zog nunmehr eine bunte Kapuze über das graue Haar , packte ein paar Handschuhe ohne Finger in einen Korb , den sie auf dem Schoße hielt , und sagte dann zu ihrem Nachbar , einem bärtigen , graumelierten , mittelalterlichen Herrn : » Sehen Sie , Herr Inspektor , wir sammeln und verlieren . « » Jawohl , Mutter Sootzmann « , erwiderte der Angeredete , der die Alte ganz ersichtlich beschwichtigen wollte . » In Nauen haben wir gesammelt , in Wustermark und Dyrotz haben wir verloren , in Falkenrehde haben wir wieder gesammelt . « » Jawohl , Mutter Sootzmann . « » Alles im Leben ist sammeln und verlieren . Wenn der Mensch in Falkenrehde Kaffee trinkt , hat er gesammelt . Ich habe gesammelt , Herr Inspektor .... « » Jawohl , Mutter Sootzmann « , unterbrach dieser jetzt rascher als vorher , weil er irgendeinen unharmonischen Abschluß befürchten mochte . Immer dichter inzwischen wurde der Dunstkreis . Die Laterne begann zu blaken , was kaum noch als ein Übelstand gelten konnte , und der » Regierungsbeamte « , gebildet bis zuletzt , sprach über Stickstoffoxyd und zu früh zugemachte Ofenklappen , ein Thema , dessen Zeitgemäßheit nicht zu bezweifeln war . Ich weiß nicht mehr , was ich antwortete , oder ob ich überhaupt antwortete . Ein Kopfweh , das schon die Grenzen des tic douloureux streifte , schlug meine Artigkeit in Banden . Und so fuhren wir nach Potsdam hinein . Endlich Luft ! Im Freien begann ich über die verschiedenen Arten des Grauens zu reflektieren . Was war die Falkenrehder Gruft gegen diesen Nauener Omnibus und was der » Enthauptete « gegen Mutter Sootzmann , die Norne ! Zwei » heimlich Enthauptete « I. Graf Adam Schwarzenberg I. Graf Adam Schwarzenberg 1755 kam Prinz August Wilhelm von Preußen , ältester Bruder Friedrichs des Großen , mit seiner Schwester , der Prinzessin Amalie nach Spandau . Bei dieser Gelegenheit besahen sich die beiden königlichen Geschwister auch das Innere der Nikolaikirche . Bei der Begräbnistafel des Grafen Schwarzenberg blieb der Prinz erstaunt stehen , indem er zu seiner Umgebung äußerte : » Wie ? Ist der Graf nach dem Tode George Wilhelms nicht nach Wien gegangen und dort verstorben ? Diese Tafel ist wohl nur zum Schein hier angebracht ? « Aller Gegenversicherungen ungeachtet blieb der Prinz auf seiner Meinung bestehen , und um sich vollständig von dem Sachverhalt zu überzeugen , befahl er , das Grab zu öffnen . Nachdem dies geschehen , erhielt der Page von Dequede von dem Prinzen die Weisung hinabzusteigen und zu sehen , ob sich wirklich ein Leichnam im Gewölbe befinde . Der beherzte Page kam nach einiger Zeit mit dem halb vermoderten Kopfe eines Menschen wieder zum Vorschein . Der Prinz besah den Kopf genau und rief dann unwillig : » Ja , das ist er . Man werfe ihn nur wieder hin ! « Diesem Befehle folgte der Page buchstäblich und als unmittelbar darauf Kirchendiener und Maurer in die Kirche kamen , um das Grab wieder zu schließen , bemerkten sie , daß der Kopf auf der Brust des Leichnams lag . Daraus entstand das Gerücht , daß Graf Schwarzenberg enthauptet worden sei . 1777 ließ der Prediger des damals zu Spandau in Garnison liegenden Regiments Prinz Heinrich einen Aufsatz drucken , in dem er die Enthauptung bereits als ausgemachte Tatsache hinstellte . Er beschrieb sogar den Ort in der Spandauer Heide , wo die Hinrichtung stattgehabt hätte , und fügte noch hinzu , daß man » im Jahre 1755 bereits den Körper des Grafen ohne Sarg , nur zwischen einigen Brettern liegend , vorgefunden habe . « Aber durch eben diesen Aufsatz wurde auch die Anregung gegeben , näher nachzuforschen und das Gerücht auf seine Grundlosigkeit zurückzuführen . Oberst von Kalkstein , der ehemalige Kommandeur des Regiments , wollte Gewißheit haben und ließ am 20. August 1777 abermals das Gewölbe öffnen , wobei außer dem Herrn Obersten noch folgende Personen zugegen waren : Regimentschirurgus Laube , der Garnisonprediger , Justizrat Lemcke , Adjutant von Bardeleben , Konrektor Dilschmann , Inspektor Schulz und Dr. Heim ( der spätere » alte Heim « , damals , von 1776 bis 1783 , Arzt und Physikus in Spandau ) . Den Deckel fand man neben dem Sarge sehr zertreten ; der Sarg selbst war mit violettfarbenem Samt ausgeschlagen und mit goldenen Tressen besetzt ; der Leichnam ruhte auf Kissen von weißem Taft . Bekleidet war der Graf mit einer langen spanischen Weste von Silberstoff , an der Seite hatte er einen bereits verrosteten , mit goldener Tresse verzierten Degen , seidene , fleischfarbige Strümpfe bedeckten die Beine , und auf den Füßen trug er schwarzlederne Schuhe mit sehr dicken Sohlen . Ein schwartzsamtner , mit einer goldenen Rundschnur besetzter , niedergeschlagener Hut lag auf dem Körper und neben demselben der Kopf . Dr. Heim nahm den Kopf in die Hand , um ihn genau zu untersuchen ; hierbei fand sich , daß derselbe mit Kräutern angefüllt und einbalsamiert war . Die Knochen waren noch nicht vermodert und die sieben Halswirbel fanden sich im Sarge sämtlich unverletzt vor . Heim erklärte : » Der Graf ist nicht enthauptet worden , sondern eines natürlichen Todes gestorben . « Auch wurde eine Urkunde darüber ausgestellt , die sich bis diesen Augenblick in einem verschlossenen Kasten des Spandauer Kirchenarchivs befindet . 2. General von Einsiedel 2. General von Einsiedel Ziemlich um dieselbe Zeit , als in Spandau die Enthauptungssage von Graf Adam Schwarzenberg aufkam , also in den Jahren unmittelbar vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges , hieß es auch in Potsdam , als ob die beiden Nachbarstädte auf diesen Punkt hin eifersüchtig gewesen wären : » General Einsiedel sei heimlich enthauptet worden . « Die Sache machte insofern noch ein gesteigertes Aufsehen , als alles , was den » katholischen Grafen « ( Schwarzenberg ) anging , um ein Jahrhundert zurücklag , während die Einsiedel-Enthauptung eine Art Tagesereignis war . Lange hielt sich der