sah so gut , so liebenswürdig flehend zu mir herauf , daß ich mir in dem Augenblick meiner selbst nicht bewußt war . Schnell sagte ich , indem ich sie aufhob : Ich will das Mögliche tun , beruhige dich , mein Kind ! und so wandte ich mich nach einem Seitenwege . Tun Sie das Unmögliche ! rief sie mir nach . - Ich weiß nicht mehr , was ich sagen wollte , aber ich sagte : Ich will , und stockte . Tun Sie ' s ! rief sie auf einmal , mit einem Ausdruck von himmlischer Hoffnung . Ich grüßte sie und eilte fort . Den Oheim wollte ich nicht zuerst angehen , denn ich kannte ihn nur zu gut , daß man ihn an das Einzelne nicht erinnern durfte , wenn er sich das Ganze vorgesetzt hatte . Ich suchte den Geschäftsträger ; er war weggeritten ; Gäste kamen den Abend , Freunde , die Abschied nehmen wollten . Man spielte , man speiste bis tief in die Nacht . Sie blieben den andern Tag , und die Zerstreuung verwischte jenes Bild der dringend Bittenden . Der Geschäftsträger kam zurück , er war geschäftiger und überdrängter als nie . Jedermann fragte nach ihm . Er hatte nicht Zeit , mich zu hören : doch machte ich einen Versuch , ihn festzuhalten ; allein kaum hatte ich jenen frommen Pachter genannt , so wies er mich mit Lebhaftigkeit zurück : Sagen Sie dem Onkel um Gottes willen davon nichts , wenn Sie zuletzt nicht noch Verdruß haben wollen . - Der Tag meiner Abreise war festgesetzt ; ich hatte Briefe zu schreiben , Gäste zu empfangen , Besuche in der Nachbarschaft abzulegen . Meine Leute waren zu meiner bisherigen Bedienung hinreichend , keineswegs aber gewandt , das Geschäft der Abreise zu erleichtern . Alles lag auf mir ; und doch , als mir der Geschäftsmann zuletzt in der Nacht eine Stunde gab , um unsere Geldangelegenheiten zu ordnen , wagte ich nochmals , für Valerinens Vater zu bitten . Lieber Baron , sagte der bewegliche Mann , wie kann Ihnen nur so etwas einfallen ? Ich habe heute ohnehin mit Ihrem Oheim einen schweren Stand gehabt ; denn was Sie nötig haben , um sich hier loszumachen , beläuft sich weit höher , als wir glaubten . Dies ist zwar ganz natürlich , aber doch beschwerlich . Besonders hat der alte Herr keine Freude , wenn die Sache abgetan scheint und noch manches hintennachhinkt ; das ist nun aber oft so , und wir andern müssen es ausbaden . Über die Strenge , womit die ausstehenden Schulden eingetrieben werden sollen , hat er sich selbst ein Gesetz gemacht ; er ist darüber mit sich einig , und man möchte ihn wohl schwer zur Nachgiebigkeit bewegen . Tun Sie es nicht , ich bitte Sie ! es ist ganz vergebens . Ich ließ mich mit meinem Gesuch zurückschrecken , jedoch nicht ganz . Ich drang in ihn , da doch die Ausführung von ihm abhänge , gelind und billig zu verfahren . Er versprach alles , nach Art solcher Personen , um für den Augenblick in Ruhe zu kommen . Er ward mich los ; der Drang , die Zerstreuung wuchs ! ich saß im Wagen und kehrte jedem Anteil , den ich zu Hause haben konnte , den Rücken . Ein lebhafter Eindruck ist wie eine andere Wunde ; man fühlt sie nicht , indem man sie empfängt . Erst später fängt sie an zu schmerzen und zu eitern . Mir ging es so mit jener Begebenheit im Garten . Sooft ich einsam , sooft ich unbeschäftigt war , trat mir jenes Bild des flehenden Mädchens , mit der ganzen Umgebung , mit jedem Baum und Strauch , dem Platz , wo sie knieete , dem Weg , den ich einschlug , mich von ihr zu entfernen , das Ganze zusammen wie ein frisches Bild vor die Seele . Es war ein unauslöschlicher Eindruck , der wohl von andern Bildern und Teilnahmen beschattet , verdeckt , aber niemals vertilgt werden konnte . Immer erneut trat er in jeder stillen Stunde hervor , und je länger es währte , desto schmerzlicher fühlte ich die Schuld , die ich gegen meine Grundsätze , meine Gewohnheit auf mich geladen hatte , obgleich nicht ausdrücklich , nur stotternd , zum erstenmal in solchem Falle verlegen . Ich verfehlte nicht , in den ersten Briefen unsern Geschäftsmann zu fragen , wie die Sache gegangen . Er antwortete dilatorisch . Dann setzte er aus , diesen Punkt zu erwidern ; dann waren seine Worte zweideutig , zuletzt schwieg er ganz . Die Entfernung wuchs , mehr Gegenstände traten zwischen mich und meine Heimat ; ich ward zu manchen Beobachtungen , mancher Teilnahme aufgefordert ; das Bild verschwand , das Mädchen fast bis auf den Namen . Seltener trat ihr Andenken hervor , und meine Grille , mich nicht durch Briefe , nur durch Zeichen mit den Meinigen zu unterhalten , trug viel dazu bei , meinen frühern Zustand mit allen seinen Bedingungen beinahe verschwinden zu machen . Nur jetzt , da ich mich dem Hause nähere , da ich meiner Familie , was sie bisher entbehrt , mit Zinsen zu erstatten gedenke , jetzt überfällt mich diese wunderliche Reue - ich muß sie selbst wunderlich nennen - wieder mit aller Gewalt . Die Gestalt des Mädchens frischt sich auf mit den Gestalten der Meinigen , und ich fürchte nichts mehr , als zu vernehmen , sie sei in dem Unglück , in das ich sie gestoßen , zugrunde gegangen ; denn mir schien mein Unterlassen ein Handeln zu ihrem Verderben , eine Förderung ihres traurigen Schicksals . Schon tausendmal habe ich mir gesagt , daß dieses Gefühl im Grunde nur eine Schwachheit sei , daß ich früh zu jenem Gesetz , nie zu versprechen , nur aus Furcht der Reue , nicht aus einer edlern Empfindung getrieben worden . Und nun scheint sich