Leben verfloß bei Miß Mortimer in solcher einförmigen Ruhe , daß ein Jahr und drüber dahinging , ohne daß ich eine Begebenheit aufzuzeichnen wüßte . Mein innres Leben war nicht ohne Wandel zwischen sträubender und ergebner Trauer , je nachdem ich die Vergangenheit empfand , oder die Zukunft berechnete . Oft überwog das Ermessen von der Größe meines ehemaligen Leichtsinns und den Folgen , die er gehabt , die Hoffnung , durch regen Eifer fürs Gute den versäumten Weg zu dem erhabnen Ziel , das ich nun ins Auge gefaßt , einzuholen . Oft unterdrückte auf eine Zeit lang die Aussicht in die öde , freudlose Zukunft , die vor mir lag , in das lange Leben , an dessen Anfang erst meine frühe Jugend stand , mein Vertrauen zu meinem himmlischen Vater . Wie sich aber auch mein Sinn je zuweilen trübte , so waren es dennoch nur Sommerwolken , die vor der Sonne vorüberschweben und sich endlich in milden Thränenregen auflösen - nie mehr umhüllte mich der lichtlose , lebenlose Dunstkreis der herzlosen Thorheit , noch der furchtbar finstere Sturm , aus dessen Wüthen mich meine fromme Freundin gerettet . Doch eben von ihr sollte die nächste Fluth des Schmerzens über mich einbrechen . So unerfahren ich in der Krankenpflege war , konnte es mir doch nicht entgehen , daß Miß Mortimers Gesundheitszustand sich verschlimmerte , und zugleich stieg der Verdacht in mir auf , daß sie durch Geldbedürfniß zu einer zunehmenden Sparsamkeit verbunden sey . Ich bemerkte , daß sie sich , unter dem Vorwand , kein Gefallen daran zu finden , manche Erquickung , die der Arzt ihr vorschlug , versagte , und bald überzeugte mich ein Zufall von der Wahrheit meines traurigen Verdachts . An einem Tage , wo sie besonders leidend war , kam ihr Anwalt , um mit ihr zu sprechen ; unfähig , seinen Besuch anzunehmen , bat sie mich , ihn zu verabschieden , und er hatte die Unvorsichtigkeit , mir , die er unterrichtet von ihren Angelegenheiten glaubte , einen Auftrag an sie zu geben , der mir verrieth , daß ihr ganzes kleines Vermögen durch meines Vaters Untergang verschlungen worden war . Bei dieser Nachricht glaubte ich vor Schmerz zu erliegen . - In dem Zeitpunct , wo sie sich der Mittel ihres Lebens-Unterhalts durch meinen Vater beraubt sah , hatte sie ihre wenige Baarschaft aufgewendet , um mich in meinem Elende aufzusuchen , hatte meine Zurückweisung ertragen , hatte mich gerettet und nun über ein Jahr vor mir ihre Armuth verborgen , hatte sich das Nöthige entzogen , um mir einen Theil meiner verweichlichten Bedürfnisse zu verschaffen . Für meine Empfindung gibt es keine Worte , so wie damals es keinen Zügel für sie gab . Mit einer verzehrenden Gluth des Schmerzens in meiner Brust - wirklich dem körperlichen Gefühl nach verzehrend - eilte ich zu meiner Freundin ; und wie sehr ich die Nothwendigkeit einsah , ihr keine Heftigkeit zu zeigen , so bat ich sie doch mit einem Strom von Thränen , mir einen Weg suchen zu helfen , auf dem mein Unterhalt ihr nicht mehr zur Last fiel . Mit Fassung und Engelmilde verweigerte sie meine Bitte : » Ich kann Sie nicht entbehren , meine gütige Ellen « , sagte sie , » man verbirgt mir nicht , daß ich Ihnen in wenigen Monaten Ihre Freiheit zurückgeben muß , aber bis dahin , Ellen , bis dahin verlassen Sie mich nicht ! Lassen Sie mich nicht allein sterben ! « Das war das erste Mal , daß der schreckliche Zeitpunct , den ich mir wohl zuweilen als endlich erfolgend gedacht hatte , mir so nahe , so unausweichbar gewiß vor das Auge gerückt wurde . Mit Mühe konnte ich der Verzweiflung widerstehen . In mein Zimmer verschlossen , betete ich nicht , ach , ich bat nur um die Kraft , beten zu können , um die Weisheit , nicht in Aufruhr gegen Gottes Rathschluß zu gerathen ; und nur allmählig besänftigte sich mein Gefühl so weit , daß der feste Wille , Gott zu vertrauen , wieder die Oberhand erhielt . Ich fühlte die Nothwendigkeit , durch irgend einen Erwerb Miß Mortimer aller Ausgaben für mich zu entheben , auf das quälendste , aber bei dem besten Willen standen mir überall meine fehlerhaften Gewohnheiten im Wege . Ich hatte mancherlei Modearbeiten gelernt , allein solche Bestrebungen hatten mehr das Vorzeigen im Gesellschaftskreis als ihre Vollendung zum Zweck . Eine Geschicktere , wie ich , ließ sich bezahlen , um mir eine Stickerei , eine Nadelarbeit anderer Art in Gang zu bringen , ich setzte sie mit einem glücklichen , mir angebornen Geschick fort , und nach wenigen Tagen mußte jene , wenn deren Gebrauch eine Bestimmung hatte , sie vollenden , oder sie ward in ein Schubfach gesteckt und nie wieder berührt . Die Mühseligkeit des Anfangs , die Anstrengung der Fortsetzung , die Beharrlichkeit zur Vollendung waren mir sehr ungewohnt ; ich arbeitete mit glühendem Gesicht , ich erweckte mich durch den Gedanken an meine leidende Freundin zehnmal aus einer Träumerei , während der meine Nadel ruhte , oder scheuchte mich durch diese Erinnerung vom Fenster zurück , wohin eine Blumenranke , ein Schmetterling mich gelockt und meines Fleißes vergessen gemacht hatte . Und wenn es mir gelungen war , eine kleine Summe zu erwerben , so verschlang sie das , was ich für mein persönliches Bedürfniß hielt . Ach , der in Ueppigkeit Erzogne hat den Maasstab für das Nothwendige verloren ! Ich besaß mehr , wie die mehrsten meiner Schwestern , und glaubte , weil ich allem Schmuck , aller Verzierung entsagt hatte , meine Bedürfnisse aufs strengste vereinfacht zu haben . War nun meine Kleidung bestritten , so blieb mir kaum eine Kleinigkeit , um sie für meine geliebte Kranke zu verwenden . Bei dem innigen Wunsche , mehr für sie thun zu können , hielt ich meine Augen mehr wie einmal auf den lieben Ring , das einzige