zu ahnen , erwachsen , und in welcher die dichterische , gewissermaßen heidnische Vorstellung der Gottheit ihr lieb geworden war . Es freute sie , Gott zu sehen in Allem , was sie umgab , und obgleich sie sich zu der reinen Anschauung Gottes im Geiste zu erheben vermochte , hatte sie oft die heitere Zeit des griechischen Alterthums zurückgewünscht , in der es den Menschen möglich war , sich die Gottheit als unter ihnen wandelnd zu denken . Viel leichter als mit Reinhard konnte sie sich mit ihrem jetzigen Lehrer verständigen ; und es gewährte ihr in der ersten Zeit eine wahre Befriedigung , zu sehen , daß sich ihr Verstand mit Ueberzeugung den Lehren anschließen könne , die man ihr bot ; doch das sollte nicht allzulange währen . Hatte sie sich geistig spielend an den Göttern der Vorzeit erfreut , so widerstrebte der Gedanke an die Menschwerdung Gottes , nun sie ihn als Bekenntniß annehmen sollte , ihrem Verstande . Die Erlösung , Genugthuung und Versöhnung durch Christus kamen ihr wie grobe , sinnliche Begriffe vor , die weder auf einen Geist , noch auf das Verhältniß eines Vaters zu seinen Kindern Anwendung finden konnten , und die Dreieinigkeit erschien ihr unerfaßbar . Mit aller Kraft ihrer Seele hörte sie den Vorträgen ihres Lehrers zu ; sie wollte sich aus Liebe um jeden Preis überzeugen ; glauben , was Millionen Menschen , die es kaum so eifrig gesucht hatten , wie sie , zur beseligenden Gewißheit , zur Stärkung in Noth und Tod geworden war . Warum sollte gerade ihr das unerreichbar bleiben ? Warum gerade ihr , die ihn so eifrig erstrebte , der Glaube versagt sein ? Eine quälende Unruhe bemächtigte sich ihrer . Geistig unaufhörlich mit der Lösung ihrer Zweifel beschäftigt , auf der ihr ganzes Glück beruhte , erschien sie dem Geliebten zerstreut und theilnahmlos , und er drang in sie , ihm den Grund ihrer Verstimmung zu entdecken . Das aber vermochte Jenny eben nicht . Sie schützte körperliches Unwohlsein , Sorge um Eduard , den offenbar ein tiefer Schmerz bedrückte , und tausend andere Veranlassungen vor , und versuchte durch eine erzwungene Heiterkeit Reinhard zu beruhigen , dem diese plötzlichen Wechsel ihrer Stimmung als Launen erschienen und der sich mißbilligend über dieselben äußerte . Dazu kam , daß er , so oft sie allein beisammen waren , sich bei Jenny nach dem Fortgange des Religionsunterrichts erkundigte ; daß er zu wissen begehrte , was sie gehört und wie sie es aufgenommen habe . Und doch war es gerade Dieses , was sie zu vermeiden wünschte . Sie suchte es also einzurichten , daß Reinhard in den Stunden , die er gewöhnlich bei ihr zubrachte , bald Therese , bald Clara als Dritte fand ; und mit Scherzen mancher Art machte sie jeder ernsteren Unterhaltung ein Ende , aus Besorgniß , diese könne eine Richtung nehmen , die sie zu scheuen Ursache hatte . Wie natürlich setzte ein solches Betragen Reinhard in Verwunderung . Er konnte sich diese Leichtfertigkeit nicht erklären . Jenny hatte früher mit besonderer Vorliebe ernsthafte Unterhaltungen mit ihm geführt , und , um dieselben ungestört zu genießen , jede Gelegenheit benutzt , die Anwesenheit dritter Personen zu verhindern . Jetzt kam sie selbst zu seiner Mutter seltener und oft zu Zeiten , in denen sie ihren Bräutigam außer dem Hause beschäftigt wußte . Reinhard begriff das nicht . Er tadelte es als Achtlosigkeiten , er war verstimmt , die guten traulichen Stunden bei seiner Mutter wollten nicht mehr wiederkehren . Jenny schmerzte diese Unzufriedenheit ihres Verlobten ; aber sie tröstete sich über den Kummer , den sie ihm und dadurch sich selbst bereitete , mit der Hoffnung , daß es ihr endlich doch gelingen müsse , das Christenthum zu erfassen , und daß Reinhard erst dann erfahren solle , wie schwere Zweifel sie durchkämpft , wie wacker sie gerungen habe . In dieser Zeit begab sie sich eines Tages zur gewohnten Stunde in die Wohnung des Pastors , der jetzt mit ihr das Kapitel von der Dreieinigkeit verhandeln sollte . Nach einer einfachen Einleitung sagte er ihr , die ersten christlichen Philosophen , welche über die Dreifaltigkeit gedacht , hätten von ihr gesagt : Gott war ! aber außer ihm Nichts . Gott dachte sein Bild ; und da das Denken und Entstehen bei Gott eins ist , so war dies Bild Gottes vorhanden , ohne selbstständiges Wesen zu sein , denn es besteht nur in Gott . Dieses Wesen , für das die deutsche Sprache kein Wort hat , heiße in dem Urtext der Bibel Logos und sei in dem Menschen Jesus Mensch geworden , als die geistigen Geschöpfe der Erde , die Menschen , einer göttlichen Offenbarung gewürdigt werden sollten . Darum nenne sich Christus den Erstgeborenen . Das Band nun zwischen diesem Gedanken Gottes und Gott sei der heilige Geist . Man könne also Gott allein , ohne Jesus und den heiligen Geist denken , nicht aber die letzteren ohne Gott - denn nur in ihm sind sie . - Als Jenny diese Erklärung vernommen hatte , rief sie freudig : O ! Sie geben mir das Leben wieder , indem Sie mir sagen , ich dürfe Gott denken , ohne Christus und den heiligen Geist ! Das ist der Gott , den man mich von Kindheit an gelehrt hat , der uns Alle beschützt . So vermag ich ihn zu glauben . Nein , meine Tochter ! wendete der Greis ihr ein , erstaunt über die willkürliche Auslegung , welche Jenny seinen Worten gegeben . Nein , Sie täuschen sich selbst ! Ich habe Ihnen gesagt , daß wir Gott allein zu denken vermögen , aber es konnte unmöglich meine Absicht sein , Ihnen den Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes preiszugeben , den unsere Religion lehrt . Das begehre ich auch nicht , sagte Jenny , noch immer in freudiger Erregung . Ich weiß , Gott ist - und er sandte Christus , der