim sich dessen bewußt . Wenn Gotthard sprach , empfand sie es als ein Glück , und wenn er schwieg und sie seine edeln Züge ansah , war ' s nur ein anderes ; in seinem Gehen , Kommen , Bleiben , vor Allem aber , wenn er seine ernsten Lieder sang , die sein Wesen , wie seine Verhältnisse rückspiegelten , durchwogte sie ein Gefühl der Seligkeit , das sie nicht einmal mit dem Gedanken zu berühren wagte , um nicht aus dem Himmel zu fallen . Thöricht , thöricht , daß man sagt : Unschuld und Jugend - die Frühlinge der Menschenbrust - kehren nie wieder ! Anna war eine Frau von vierundzwanzig Jahren , und die Liebe machte sie zum vierzehnjährigen Mädchen . Gotthard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglückliche ; auch er wandte den Blick ab vom eignen Innern , um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des Beisammenbleibens noch alles ihm Mögliche für sie zu thun . Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gotthard eingelaufen . Nicht nur fanden seine Arbeiten die vollste Anerkennung , es ward ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Thätigkeit eröffnet . Wie es schien , hatte der Fürst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte dem Cabinet , für welches Gotthard arbeitete , vorgelegt und die Klarheit der Darstellung , die ernste Genauigkeit derselben , die Genialität der Combinationen bei größter Tüchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf deren Verfasser gezogen . Ueberrascht , ihn nicht schon früher bemerkt zu haben , schien man höheren Orts entschlossen , ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren . Seine Bahn war gebrochen . Gotthard theilte der Gräfin die günstige Wendung seines Geschickes mit und bat , ihm zu vergeben , wenn er sich öfters dem unverdienten Vorzug - das Wort Glück wagte er nicht - in ihrem engeren Familienkreise zu weilen , entziehe . Es war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekämpfung der ihn schwächenden Leidenschaft , darum mied er sie oft ; ein Vergessen , ach , nur ein Verschmerzen seiner Liebe fiel ihm längst nicht mehr ein . Unerwartet kündete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rückkehr an ; er befahl , ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen , und bat Annen , seine Abreise nach Bern Allen , selbst Leontinen , zu verschweigen . Es schien leicht zu errathen , daß Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen , Alles ausgleichenden Besuch zu überraschen gedenke . Sie wird mir Leontinen entführen , seufzte Anna , den gelesenen Brief faltend , und wir gehen dann wol Alle nach dem Ort , den Kronberg als Aufenthalt bestimmt . Eben wollte sie in den Saal zurück , als Gotthard aus der Thür ihres Zimmers ihr begegnete und ernst und dringend sie um ein Gespräch weniger Minuten bat . Mit ehrerbietigen Ausdrücken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit ihres Hauses und schien dann verlegen , den Zweck desselben näher zu berühren . Kronbergs Befehl nach , hatte ihm Anna das unglückselige Geld zwar zustellen lassen , die Summe aber vergrößert und die Bitte ausgesprochen , die Auslagen für die Knaben davon zu bestreiten und später mit ihrem Gemahl das alles zu berechnen . Auf diese Weise war das Geld ein bloßer Vorschuß für die Kinder . Unwillkürlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem gewünschten Gespräch ; eine tödtliche Verlegenheit bemächtigte sich auch ihrer . Gotthard faßte sich endlich gewaltsam und bat sie , die nächste Vergangenheit ihrem Gedächtniß zurückrufen zu dürfen . Er erinnerte sie an Otto ' s unerwartete Rückkehr und an den Fremden , dem jener auf der Treppe begegnet , dann an den letzten Abend , an den Volksauflauf , an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem Hause gepfiffene Lied ; er bekannte ihr , die dem Fräulein zugeflüsterten Worte Sophiens : » ce n ' est pas lui « gehört zu haben ; er erinnerte endlich an Leontinens Beleuchten ihrer eigenen Gestalt , als sie mit Lady Frederic an das Fenster getreten . Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an ; sie dachte , er werde ihr etwas über sich selbst entdecken , er aber schloß mit wiedererrungener Besonnenheit : Unbezweifelbar gewiß scheint mir , daß eines jener unglücklichen Opfer der Politik und eigener Ueberspannung hier im Hause verborgen ist , und daß Fräulein Leontinens Güte und Milde auf eine Weise misbraucht werden , die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung auf ' s Empfindlichste compromittiren , ja seiner Ehre gefährlich werden kann . Anna blieb einige Secunden sprachlos . Nein ! rief sie aus , wie könnte Sophie - - Das ist mir selbst ein Räthsel ; indessen wurden doch gerade ihre Worte der Leitfaden in meiner Hand . Ich vermuthe , daß im dritten Stockwerke eine über meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglückseligen zum Versteck dient . Unter einem Vorwande habe ich von des Nachbars Hause herüberzusehen versucht , die kleinen Fenster sind verhangen