, nöthig haben . Viertes Capitel Die mehr oder weniger großen Kreise von Menschen , welche sich als eine durch gewisse Ueberzeugungen , Sitten oder Lebensgewohnheiten zusammengehörende Gesellschaft betrachten , sind in der Regel sehr geneigt , sich von einem ihrer Mitglieder einen bestimmten Anstoß geben und von diesem in irgend eine beliebige Bahn hineinschieben zu lassen , in der sie dann , je nach den Fähigkeiten der Einzelnen , vorwärtsschreiten und die Bewegung , zu der sie getrieben worden sind , wie eine von ihnen selbst ausgegangene eifrig fortzusetzen pflegen . Denn wie die Gemeinschaft , die Masse in gewissem Sinne Gedanken erzeugt und schöpferisch belebend auf den Einzelnen zurückwirft , so empfängt sie noch häufiger ihre Gedanken und Meinungen von einer einzelnen Person , und es sind leider nicht immer die Edelsten und Besten , nicht immer die Unparteiischen , nicht immer die Selbstlosen , welche den Ton angeben und bestimmen . Irgend ein Zufall , irgend eine Schicksalsgunst , irgend ein das billige Mitleid anregender Unglücksfall , vermögen einem bisher mißachteten Charakter nicht nur Verzeihung , sondern eine Anerkennung , eine Geltung und einen Einfluß auf seine Umgebung zu verschaffen , die erlangen zu können er sich vielleicht nie träumen ließ und die geschickt zu nutzen er nichtsdestoweniger sehr wohl versteht , oder doch sehr bald erlernt . Hildegard Rhoden und ihr Freund Graf Berka waren kaum von ihren beiderseitigen Reisen wieder in die Residenz zurückgekehrt , als sie es bemerken konnten , daß sie von ihren Umgangsgenossen mit einer ungewöhnlichen Zuvorkommenheit empfangen und aufgenommen wurden und daß man ihnen eine Stellung , eine Theilnahme und eine Bedeutung einräumte , welche beide in einem solchen Grade nie zuvor besessen hatten . Bei jedem Antrittsbesuche , welchen Hildegard ihren Freundinnen und Bekannten machte , erwähnte man des Wohlwollens , mit welchem die Prinzessin sich nach ihr erkundigt , und der großen Billigung , mit der sie Hildegard ' s edles Verhalten aufgenommen habe . Man freute sich , Hildegard so gefaßt , so erholt zu sehen , man behandelte sie mit jener Achtsamkeit und Schonung , welche man einer Genesenden entgegenbringt . Man schwieg von Renatus , wie das in diesem Falle auch natürlich war , und wenn man gelegentlich einmal seiner jungen Frau gedachte , so geschah es nur , um die arme Cäcilie zu bedauern , weil das große Opfer , welches ihre Schwester ihr gebracht , weil Hildegard ' s edle Entsagung für die arme Cäcilie doch im Grunde eine völlig fruchtlose , ja , vielleicht ein Unglück gewesen sei . Die edle Hildegard und die arme Cäcilie , das waren für diesen Augenblick gleichsam die Stichworte und Erkennungszeichen des gesellschaftlichen Kreises geworden , der sich um die Prinzessin bewegte , und wenn Cäcilie auch nicht die entfernteste Ahnung davon hatte , daß man sich dort darin gefalle , sie als eine unglückliche Gattin , als einen Gegenstand des Mitleids zu betrachten , so fand doch ihre ältere Schwester sich um so schneller darein , die Rolle , welche sie bis dahin nur in der Familie gespielt hatte , fortan auch in der Gesellschaft durchzuführen , da der Zufall ihr dies , wenn auch auf Kosten ihrer Schwester , möglich machte . Renatus hatte nach der Art , in welcher der erste Besuch seiner Schwägerin in seinem Hause verlaufen war , darauf gerechnet , daß ein solcher sich nicht so bald wiederholen , ja , daß er vielleicht gar nicht wieder erfolgen würde . Er hatte sich aber in dieser Voraussetzung getäuscht . Die Mutter und die Tochter kamen beide schon an einem der nächsten Tage wieder , um die Baronin Vittoria aufzusuchen . Sie wünschten , wie Hildegard es ausdrücklich bezeichnete , es den lieben Geschwistern darzuthun , daß sie die neulichen kleinen Mißverständnisse so leicht genommen hätten , wie man dies unter nahen Anverwandten thun müsse , und obschon der Freiherr wußte , was er von diesen Versicherungen zu halten habe , bewog ihn seine Rücksicht auf dasjenige , was er als den Familienanstand und die gute Sitte bezeichnete , sein inneres Abmahnen zu besiegen und den Schein eines freundlichen Verhältnisses zwischen seinem und dem Hause seiner Schwiegermutter aufrecht zu erhalten . Das war aber alles , was Hildegard für sich und ihre Absichten bedurfte . Jeder , der es sehen wollte , konnte sich jetzt also davon überzeugen , daß die Untreue des Freiherrn und Cäciliens , wie man es doch mindestens bezeichnen mußte , sehr unschwesterliches und keineswegs edles Betragen auf Hildegard ' s großherzige Gesinnung keinen Einfluß geübt hatten . Sie behandelte das junge Paar mit der größten Freundlichkeit , sie war es , die seine Vertheidigung übernahm , wo man Miene machte , es anzugreifen ; sie bestimmte den Grafen Gerhard , den Neuvermählten auf alle Fälle mit einem Besuche zuvorzukommen , und wo immer in Cäciliens Abwesenheit von ihr die Rede war , machte die ältere Schwester sich zu ihrer Lobrednerin und Beschützerin . Sie gab es den Leuten zu bedenken , daß die arme Cäcilie kein leichtes Leben habe . Es sei für eine junge Frau nichts Kleines , gleich in den ersten Tagen ihrer Ehe eine Erfahrung zu machen , wie Eleonorens Ankunft sie der armen Cäcilie auferlegt ; es sei auch keine geringe Aufgabe , mit einer Schwiegermutter wie die Baronin Vittoria sich in das rechte Verhältniß zu setzen und die Anwesenheit ihres Sohnes ruhig hinzunehmen . Fragte man sie , was diese letzte Andeutung besagen wolle , so brach Hildegard stets plötzlich ab , schien erschrocken über die Aeußerung zu sein , die ihr entfahren war , und ging mit unverkennbarer Geflissenheit zu der Schilderung von Vittoria ' s phantastischen Lebensgewohnheiten über , bei deren Ausmalung sie gegen ihre sonstige schwermüthige und elegische Weise eine gute Laune und einen Humor zu entwickeln verstand , welche die Hörer unterhielten und sie zum Wiedererzählen des Vernommenen verleiten mußten . Vittoria hatte noch keine Besuche in der Stadt gemacht , als über sie bereits die widersprechendsten Gerüchte