im Umlauf waren . Man unterhielt sich lachend davon , daß sie sich trotz der vierzehn Jahre , seit denen sie im Norden lebe , noch nicht an das Klima habe gewöhnen können , daß sie beim Beginne des Winters , am Tage schlafend und in den Nächten wachend , sich förmlich in ihren Zimmern vergrabe , um von der schlechten Jahreszeit so wenig als möglich gewahr zu werden ; daß sie sich nur von Früchten und von Süßigkeiten nähre , daß sie unter dem Vorgeben , um ihren verstorbenen Gatten immer noch zu trauern , beständig schwarz , und zwar in einem nonnenartigen Gewande einher gehe , während diese Schwarze Tracht ihr doch als eine Buße für ihre Flucht aus dem Kloster auferlegt worden sei ; und neben diesen aus mißdeuteter Wahrheit und aus absichtlicher Erfindung zusammengesetzten Erzählungen tauchten hier und da bedenklichere Gerüchte auf , welche sich in anderer Weise mit der Baronin Vittoria zu thun machten . Sie bezogen sich auf ihre eheliche Treue , auf ihr früheres und auf ihr gegenwärtiges Verhältniß zu ihrem Stiefsohne , auf ihre Feindschaft gegen Hildegard , auf ihre außerordentliche Freundschaft für ihre Schwiegertochter und endlich auch auf ihren Sohn , der sich jetzt bereits in der großen militärischen Erziehungs-Anstalt befand . Woher die Gerüchte stammten , welche den Ruf und die Ehre Vittoria ' s so empfindlich antasteten und dem Hause des jungen Freiherrn selbst in jedem Betrachte zu nahe traten , das wußte Niemand zu sagen ; aber man nahm sie nichts desto weniger als alte , ganz bekannte Thatsachen auf . Hildegard und die Gräfin Rhoden hatten , wie man versicherte , wohl gelegentlich über Vittoria ' s Eigenheiten einmal gescherzt , indeß von ihnen war ein Wort des ernsten Tadels gegen Cäcilien ' s Schwiegermutter , so weit man sich erinnerte , nicht ausgegangen . Daß Graf Gerhard , der so streng auf Ehre hielt und in allen Dingen so vorsichtig zu Werke ging , nichts wider die Stiefmutter seines Neffen geäußert haben könne , davon waren alle , die ihn kannten , überzeugt , und doch empfanden Renatus und Cäcilie immer auf ' s Neue , daß man sie mehr und mehr mit einer peinigenden Neugier beobachtete , daß man sich in einer sonderbaren Weise nach der Baronin Vittoria erkundigte und daß überall und immer die Frage aufgeworfen wurde , ob der Freiherr denn für sich und die Seinigen eine Vorstellung am Hofe nachzusuchen denke . Die Lage wurde beiden Gatten unbequem . Man that im Grunde durchaus nichts Entschiedenes wider sie , aber sie trafen nirgends auf einen festen Boden , und überall war es , als wachse ein Unkraut unter ihren Schritten auf , das sich ihnen hemmend und hindernd um die Füße legte . Wollten sie es nicht weiter wuchern , sich nicht davon völlig umgarnen lassen , so mußten sie es mit festem Auftreten niederzuhalten suchen . Es war ohnehin Zeit , sich in die große Gesellschaft einzuführen , wenn man überhaupt sich ihr anzuschließen beabsichtigte , und Renatus wünschte , wie schon erwähnt , sowohl für Cäcilie als für Vittoria einen sie zerstreuenden und unterhaltenden Umgang . Als man jedoch daran gehen wollte , die ersten gemeinsamen Besuche abzustatten , fand es sich , daß Vittoria durchaus nicht für das Leben in der Gesellschaft oder gar am Hofe mit ihrer Toilette eingerichtet war . Dem Uebelstande mußte abgeholfen werden , denn Renatus hielt sich den alten Grundsatz vor , daß , wer den Zweck wolle , auch die Mittel wollen müsse . Man ging also guten Muthes daran , eine neue und vollständige Ausstattung für Vittoria zu beschaffen , und diese selbst bezeigte wider alles Erwarten des Freiherrn eine große Freude daran . Weil sie niemals eine Stadt bewohnt , niemals das für die meisten Frauen so verführerische Vergnügen genossen hatte , reich versehene Magazine zu besuchen und sich in ihnen in freier Wahl nach ihrem Bedürfniß zu versorgen , reizte und erfreute sie alles , was ihr vor die Augen kam . Allerdings blieb sie ihrem Vorsatze , die Trauerfarbe in ihrer Kleidung niemals abzulegen , treu , aber auch für eine solche Tracht war es möglich , einen großen Geldaufwand zu machen , und Vittoria besaß , wenn er bisher in ihr auch niedergehalten worden war , den Sinn ihres Volkes für das Reiche und das Prächtige , das obenein ihrer besonderen Art von Schönheit sehr entsprechend war . Sie hatte das Verlangen , in der großen Welt zu leben , zwar seit dem Tode ihres Gatten lebhaft gehegt , aber sie war es doch nicht gewesen , welche die Veranlassung zu der Ausführung dieses ihres Wunsches gegeben hatte , und eben deßhalb sah Renatus es als seine Pflicht an , ihr bei ihren jetzigen Ausgaben keine kleinliche Beschränkung aufzuerlegen . Er würde sich geschämt haben , die Witwe seines Vaters , die Baronin Vittoria , die neben dem Namen seines Hauses den stolzen Namen der Giustiniani trug , nicht ihrem Stande gemäß und nicht nach ihrer Neigung auftreten zu lassen , und er hatte daneben , da der Schönheitssinn seines Vaters auch auf ihn übergegangen war , eine wirkliche Freude daran , Vittoria in einer Weise gekleidet und geschmückt zu sehen , welche die immer noch auffallende Schönheit derselben zur rechten Geltung kommen ließ . Jetzt erst , da Vittoria in die Gesellschaft gehen sollte , fing auch sie nach dem Schmuck zu fragen an , welchen ihr verstorbener Gatte ihr einst als ihr Eigenthum und als das Erbe des Hauses übergeben hatte , und Renatus konnte sich nicht überwinden , ihr oder gar seiner Frau das Geständniß zu machen , wie von dem vielbesprochenen Arten ' schen Familienschmucke jetzt nicht mehr ein Stein vorhanden sei . Er meinte der Ehre seines Vaters damit zu nahe zu treten , und , wie er mit sich in seinem Innern deßhalb auch prüfend und überlegend zu Rathe ging , es war nicht persönliche Eitelkeit , auch nicht einmal der Wunsch