wahrnehmen konnte , und verschwand im Corridor , der zu den Gemächern des Fräuleins und ihrer Tante führt . Schon vor einigen Tagen habe ich von den Schloßknechten dergleichen erzählen gehört , doch lachte ich darüber ; heute aber , versichere ich Sie , wandelte mich ordentlich ein kleines Grausen an , ich gestehe es zu meiner Schande , denn wenn wir es untersuchen , so wette ich , daß sich der Spuk in eine bloße und vielleicht recht läppische Täuschung auflöst . « Eduard mußte ihm versprechen , eines Abends in seiner Gesellschaft dem seltsamen Wandler aufzulauern und ihn zur Rede zu stellen . Als beide Jünglinge hinuntergingen , kam ihnen Sophie mit einem besonders heitern Gesichte entgegen . » Sie haben , mein Freund , « sagte sie zu Eduard , » die Epoche meiner Trauer , meiner kleinen Verirrungen mit erlebt , es ist billig , daß Ihnen der freudige Schluß des Romans nicht verborgen bleibe : ich heirathe , heirathe den Doktor , der gute Alte hat eben seine Zustimmung gegeben ; wir bleiben für ' s Erste hier wohnend , doch unter der Bedingung , daß nicht von Politik die Rede sey . « Eduard ergriff Sophiens Hand und drückte sie herzlich , indem er seinen Glückwunsch aussprach . » Sie sind sehr teilnehmend und gütig , « fuhr die Braut fort , » ich nehme Ihren Glückwunsch geradezu als eine Prophezeihung an , denn welchem Mißgeschick sollte ich jetzt wohl noch entgegengehen ? Der Geliebte , dem ich angehöre , zählt sich zu der Klasse von Menschen , bei denen heutzutage offenbar die richtige entscheidende Ansicht zu treffen ist , und so bin ich ruhig ; meine Stellung im Leben und gegen die Gesellschaft ist gesichert und festgestellt , meine Achtung für mich selbst ist durchaus begründet , denn ich hätte es mir nie vergeben können , wenn ich anders gehandelt hätte . « - » Und was wird aus dem Pastor ? « fragte Eduard . » Es ist ein trefflicher Mann , « erwiderte Sophie , » dem ich mich herzlich verpflichtet fühle ; treu jenen alten biedern Gesinnungen seiner Tage hat er auch jetzt , da er deutlich wahrnahm , daß es meinem Glücke gelte , nicht einen Moment gezögert , mit seinen Ansprüchen zurückzutreten , und denen meines Bräutigams noch das Wort zu reden ; er selbst wird unsere Trauung verrichten , die in diesen Tagen vor sich gehen soll . « Kaum hatte Sophie diese Worte geendet , als Ottfried , der Journalist und der Prediger im heftigen Zank hervortraten . Der Journalist hatte wiederum Angriffe auf Ottfrieds gefeierten Dichter gemacht , und durch diese den Poeten und den Pastor in Zorn gesetzt . - » Was wollen Sie mit Ihrem ächtdeutschen Charakter ? « schrie Ottfried , » was soll ich unter dem vagen Begriff von Deutschheit , Deutschthum verstehen ? Ist unser großer Dichter kein Deutscher ? Kein vaterländischer ? « - » Nein , « entgegnete der Journalist ruhig , » denn er hat kein Vaterland ! « - » Eine neue , seltsame Behauptung ! « rief der Pastor kopfschüttelnd . - » Und nennen Sie es mir , « setzte der Doktor eben so ruhig hinzu , » wie heißt es , wo liegt es ? Ist ' s etwa das kleine Ländchen , in dessen Hauptstadt er ein Haus , einen Garten besaß , ist ' s das Gebiet jener Stadt , in der er das Licht der Welt erblickte ? Ist nicht eben so gut Frankreich , Italien , das alte Griechenland , England , der Norden wie der Süden Europa ' s , sammt dem Orient , sein Vaterland ? « - » Ich fasse Ihre Ansicht , « rief Ottfried , » Sie zielen auf die große Objektivität unsres Poeten , und ist es nicht diese gerade , mit deren Hülfe es ihm gelang , so mächtig zu wirken , wie er gewirkt hat , indem er , mit einem Bilde zu reden , die Perlen aus dem Meere , das bunte Geflügel der Luft , die schimmernden Erze der Tiefe , die Gewächse fremder Zonen alle zusammen vereinigt hat , um sie aus seinem goldenen Füllhorn dem mit ihm lebenden Geschlechte vorzuschütten . Alles Schöne und Treffliche einer Zeit , ja diese Zeit selbst kommt nur durch den Mund der Dichter auf die Nachwelt ; sie sind das Organ , und die mannigfaltigsten Richtungen des Geistes vereinigen sich hier , um in einem tönenden Prophetenspruche offenbart zu werden . In dieser Beziehung schreiben Dichter die Geschichte , und in diesem Sinn wird für das entfesselte Verständniß die Geschichte zum Gedicht . « - » Ich trete vollkommen Ihrer Ansicht bei , « rief der Journalist , » doch um den Poeten mit einer solchen weltgeschichtlichen Würde zu bekleiden , muß er einen festen Standpunkt haben , von welchem aus es ihm möglich wird , seine Bestimmung nach allen Seiten hin zu erfüllen ; er muß sich als Glied einer Kette fühlen , aus der er nicht herausstrebt , sondern die er nur fester verbinden hilft ; mit einem Wort , der Poet muß ein Vaterland haben . Geziemt es dem Denker , frei von umschränkenden Verhältnissen der Gegenwart , dem Ziele , das er sich über alle Zeit hinausgesteckt hat , auf dem Wege einsam grübelnder Betrachtung nachzugehen ; so sitzt der Dichter , ein Genosse seiner Zeit , auf dem bunten Markte des Lebens da ; er leidet , kämpft und siegt mit den Leidenden , er jubelt mit den Jubelnden , und beständig wandelt der bewegte Zug vor seinem Auge vorüber ; Wolken , Sonne , die ganze vaterländische Natur sieht man als Hintergrund zu seinen Gemälden ; er ist eben so wenig von dem Lande , wo er geboren , zu trennen , als Duft und Farbe von der Rose zu scheiden ist , denn die Liebe , die Achtung seiner Mitbürger ist die Nahrung ,