' Affaires des Herrn von Kreisler zu machen scheinet , so will ich es Euch nicht verhehlen , daß nur zwei Dinge mir nicht recht an ihm gefallen wollen , die vielleicht mehr Gewohnheiten sind als wirkliche Dinge . - Ihr versteht schon , wie ich das meine . - Fürs erste starrt er mir , wenn ich mit ihm spreche , geradezu ins Antlitz . Ich habe doch konsiderable Augen , kann fürchterlich daraus blitzen , wie weiland Friedrich der Große , kein Kammerjunker , kein Page wagt es aufzuschauen , wenn ich , den entsetzlichen Blick auf ihn schießend , frage , ob das mauvais sujet schon wieder Schulden gemacht oder den Marzipan aufgefressen , aber der Herr von Kreisler , den mag ich anblitzen , wie ich will , er macht sich gar nichts daraus , sondern lächelt mich an auf eine Weise , daß - ich selbst die Augen niederschlagen muß . Dann hat der Mann eine solche besondere Art zu sprechen , zu antworten , das Gespräch fortzuführen , daß man zuweilen ordentlich glaubt , das , was man selbst gesagt , sei eben nicht sonderlich gewesen , man wäre gewissermaßen eine Be - Beim St. Januar , Meister , das ist ganz unausstehlich , und Ihr müßt dafür sorgen , daß Herr von Kreisler sich diese Dinge oder Gewohnheiten abgewöhne . « Meister Abraham versprach zu tun , was Fürst Irenäus von ihm verlangte , und wollte aufs neue davon , da erwähnte der Fürst noch des besondern Widerwillens , den Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler geäußert , und meinte , daß das Kind seit einiger Zeit von seltsamen Träumen und Einbildungen geplagt werde , weshalb der Leibarzt die Molkenkur zum nächsten Frühjahr angeraten . Hedwiga sei nämlich jetzt auf den sonderbaren Gedanken geraten , daß Kreisler dem Tollhause entsprungen und allerlei Unheil anrichten werde bei nächster Gelegenheit . » Sagt , « sprach der Fürst , » sagt , Meister Abraham , ob der vernünftige Mann wohl nur die mindeste Spur der Geisteszerrüttung an sich trägt ? « Abraham erwiderte , daß Kreisler zwar ebensowenig verrückt sei als er selbst , jedoch sich zuweilen etwas seltsam gebärde und in einen Zustand gerate , der beinahe dem des Prinzen Hamlet zu vergleichen , dadurch aber nur um so interessanter werde . - » Soviel wie ich weiß , « nahm der Fürst das Wort , » war der junge Hamlet ein vortrefflicher Prinz aus einem alten angesehenen Regentenhause , der sich nur zuzeiten mit der sonderbaren Idee herumtrug , daß sämtliche Hofleute sich auf das Flötenblasen verstehen sollten . Hohen Personen steht es wohl an , auf Seltsames zu verfallen , es vermehrt den Respekt . Was bei dem Mann ohne Rang und Stand eine Absurdität zu nennen , ist bei ihnen bloß die angenehme Kapriole eines ungemeinen Geistes , welche Staunen erregen muß und Bewunderung . - Herr von Kreisler sollte fein im geraden Wege bleiben , will er aber durchaus den Prinzen Hamlet imitieren , so ist das ein schönes Streben nach dem Höheren , vielleicht veranlaßt durch seine überwiegende Neigung zu den musikalischen Studien . Man mag es ihm verzeihen , wenn er bisweilen sich wunderlich betragen will . « - Es schien , als wenn Meister Abraham heute nun einmal nicht aus dem Zimmer des Fürsten kommen sollte ; denn wiederum rief der Fürst ihn zurück , als er schon die Türe geöffnet , und verlangte zu wissen , woher der seltsame Widerwille der Prinzessin Hedwiga gegen den Kreisler wohl rühren möge . Meister Abraham erzählte die Art , wie Kreisler der Prinzessin und Julien zum erstenmal im Park zu Sieghartshof erschienen , und meinte , daß die aufgeregte Stimmung , in der der Kapellmeister damals gewesen , auf eine Dame von zarten Nerven wohl habe feindlich wirken müssen . Der Fürst gab mit einiger Heftigkeit zu erkennen , wie er hoffe , daß Herr von Kreisler nicht wirklich zu Fuße nach Sieghartshof gekommen , sondern daß der Wagen hier oder dort im breiten Fahrwege des Parks gehalten , da nur gemeine Abenteurer zu Fuße zu reisen pflegten . Meister Abraham meinte , daß man zwar das Beispiel eines tapfern Offiziers vor Augen habe , der von Leipzig nach Syrakus gelaufen , ohne sich ein einziges Mal die Stiefeln versohlen zu lassen , was aber den Kreisler betreffe , so sei er überzeugt , daß ein Wagen wirklich im Park gehalten . - Der Fürst war zufrieden . - Während sich dies im Gemach des Fürsten begab , saß Johannes bei der Rätin Benzon vor dem schönsten Flügel , den jemals die kunstreiche Nannette Streicher gebaut , und begleitete Julien das große leidenschaftliche Rezitativ der Klytämnestra aus Glucks » Iphigenia in Aulis « . - Gegenwärtiger Biograph ist leider genötigt , seinen Helden , soll das Porträt richtig sein , als einen extravaganten Menschen darzustellen , der , vorzüglich was die musikalische Begeisterung betrifft , oft dem ruhigen Beobachter beinahe wie ein Wahnsinniger erscheint . Er hat ihm schon die ausschweifende Redensart nachschreiben müssen , daß » als Julia sang , aller sehnsüchtige Schmerz der Liebe , alles Entzücken süßer Träume , die Hoffnung , das Verlangen durch den Wald wogte und niederfiel wie erquickender Tau in die duftenden Blumenkelche , in die Brust horchender Nachtigallen . « Kreislers Urteil über Julias Gesang scheint hiernach eben nicht von sonderlichem Wert . Versichern kann aber bemeldeter Biograph bei dieser Gelegenheit dem günstigen Leser , daß Julias Gesang , den er , dem Himmel sei ' s geklagt , niemals selbst hörte , etwas Geheimnisvolles , etwas ganz Wunderbares in sich getragen haben muß . Ungemein solide Leute , die sich erst seit kurzer Zeit den Zopf wegschneiden lassen , die , nachdem sie einen tüchtigen Rechtsfall , eine malitiös merkwürdige Krankheit oder einen jungen Ankömmling von Straßburger Pastete gehörig erprobt , der Umgang mit Gluck , Mozart , Beethoven , Spontini im Theater nicht im mindesten aus der schicklichen Seelenruhe brachte