sie , » ich kenne meine Vicktorine , und nie kann der Schatten eines Zweifels an dieses edle Wesen meinen Blick umdüstern . Ich weiß es , Vicktorine hält unabwendbar fest an mir , und jener Fremde , den Herr Kleeborn ihr aufdringen möchte , wird nie ihre Hand erhalten . Aber auch mir wird sie nie angehören , so lange ihr Vater lebt , um es zu verbieten ; denn sie bleibt ihrer Pflicht nicht minder treu als ihrer Liebe . Und so werden wir beide wahrscheinlich in langer nie erfüllter Sehnsucht unser Leben vertrauern , wenn nicht ein guter Engel unser Geschick freundlicher wendet . Wie das geschehen könnte , sehe ich Blödsichtiger freilich noch nicht ab , « sezte Raimund mit einem leisen Seufzer und getrübten Blicke hinzu . Anna von Falkenhayn schien nun einmal zur milden Trösterin aller , die ihr nahten , ausersehen zu seyn , und so versuchte sie es denn auch gern , und nicht ohne Gelingen , ihren neuen jungen Freund mit dem Leben und insbesondere mit seinem eignen Geschick zu versöhnen . Es mußte indessen noch manches sehr ernstlich beleuchtet und erwogen werden , ehe man zu einem festen Entschluß in Hinsicht auf die ihm vorgeschlagene Reise kommen konnte , und Raimund kehrte deshalb noch mehreremal , und immer in der Frühstunde , zur Tante zurück . Ihre Nähe sowohl als ihre Persönlichkeit übten auf ihn einen ganz wunderbaren Zauber . Er fühlte sich unwiderstehlich zu der seltnen Frau hingezogen , die wie das verbindende Element des Lebens zwischen ihm und Vicktorinen stand . Wenn sie so freundlich ihm zusprach , mußte er dabei stets an seinen Vater denken , denn so wie sie , hatte , seit er diesen verloren , nie wieder jemand zu ihm gesprochen . Vor Allem aber erfüllte ihn ein ganz eignes Gefühl süßer fast schauerlicher Wehmuth , wenn er sie dabei ansah , und nun in den alternden Zügen des bleichen ernsten Gesichtes die unverkennbarste Aehnlichkeit mit seiner reizenden in voller Jugendpracht blühenden Geliebten entdeckte . Ihm war dann als lüfte die Zukunft den dunkeln Schleier und blicke ernst und geheimnißvoll ihn an , während der eilende vernichtende Schritt der Zeit hörbar ihn umrauschte , und ihn ermahnte , das Leben und die Jugend festzuhalten , ehe sie auf immer entschwinden . Auch der Tante ward der junge Mann immer lieber und lieber , je öfter sie ihn sah , doch nicht etwa weil sie das Innere seines Gemüths dabei näher kennen lernte . Man möchte sagen , sie empfand dies nur , gleich dem Eigenen , und sie beurtheilte ihn daher wie Frauen gewöhnlich zu urtheilen pflegen , mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf ; was bei der ungemeinen Klarheit ihres Geistes freilich ein seltner Fall war . Alles an ihm , seine ganze Art zu sein , seine Sprache , sein Benehmen , Alles erschien ihr wie der begleitende Ton zu der Melodie ihres innersten Lebens , und war ihr deshalb befreundet und kam ihr wie längst bekannt vor . » Endlich , meine edle theure Beschützerin , endlich muß ich doch dazu kommen , einen Entschluß in Hinsicht auf meine Reise zu fassen , « schrieb Raimund der Tante eines Morgens , an welchem er abgehalten worden zu ihr zu gehen . » Die Zeit drängt mich , « fuhr er fort , » und ich kann es nicht länger auf eine ehrenvolle Art vermeiden , meinen Freunden , die mir zu meinem künftigen Fortkommen so wohlwollend die Hand bieten , eine genügende Antwort zu ertheilen . Ich habe die ruhige Stille dieser Nacht darauf verwendet , Alles nochmals ernstlich durchzudenken . Der Antrag der Herren Fischer öffnet mir die Aussicht auf ein völlig unabhängiges , sogar auf ein glänzendes Loos , das ich wenigstens nach dem Ableben ihres Vaters Vicktorinen werde bieten können , selbst wenn dieser den Entschluß faßte , sie , im Fall sie die Meine wird , völlig zu enterben . Vielleicht wird er auch jezt weniger eigensinnig auf die Verbindung mit dem Sohne seines Handelsfreundes bestehen , sobald er mich in der Ferne weiß , und Vicktorinen glückt es wahrscheinlich um so eher , sich von den Fesseln loszuwinden , mit denen ihr Vater sie umstricken möchte . Für meine persönliche Wohlfahrt bangt mir übrigens nicht , Vicktorinens Gebet wird mir ein schützender Engel werden , der jede Gefahr von mir wendet , mit der Menschen oder die Elemente mir drohen könnten . Und so bitte ich Sie denn nur , Hochwürdige Frau , bringen Sie mir Vicktorinens Erlaubnis zu gehen , und das bald ! Der erste Tag der Reise ist ja auch der erste , der uns der Heimkehr näher führt . Und wer kann wissen , ob es nicht während meiner Abwesenheit dem schützenden Genius unsrer Liebe in Ihrer würdigen Gestalt gelingt , Alles indessen zu unserm Besten zu wenden . « Unerachtet sie den Gründen ihres jungen Freundes nichts entgegenzustellen wußte , unternahm es die Tante doch nur mit innerem Widerstreben Raimunds Wunsch zu erfüllen ; sie erschrack beinahe , als Vicktorine weit leichter und gefaßter , als sie es hätte erwarten können , zu der Entfernung des Geliebten ihre Einwilligung gab . Eigentlich war Vicktorinens lebhafter Geist das ganz Einförmige ihres Unglücks , das Quälende des Gefühls dem Geliebten zugleich so nahe und so fern zu sein , allmählig so unerträglich geworden , daß jede Abänderung ihrer Lage ihr dagegen wie Gewinn erscheinen mußte . Ihre glühende stets vorwärts strebende Fantasie fand in dem Alltagsleben eines Geschäftsmannes keinen einzigen Punct , von dem aus sie das Bild des Geliebten , der ihr nicht nahen durfte , festhalten konnte . Wo sollten ihre Gedanken ihn suchen ? an der Börse ? am Schreibepult ? im alltäglichen Verkehr mit der handelnden Welt und ihren Gehülfen ? » Nein , Tante , « rief Vicktorine , » er mag gehen ! Mein Seegen , mein Gebet , meine Wünsche begleiten ihn überall und