er einen neuen Reiz , eine neue Gabe bei ihr , und bei Andern nichts , als das tausendfältig abgehaspelte Einerlei der nach außen gerichteten Oberflächlichkeit . Ihr Wesen war so tief , daß er oft ihre Anmuth darüber vergaß ; aber die Form , worin sie sich hüllte , war so verschwebend leicht , so heiter , so süß und lieblich , daß es Thorheit schien , bei dieser Grazie den Ernst zu suchen . Gerade dies seltene Gemisch vom Höchsten und Einfachsten - da die meisten Menschen weder das Eine noch das Andre , und nur ausgezeichnete das Eine oder das Andre sind - war ihm anfänglich so überraschend und später so fesselnd entgegengetreten , wie er nie geglaubt , daß ein Weib es könne . Wenn er in ihr Zimmer trat und die Thür hinter ihm zufiel , wenn er sie immer ernst beschäftigt , lesend , malend , schreibend , nachdenklich wie eine Muse fand , und wenn sie dann so fröhlich , wie ein der Schule entronnenes Kind , Bücher und Pinsel fortwarf und ausrief : » Ein gesprochenes Wort ist mir lieber , als zehntausend gedachte ! jetzt wollen wir plaudern ! « - oder ein ähnlicher Ausruf , der immer einen Gedanken verrieth oder enthielt , und auf den , als Begrüßung , Niemand rechnen konnte : - so war er in eine Region entrückt , die sein Fuß noch nie betreten , und in der er sich doch heimisch fühlte , wie in seinem angestammten Eigenthum . Bisweilen fielen ihm die ersten Aeußerungen ein , welche er über Faustine gehört ; aber er schenkte ihnen keinen festen Glauben . Es wird so viel Wunderliches in der Welt geschwatzt ! Doch hatte er nicht den Muth , Faustine zu fragen . Es war , als fürchte er sich , etwas zu hören , was ihm weh thun müsse . Allein diese Furcht nahm eine Maske vor und sprach : » warum dies offne Wesen nach etwas fragen , was sie mir unfehlbar ungefragt sagen wird . « Doch von ihrem Verhältniß zu Andlau sprach Faustine nie . Sie hielt es nicht für nöthig , das Warum und Weshalb ihres Thuns darzulegen . Sie that . Mißfiel das , so ertrug sie es . Sich zu rechtfertigen , zu entschuldigen nur , war ihr nie eingefallen . » Andre müssen uns entschuldigen , « pflegte sie zu sagen ; » wer für sich selbst Entschuldigungen aussinnt , könnte ja lieber das Mittel aussinnen , ihrer nicht zu bedürfen . « - Auch von Andlau selbst sprach sie wenig , und nie anders als zufällig zu Personen , die ihn nicht kannten . Einmal kam Mengen zu ihr und fand sie umringt von Charten des Orients . Er fragte , was sie studiere . » Meine Reise in den Orient , « entgegnete sie und entwickelte ihm den Plan , dem sie die Frage anhing , ob er nicht von der Partie sein wolle . Er willigte mit Jubel ein , und Faustine rief alle historische und poetische Erinnerungen auf , welche gerade über diese Reise einen so mächtigen Zauber verbreiten . Auf einmal sagte sie : » Einer von Andlaus Freunden ist Consul in Alexandrien geworden . Das schrieb er mir heute , und dieser Freund nun ist der Grundstein zu meiner egyptischen Hoffnungs-Pyramide . « » Sobald Herr von Andlau Sie begleitet , bin ich überflüssig « - sagte Mengen sehr kalt , » und ich denke , Sie dispensiren mich dann gern . « » Weshalb wollten Sie sich um die Freude bringen ? « fragte sie lieblich ; » und kann ich denn je von zu vielen Freunden umringt sein ? « » Ach , Sie machen mich zu Ihrem Sclaven - nicht zu Ihrem Freund . « » Wenn ich das thue - so haben Sie Recht , sich von mir loszumachen ; aber ich thue es unbewußt . « » Es ist schöner , in der Sclaverei bei Ihnen , als in schwer erkämpfter Unabhängigkeit fern von Ihnen zu leben . « » Bilden Sie sich nur nicht ein , daß ich Ihnen für dies Compliment danken werde ; « rief Faustine lachend ; » denn erstens ist ' s eine Fadaise , und zweitens hasse ich die Sclaverei zu sehr für mich , als daß ich sie Andern auflegen möchte . Wer nicht aus freiem Willen bei mir ist , bei mir bleibt - der kann lieber heut ' als morgen gehn ; Rücksichten und Pflichten dürfen ihn nicht halten . Ich stürbe lieber vor Hunger , als daß ich ein Stück Brot von der Hand annähme , welche ohne überquellendes Erbarmen , ohne antreibende Liebe , nur aus dürrer Verpflichtung es mir darböte . - Gehen Sie doch , Graf Mengen , gehen Sie , wenn Ihre Freiheit durch mich beeinträchtigt wird - ich halte Sie nicht . « » Unbewußt - wie Sie selbst sagten . « » Nun , wenn Sie nicht gehen können , so müssen Sie auch nicht klagen . Man muß Fesseln brechen , nicht gegen sie rebelliren . « » Sind Sie wirklich im Besitz dieser seltenen Stärke in jedem Augenblick , zu jeder Epoche Ihres Lebens ? « » Mein Leben ist so unaussprechlich einfach und einfarbig gewesen , daß ich nur ein einziges Mal Gelegenheit hatte , einen unbesieglichen Entschluß zu fassen . Da revoltirte ich freilich , aber es war eine Revolution , aus der eine neue Aera für mich hervorging : deshalb hatte ich ein Recht dazu . Seitdem habe ich , Gottlob ! weder Kraft , noch Kämpfe , noch Entschlüsse nöthig gehabt , was alles sehr unbequeme Dinge sind . Aber der Mann sollte doch immer unter den Waffen stehn ! er ist von so verschiedenen Seiten anzugreifen . Leidenschaften , die wir kaum ahnen , beherrschen ihn oder versuchen es wenigstens ; er muß nach allen Seiten auf der Hut sein . Wir haben