wo es meine Kraft erlaubte , den Reiz der Weltlust , dem sinnlichen Leben geben , was es verlangt , um später desto freier , umsichtiger , durchlebter , der stillen Gottesbetrachtung obliegen zu können . Die Liebe ist das höchste Gesetz unserer Religion , seufzte ich laut in die dunkler herabstürzende Dämmerung . Das ist ' s , was mich von jeher zum Christenthum hingezogen hat , versetzte Mardochai . Wäre ich nur nicht ein wunderlicher Kauz , so würde ich mich taufen lassen , allein - ich halte nichts von Ceremonien bei einem Religionswechsel . Ohne Taufe will ' s nicht gehen , gut , so bleib ' ich Jude . Ich fürchte , Mardochai , Sie verwechseln den Begriff der christlichen Liebe mit dem der weltlichen . Diesen Einwurf konnte ich erwarten , ich will Sie aber beruhigen . Scheinbar mag ein Unterschied bestehen zwischen geistiger oder christlicher und weltlicher oder sinnlicher Liebe . Der Unterschied liegt aber nur in der Einbildung . Scheidet nicht , so habt Ihr Einigung , und wollt Ihr consequent sein in der Befolgung Eurer Vorschriften , so müßt Ihr auch sinnlich lieben können mit einer Andacht und Inbrunst , die der geistigen Liebe nichts nachgibt . Daraus würde eine wollüstige Religion entstehen . Nichts weniger , fuhr Mardochai fort . Liebt Ihr Euren Nächsten wie Euch selbst , so werdet Ihr doch wohl auch die Nächste nicht ausschließen von dieser demokratischen Gesinnung . Liebe ist Hingebung , Aufgehen des . Einen in den Andern , sei ' s im Geist , sei ' s in der Gluth sinnlich zitternder Andacht ! Und wäre ich ein christlicher Lehrer , ich würde mich hineinstürzen in die glühendste Woge der Liebe , um in der Lust bebender Sinne , in Kuß und Umarmung einen Maßstab zu finden für meine dereinstige geistige Liebe , die ich predigen soll dem Volke der Verblendung . O , daß ich kein Christ bin , ich Elender ! Daß ich nur die Eine Liebe kenne und nicht die Seligkeit der Andern , die erst emporsteigt aus dem Genuß , der ihre Mutter ist ! Das ist der Fluch Eures Gottes oder Propheten , der jeden Einzelnen meines Volkes verfolgt bis an das verachtete Grab . Danken Sie Ihrem Gott , daß er Sie zum Christen erschuf und Ihnen das Glück der Liebe eröffnete in all seinen entzückenden Reizen ! Während dieses Gesprächs waren wir langsam wieder herabgestiegen von dem Kreuzberge . Die gesunde Begehrlichkeit meiner Natur regte sich immer lauter und forderte ungestüm Gehör . Mardochai erbarmte mich , ich ließ mich hinreißen von unzeitiger Weichheit und forderte ihn mit fieberischzitterndem Händedruck auf , fortzufahren . Die Dunkelheit der Nacht verbarg mir sein Mienenspiel , ich hörte nur den Sohn des räthselhaften , ewig jungen Morgenlandes . Er sprach , was ich längst mir zu gestehen nicht gewagt , aber von einem Dritten zu hören sehnlichst gehofft hatte . Sie werden es erfahren in Ihrem spätern Leben , fuhr der Jude fort , daß beinahe alles Verbotene das Erlaubte ist , nur hingestellt , um den Muth des Menschen zu erproben . So war ' s schon zur Zeit der Schöpfung . Ohne den berüchtigten Apfelbiß fehlte uns alle Geschichte , mindestens alle Romantik des Lebens . Das für sündhaft Gehaltene ist das Poetische , die Schallheit der tagesflachen Wirklichkeit Heiligende . So auch mit der Moral . Versuch ' Einer erst , diese Moralität in schönen Leichtsinn seines göttlichen Bewußtseins einzuhüllen und mit ihr davon zu laufen ; glauben Sie wohl , es erfolge irgend eine Reue darauf ? Nur die Schwäche bereut , weil sie nicht productiv ist in sich und das Erschaffen eines Neuen weder begreifen noch ertragen kann . Wollten wir moralisch , tugendhaft , religiös sein im strengen Sinn dieser Worte ; so wäre jede Productivität des Geistes eine Sünde , weil sie immer eng verknüpft ist mit dem Zertreten eines Festen , Gegebenen . Jeder Fortschritt wäre dann unmoralisch , denn in ihm liegt die Verachtung des eben Geltenden ; jede neue That wäre eine Lästerung der Geschichte , weil sie so frei ist , ohne Compliment sich neben oder über das Vorhandene zu stellen . Es dürfte überhaupt nichts Gedankliches mehr geduldet , alles eigentlich Lebendige müßte todtgeschlagen werden , und heilig allein , tugendhaft und religiös wäre nur der Automat und die Maschine . - Dies führe ich nur an , um zu beweisen , daß jedes Verbot eine versteckte Aufforderung ist , es zu übertreten . Seid muthig , keck , dreist und Niemand wagt es , Euer Thun unmoralisch zu nennen ; wollen Sie mir aber Einwürfe machen , so bin ich so frei , Ihnen zu sagen , daß alsdann Ihre ganze Religion , das Christenthum mit seinen hundert Ablegern und Aesten , als die consequenteste Unmoralität in der Geschichte der göttlichen Schöpfung dastehen würde , weil grade durch diese größte That des Geistes alles früher für heilig Geachtete umgestoßen und vernichtet wurde . Es ist nichts leichter als dies , aber auch nichts wahnsinniger , als ein solcher Einfall . Nur im ewigen Umsturz des als absolut moralisch Hingestellten und von den Schergen des Verstandes , der Orthodoxie und Bigotterie , gehüllt in die aschgraue Livree der Bornirtheit , Vertheidigten , liegt die ewig wandelbare und eben nur im Wandel heilig bleibende Moralität der Weltgeschichte . Diese Deduction , mit der schlauen Unbefangenheit jüdischer Skepsis vorgetragen , entschied über mich . Mardochai dolmetschte meine Gedanken , Gefühle , Empfindungen . Die Sinnlichkeit brach wie ein Orkan in mir an und eh ' eine Stunde verging , lag ich zum ersten Male vor dem Altar einer Gottheit , dessen Namen zur Bezeichnung leiblicher Schönheit in allen Welttheilen bekannt ist . Vielleicht wäre ich nicht gefallen , hätte nicht Mardochai den Stachel der Lust listig zu schärfen verstanden durch die Poesie der Situationen . Als es längst zu spät war , begriff ich erst , mit welchem Vorbedacht mich