Walde , Den Knaben , der allein ist , aufzusuchen ; Er sagte ja , er wollte nach den Buchen . Hier nahm mich Tilie an der Hand und führte mich durch kleine schmale Wege in den dunkeln Wald ; es war mir recht heilig zu Mute . Wir schwiegen lange , und horchten auf das Abendlied der Nachtigall , das mit glänzenden einzelnen Tönen durch die lebenden Gewölbe zog . Der Mond sprach wehmütig mit einzeln zündenden Silben durch das Flüstern der Bäume , Ahndung wehte mit ihren dämmernden Flügeln durch die Büsche , und alle heimlichsten Gedanken wagten sich aus jeder Seele , wo sie sich vor dem geschäftigen vorwitzigen Tage versteckt hatten . Morgen , Römer ! hörst du weiter ; ich muß nun schlafen . Tilie sagte heute , meine Augen seien so verwacht , da bist du schuld dran . Dies Mädchen besitzt einen so , daß man , um nur wenige Augenblicke nach einem Freunde zu sehen , fast vor Anstrengung erblinden muß . Schlafe wohl . Godwi Godwi an Römer Hat sich die Zeit in ihrem Gange verändert ? - Kein Tag schleicht mehr mit seinen gähnenden Stunden , und keiner stürzt mit seinen Augenblicken hinab . - O welche stille Wechsel in mir , im gemessenen Takte schreiten die Augenblicke wie Töne zu einer schönen Melodie des Lebens hin , und irret mein Geist durch alle Akkorde auf harmonischen Wegen einen dem andern verbindend , so gelangt er nicht selten , der schönen Folge zur wunderbaren Erquickung , auf einen Gipfel , wo aller Takt weicht , und das Lied gleichsam einen freien ungebundenen Blick in die Ewigkeit tut , und neuerdings kehrt die Melodie zurück , wie das Atmen unsers Busens , das ein sanfter Seufzer unterbrach . Hier eilt das Leben nicht , ich sehe ihm nimmer nach , auch weilt es nicht träg , und ich brauche es nie zu treiben . Ich gehe ruhig mit den Stunden , und jede bietet mir das volle Leben an ; solange ich hier oben bin , habe ich noch nicht an die Zeit gedacht . Der Morgen ist schon wieder da , und alle Farben , alle Töne und Gestalten singen ihm ein Lied , das noch nie gesungen ward , so oft er auch die Welt begrüßte , die ihm jedesmal mit schönen Worten geantwortet . So ist und bleibt der Stoff , der des Dichtens wert ist , ewig derselbe und einfachste , der eben darum unerschöpflich ist . Denn nach dem einzigen Punkt , der in der Mitte der Welt liegt , kannst du die meisten Linien ziehen , und nur von ihm aus zu allem gelangen . Hier folgt die Fortsetzung meines Tagebuchs . So war der Wald , und wir - Tilie unterbrach unser Schweigen : Du hast mit meinem Vater lang geredet , Wie war er , war er freundlich , warst du es ? Ich : Ich sah ihn niemals so , Otilie , niemals War seine Rede so voll süßer Worte , Die alle zwischen Ernst und Wehmut schwankten ; Sein Aug war feurig und ein mildes Lächeln Umschwebte seinen Mund , und um die Wangen Schwamm eine zarte Röte , wie ein Heilger Sah friedlich er zum Himmel und zur Erde . Er sprach von dir , von mir und von der Liebe , Und hingerissen sank ich vor ihm nieder , Umfaßte ihn und konnte ihn nicht lassen . Von meinen Lippen drang der Name : Vater ! Da riß er sich von meiner Brust und zürnte , Sprach wild zu mir : » Ich bin sein Vater nimmer , Bin keines Menschen Vater ; geh ! o gehe Zu meinem Kinde hin « ; so komm ich zu dir . Tilie : Es tut mir weh , o Freund ! denn du wirst glauben , Daß du den Vater so mit deiner Rede Gekränkt hast , und das könnte dich verführen , Was nimmer gut ist , dich in acht zu nehmen . Ich : Was nimmer gut ist ? Tilie : Nein , denn die Natur , Sie nimmt sich nie in acht , drum handelt sie So mächtig und so rein , stets zur Genüge . Willst du gleich alles schon zum voraus sein , So kannst du in der Handlung nie genügen . Ich : Ich konnte nicht , denn alle meine Sinne Und alles , was geheim in mir verborgen , Hat er erweckt mit wunderbarem Leben . Die tiefsten Wünsche kühn in mir bewaffnet , Ihr Ziel , sonst unerreichlich , zu erreichen . Ich fühlte mich wie neu geboren , dankend Nannt ich ihn Vater ! Tilie : Vater , und er zürnte - Er liebt den Namen Vater nicht , und nimmer Darf ich ihn anders als nur Werdo rufen ; Und er hat recht , denn es ist sonderbar , Den Einzelnen im Leben so zu nennen , Da wir ja nur ein einzig Leben kennen . Beruhigtest du ihn ? Ich : Nein , ich vermied es , Weil es nach ihm nur eine Ruhe giebt , Die in der Nacht , wo alle Farben sterben , Die in der Ferne , wo der Ton verklingt , Und Grabesruh , die die Gestalt verschlingt . Als wir an einen kleinen runden Platz kamen , in dessen Mitte zwei junge Pappeln standen , sagte Tilie , auf die Pappeln zeigend : Dies ist Joduno , und dies hier Otilie . Als wir vor zehen Jahren in dem Walde Still miteinander wandelnd uns verloren , Verteilten wir uns , um den Weg zu suchen , Daß eine doch nach Haus zu Werdo komme , Den Abendtrunk in dem kristallnen Glase Ihm freundlich vor dem Schlafengehn zu reichen . Mich traf das Los , den Rückweg bald zu finden , Joduno irrte lang im Walde hin , Bis ich sie hier auf dieser freien Stelle Am Boden ruhig sitzend fand , sie lauschte ,