hatte . Zwischen ihm , Frau von Willnangen und auch Gabrielen war sogar eine Art von stillschweigender Uebereinkunft darüber entstanden ; man behandelte ihn , als wisse er alles , ohne doch je ausdrücklich irgend eines näheren Umstandes zu erwähnen . Er , der lebenskundige Mann , sah Gabrielens Zustand in weit hellerem Licht , als Frau von Willnangen . Er glaubte Gabrielens Ruhe nicht für immer zerstört , er hielt sie sogar in diesem Augenblick nicht für unglücklich . Er wußte , wie der Zauber der Jugend alles , selbst den Schmerz , zu verschönern vermag und ihn zuletzt in das süßeste aller Spiele umwandelt , das aber zugleich auch das gefährlichste ist , weil es dem Gemüthe die Kraft entzieht für den Ernst des Lebens in später kommenden Jahren . Die Thränen jener nie wiederkehrenden Frühlingszeit gleichen den Thau-Tropfen auf der Rosenknospe , sie verhauchen in süßen Düften , so lange der Morgen frisch athmet , aber wenn die glühenden Strahlen der Mittagssonne sie noch finden , so brennen sie sie ätzend zu unzerstörbaren Flecken ein ; die entstellten , früh welkenden Blätter bleiben geschlossen und vermögen es nie , sich in der ihnen von der Natur bestimmten Herrlichkeit zu entfalten . Uebrigens wußte Ernesto auch , daß der Frauen Herz ewig jung bleibt , wenn gleich ihre Locken unter der Hand der Zeit erbleichen ; daß sie immer geneigt bleiben , mit ihren jüngern Freundinnen sich aufs neue den Wonnen und Schmerzen hinzugeben , welche einst auch ihren Frühling erhellten und trübten , und die der Machtspruch des spätern Alters nur entschlummern hieß , aber nicht vernichten konnte . Deshalb fürchtete er Frau von Willnangens zu weiche Theilnahme für Gabrielen , jetzt da diese an dem ihre ganze Zukunft bestimmenden Wendepunkt ihres Lebens stand , und achtete es für Pflicht , in ihrer Nähe zu bleiben , um sie mit starker väterlicher Hand zu fassen , zu stützen , zu leiten , sobald es Noth thäte . Die kleine Reise ward in wenigen Tagen , und ohne alle Abenteuer zurückgelegt . Gabrielens stille Heiterkeit während derselben hatte zwar oft einen höchst wehmüthigen Ausdruck , der aber nie in wilderen Schmerz , in tiefere Trauer ausartete . Die Reisegesellschaft kam über Eger nach Karlsbad , und die Gegend in der Nähe dieses ersten Ziels ihrer Reise , besonders aber die mit keinem andern Badeorte zu vergleichende Einfahrt in das Städtchen selbst , entzückte sie alle . » Warlich , « rief Auguste , » es verlohnt sich der Mühe , alle Jahre nach Karlsbad zu reisen , einzig um darin anzukommen . Ich wollte , ich könnte , so lange wir hier bleiben , wenigstens jede Woche einmal die Freude haben , mich so lustig vom Thürmer anblasen zu hören . während ich am Fuß dieser prächtigen Felsen unter den wilden Rosenbüschen hinrolle und ihre Wälder , ihre schimmernde Kreuze , ihre Pyramidenzacken hoch über mir sehe . « Gabriele lehnte indessen schweigend zum Wagen hinaus , ihr Blick ruhte auf den Felsen , ihre Gedanken flogen der Heimath zu . So , ja eben so umstarrte hohes Gebirge das alte Schloß , in welchem sie das Licht der Sonne zuerst erblickt hatte . Nicht so geschmückt mit jeder Anmuth der Kultur und einer üppigen Vegetation , aber doch diesem ähnlich , nur beinah enger noch und tiefer , war das stille Thal , in welchem sie an der Hand ihrer Mutter zu wandeln pflegte . Seit sie Schloß Aarheim verließ , war sie immer in der Ebne geblieben , nur ganz von Ferne hatte sie mit der allen im Gebirge gebornen eignen Sehnsucht ihre lieben blauen Berge zu sich herüber schimmern gesehen . Beinahe ein Jahr war vorübergezogen , seit sie von ihnen schied . Ihr war , als kehre sie in diesem Augenblick wieder heim zu ihnen aus der fernen Welt , welche sie mit so wenig Erwartungen betreten hatte , in der sie so unendlich viel fand , was nur noch in der Erinnerung ihr gehörte , und von der sie , ohnerachtet ihrer Jugend , jetzt zu wissen glaubte , daß sie ihr nichts weiter mehr zu bieten habe als ein Grab . Der wirkliche Eintritt in Karlsbad und in ihre freundliche Wohnung riß sie aus ihren trüben Träumen , und Augustens herzliche Freude an allen neuen Umgebungen erweckte auch sie zur Theilnahme . Bald gewahrte sie sich selbst in einer neuen Welt . Die geputzten Brunnengäste , welche an dem wunderschönen lauen Sommerabend unter ihrem Fenster auf- und abgingen , schienen ihr unzählbar , so daß die große lebensreiche Stadt welche sie eben verlassen hatte , ihr wie todt dünkte gegen diesen kleinen , einem Ameisenhaufen ähnlichen Fleck Erde , und sie sich an dem ungewohnten Schauspiel fast eben so sehr ergötzte als Auguste . Der Julimonat , und mit ihm die Zeit , während welcher Karlsbad am glänzendsten erscheint , war über die Hälfte vorübergezogen , als Frau von Willnangen mit ihren Begleitern dort anlangte . Einige fürstliche Personen , die bisher einen kleinen Hof gebildet hatten , welcher den vornehmern Brunnengästen einen , alle übrige ausschließenden Vereinigungspunkt gewährte , hatten sich schon zur Nachkur in andere Bäder begeben . Täglich sah man lange Reihen mit Koffern hochgepackter großer Berlinen über die Wiese ziehen , in welchen vornehme Familien ihnen nacheilten . Dennoch blieb die Gesellschaft noch immer zahlreich genug , um keine Lücke merkbar werden zu lassen , und neue Ankömmlinge ersetzten täglich die Stelle der Abreisenden . Frau von Willnangen besaß unter vielen angenehmen Eigenschaften auch die , sich überall , wohin sie kam , leicht anzusiedeln und heimisch zu werden . Auf Reisen wußte sie dem aller ungemüthlichsten Gasthofszimmer in wenigen Minuten ein wohnliches Ansehen zu geben , ohne daß man sonderlich bemerken konnte , was sie darin verändert habe . Wo sie an fremden Orten längere Zeit blieb , da gewannen alle ihre Umgebungen bald einen so behaglich-häuslichen Anstrich , daß jedem wohl darin ward , dem es