lange Jahre hindurch , und wie auch der Cardinal mit meinem Leben zusammenhängt , ich glaube ihn dort gesehen zu haben , doch so früh , daß mir nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist , und er , die kindischen Züge leicht vergessend , sie überall in jedem fremden Gesicht zu finden glaubt . Rodrich schüttete nun sein ganzes Herz vor ihm aus , und wie er der Vergangenheit gedachte , konnte er nicht umhin , prophetische Blicke in die Zukunft zu werfen . Florio bat ihn , Gott zu vertrauen , der sich niemals widerspreche , und der Natur eines Jeden gewähre , was sie durch ihr lebendiges Wollen verlange . Ich werde es niemals glauben , setzte er hinzu , daß Mensch und Welt in so argem Widerstreite gegen einander stehen , und die Nothwendigkeit sich gegen den innern Ruf so aufthürmen könne , daß dieser unbeantwortet bliebe , oder der Geist , in eigner Erniedrigung verschmachtend , dahin getrieben würde , sich durch freche That zu befreien . Das hat noch Niemand groß gemacht , daß er mehr gewollt als er gedurft . Wenn man recht zusieht , bietet sich doch alles einander die Hände , und wer zu Gott will , mit dem ist Gott auch sicherlich . Rodrich hörte nicht recht auf das , was er sprach . Sein Denken war überall unstät , oder in Einem Gegenstande befangen . Beides traf hier zu . Mirandas Besitz beschäftigte ihn ausschließend , und doch war es als wenn auf diesem höchsten Gipfel seines Glückes noch tausend andre Wünsche , wie Cristallspitzen , anschössen , die , alle Farben spielend , seine Sinne unruhig umhertrieben . Laß uns noch einmal nach Theresens Garten gehen , rief er aus ! ach , es war so unbeschreiblich schön dort ! Florio folgte ihm willig . Allein da sie hinaustraten , wehete ihnen ein feuchter frischer Wind entgegen , der Himmel war trübe , hin und wieder fielen einzelne Regentropfen , die sich , je weiter sie gingen , verdoppelten , und zuletzt in Strömen ergossen . Rodrich wollte sein Vorhaben nicht aufgeben , bis er zu der Gartenthür kam , die gerade jetzt wohl durch einen Zufall verschlossen war . Er blieb ganz erschrocken stehen . Soll ich sie denn nicht wieder sehen , sagte er so leise , als wäre selbst der Klang dieser Worte von übler Vorbedeutung . Denn das ist kein Sehen zu nennen , fuhr er unwillig fort , wenn ich morgen mit hundert Andern dahin gelange , einen kalten förmlichen Abschied in des Fürsten Gegenwart von ihr zu nehmen ; dieses Menschen , der mir doppelt widrig ist , seit er sich hinter alten Gebräuchen verschanzt , um sein Heer nicht auf dem einzigen Wege zu begleiten , der ihn wenigstens zu einem würdigen Tode führen könnte . Müssen die verhaßten Umgebungen so schneidend zwischen uns treten , und soll ich mit Haß und Widerwillen zu kämpfen haben , wenn ich sie sehe ? Der Himmel sollte mir doch wenigstens dies Eine Gefühl rein erhalten ! - Schilt den Himmel nicht , sagte Florio sanft . Könnte ein Gefühl deine Brust erfüllen , glaube mir , die Umgebungen hinderten es nicht . Manchem erscheint das Leben wohl nur so störend , weil alles leicht zerstörbar in ihm ist . Komm nur , fuhr er fort , wir wollen die Stadt noch ein wenig durchstreifen , vielleicht zerstreuen dich die lustigen Kameraden , die alle Sorgen hinter sich lassen , und im fröhlichen Rausch nur vorwärts Glück und Wohlleben sehen . - Sie waren noch nicht weit gegangen , als sie Stephano trafen , der in unglaublicher Bewegung überall war , und sich mit Entzücken in das neue Leben verlor . Es giebt , sagte er , als er sie erblickte , in der Welt keinen kühnern Idealisten , als den Soldaten . Auch der Erfahrenste tritt die oft empfundenen Widerwärtigkeiten lachend nieder , und sieht unverwandt in die Sonne des Ruhmes . Es ist , als wären Mühe und Noth , Gefahr und Wunden gar nicht da , so freudig sieht er darüber hinaus . Ich kann nicht beschreiben , wie ich mich an allem ergötze , was mich umgiebt . Jeder Krieger ist sicher ein Märtyrer seines unerkannten Gefühls , und eben diese Bewußtlosigkeit giebt ihm das unbefangne Kindliche , die frische Heiterkeit , die ein unversiegbarer Quell wohl ersonnener Späßchen bleibt . Ja wohl , sagte ein Mann in Grau gekleidet , den Stephano ganz dreist für einen Schulmann erklärte , ja wohl gleicht der Soldat dem Kinde , das hundertmal über einen Stein gefallen ist , und ihn doch nicht sieht , wenn die lockende Frucht aus der Ferne winkt . Das ist ja eben das herrliche in ihm , fiel Stephano schnell ein , daß ihn keine niederträchtige Überlegung von einem dreisten Schritt zurückhält . Der Engel mit dem Schwerte leihet dem Krieger seine Schwingen , um ihn über die Erbärmlichkeiten des Lebens hinaus zu tragen . Könnte der Tollkühne , fuhr der graue Mann fort , das glänzende Elend durchschauen , er würde gedankenvoll und mit Weisheit die Bahn betreten , oder mindestens dürften seine Führer den Stein zu umgehen suchen . Nun ich sehe zum Glücke , sagte Stephano , daß ein letztes Fünkchen dieser Tollkühnheit jedem und auch ihnen beiwohnet , da sie so rücksichtslos mit und von den Soldaten reden . Hüten sie sich aber doch vor diesem Stein , ihr kühner Geist mögte sie nicht bei allen auf gleiche Weise empfehlen . Sie wandten sich von dem friedliebenden Lehrer , den ein paar kecke Bursche spottend nöthigten , mit ins Feld zu ziehen . Er werde , meinten sie , in der Schlacht gut thun , da er mit den kurzen Beinen nicht weit laufen könne . Rodrich ' s Ahnungen hatten ihn indeß nicht betrogen . Er sahe Miranda erst am folgenden Abend in der großen Hofversammlung . Die Stunden rollten dort quaalvoll