meinst Du doch reden und flüstern zu hören dort unten auf der Brücke , die von Menschen nie leer wird , und auf ihren weitgewölbten Bogen majestätisch sich wiegt . Das ist Prag , das ist Prag ! es giebt keine andere Stadt , die eine ähnliche Malerei des Anblicks dem Auge , dem Gefühl , gewährt . Vielfarbig schimmernd im Glanz der Dächer , vielgestaltig sich dehnend in allen Formen und Manieren seiner Bauwerke , hochaufflatternd mit seinen unzähligen Thurmspitzen und Kuppeln , liegt es vor Dir wie ein im bunten Gestein ausgehauenes Mährchen , auf dessen ernsthafte Anmuth der Sonnenstrahl des Tages herabfällt . Goldene Träume , finstere und heitere Erinnerungen , schweres Verhängniß , alter Fluch , glorreiche That , Segen Gottes , und dunkler Dämon der Geschichte , schweben hin und her mit Geisterflügeln über ihrem Dunstkreis . Sorgen und Leichtsinn , Melancholie und Genuß , Leidenschaft und Phlegma , Ueppigkeit und Trauer , prägen sich aus auf dem Gesicht dieser Slawin ! Das ist Prag , die geweissagte Stadt , wie im achten Jahrhundert Libussa sie im Geist aufsteigen gesehn , als Seherkraft die Fürstin ergriffen hatte mit großen Bildern . Und indem ich hier hoch oben stehe , still und einsam , nur von scharfgehenden Lüften umrauscht , ist es mir , als käme ein Sehergeist auch über mich , und zöge meine Blicke zurück in fernverflossene wunderbare Zeiten . Libussa erscheint mir , von der ich in alten Chroniken viel gelesen , und ihre holde Fabelgestalt mahnt mich heut wie eine Wirklichkeit . Dort drüben , dort drüben auf dem ernsten felsigen Wysserad , den wir von hier erschauen können , und wo die gewandte Moldau tiefer sich eindrängt in das steile Ufer , dort drüben lag ja ihr altes Schloß Libin . Und es ist mir , als schlügen die Pforten krachend auseinander , und heraustritt die ernste kluge Fürstin , mit eilig bewegtem Schritt , denn die Begeisterung hat sich ihrer bemächtigt . Es ist ein gluthheißer Sommer , schwer hängt die Augenwimper über dem träumenden , vielbedeutenden Auge . Libussa setzt sich auf einen hohen , breiten Felsen , und die Schaar ihrer Dienerinnen drängt sich bangerwartend um sie her , und auch Przemysl , der Stammvater so vieler tapfern Fürsten , steht da und harrt andächtig auf Auge und Mund seines weissagenden Gemahls . Und Libussa sprach : Ich sehe eine Stadt , deren Ruhm bis an den Himmel reicht . Dreitausend Schritte von hier im Walde , nächst der Moldau , wo das Bächlein Brusky hineinfällt , sehe ich eine Stadt emporsteigen aus meinen Gedanken . Und dort gehet hin , wo ein Mann die Schwelle zu einem Haus zimmert , und dort beginnt zu bauen an der Stadt meiner Gedanken . Und Praha sollt ihr sie nennen , Praha , die Schwelle , denn sie wird die Schwelle sein des Ruhmes und der Herrlichkeit der Böhmen ! - So sprach die Fürstin , und reckt mit der Hand prophetisch hinaus in die Ferne , und erhebt sich von ihrem Sitz , und schreitet langsam durch die jubelnden Reihen ihres Gefolges zurück in ihr Schloß Libin . Und krachend schlägt wieder die Pforte hinter ihr zusammen . - Da liegt sie jetzt still hingeschmiegt zu meinen Füßen , die Schwelle des Böhmenruhmes , wie das Volkslied so oft sie nennt . Da liegt der Gedanke Libussas , es war der Mühe werth , ihn auszuführen . Libussa muß schönere Gedanken gehabt haben , als ich . Aus meinen Gedanken wird höchstens ein deutsches Buch , nie eine That , am allerwenigsten aber eine Hauptstadt . Ich gäbe etwas darum , wenn ich auch einmal aus meinem Haupt eine Stadt machen könnte , eine Hauptstadt . Wenn aus allen meinen Ideen lieber Häuser , aus meinen Bildern Paläste , aus meinen Gefühlen Straßen und Brücken , aus meinem Verstand ein Marktplatz , aus meiner Vernunft eine Verfassung , aus meiner Melancholie eine Kirche , aus meiner Bosheit ein Gesellschaftssalon , aus meiner Phantasie ein Liebestempel , aus meiner Lebenserfahrung ein Theater , aus meinem Humor ein Volksgarten , aus meiner Reflexion ein schiffbarer Strom würde , dann hätte die Welt doch etwas davon , und sie sollte sich verwundern , was sie davon hätte ! Wahrhaftig , manche Menschen tragen ganze Städte in ihrem Kopf , aber sie können und dürfen sie nur nicht bauen . Sie müssen sie mitsammt den Dachzinnen und Thurmspitzen , die schon aus ihnen hervorwollten , wieder in sich hinunterschlucken , und nur abgerissene Giebelstücke , halbe Stockwerke und zerbrochene Fenstergesimse dürfen sie von sich geben in elenden Büchern , die unter Censur gedruckt werden . Darum verachte ich alle meine Bücher , die ich heut und morgen schreibe , weil es keine Städte sind , in denen ein ganzes Volk zu Heil und Lust sich ansiedeln kann . Es sind nur Nothbrücken in die Zukunft hinein . Vielleicht gelingt es einmal , eine ganze öffentliche Stadt zu bauen , und dann wird die deutsche Literatur erst eine Weltliteratur werden . Libussa , ich beneide Dich ! Alle deutschen Dichter beneiden Dich ganz ungeheuer ! Du hattest einen Gedanken , und der Gedanke wurde eine große Stadt , des Nationalruhmes Schwelle . Ein deutscher Dichter hat einen Gedanken , und aus dem Gedanken wird eine sechs Treppen hoch von dem Geräusch der Welt entfernte Studirstube . Man muß sich immer erst die Beine ablaufen , ehe man so hoch hinaufkommt , denn es steht nicht mitten im Leben darin . O Libussa ! Es muß anders mit uns werden . Die Welt und das Fleisch müssen wieder eingesetzt werden in ihre Rechte , damit der Geist nicht mehr sechs Treppen hoch wohnt in Deutschland . Wenn Geist und Welt sich ganz versöhnt und durchdrungen haben , dann bricht die Ordnung des neuen Lebens an , für das wir jungen Geschlechter , ich und Der und Jener , zu kämpfen und zu schaffen geboren sind