: ich glaub ' es nicht . Ein Enthaupteter ist da . Irgend etwas muß passiert sein . « So weit war unsere Unterhaltung gediehen , als die Frau die brennende Laterne brachte , was man so brennen heißt , vier angeblakte Scheiben mit einem Lichtstumpfe drin . Der Küster nahm den Vortritt und so schritten wir auf die Straße hinaus , wo inzwischen die Falkenrehder , bis zu dem benachbarten Kirchhofe hin , Spalier gebildet hatten . Das Gerücht von unserm Vorhaben war durchs Dorf gelaufen wie ein Feuer übers Strohdach . Alles sah uns nach , mit einem andächtigen Ernst , als ob wir auszögen den Lindwurm zu töten . Alsbald hielten wir vor dem Kirchhofsportal , einem schmiedeeisernen Gittertor , das an höchster Stelle zwei in Erz getriebene Lorbeerzweige und inmitten derselben die vergoldeten Buchstaben E. v. W. ( Ernst von Weiler ) zeigte . Gerade hinter diesen Buchstaben und ihrer Einfassung stand der Mond . Über die Grabsteine von Pastoren und Amtleuten hinweg schritten wir nunmehr auf die Kirche zu und traten durch die Seitentür in dieselbe ein . Sie machte einen spukhaften Eindruck , weil sie überall da , wo das Mondlicht durch die Scheiben fiel , so hell war wie bei Tage . Daneben lagen breite Schattenstreifen . An den Wänden und Pfeilern hingen Totenkränze und Brautkronen mit ihren langen bunten Bändern . Es war , als bewegten sie sich bei unserem Eintreten . Wir schritten nun zunächst auf den Altar zu , wo ich im Halbdunkel ein großes Bild zu bemerken glaubte . Wirklich , es war eine Kreuzigung , alles in Rokokomanier , und die Magdalene mit hohem Toupet und Adlernase sah aus wie die Frau von Pompadour . Ich darf sagen , daß das Unheimliche des Ortes durch diese Anklänge nur noch gesteigert wurde . Ich hatte , um an dem Bilde herumzuleuchten , die Laterne genommen und fragte jetzt , wo die Gruft sei . » Da müssen wir wieder zurück . « Gut . Wir kehrten also um und gingen das Schiff hinunter , bis wir inmitten der Kirche , vor einer in die Fliesen eingelassenen Bretterlage standen . Es war alles so primitiv wie möglich ; keine Falltür , kein eiserner Ring zum Hochheben , nur eben drei eichene Bohlen . Und sie waren nicht leicht zu fassen . Endlich mit Hilfe des schweren Kirchenschlüssels , den wir als Hebel benutzten , lüfteten wir das erste Brett ; dann die beiden andern . Die Stiege , die hinabführte , war weniger eine Treppe als eine aus aufrechtstehenden Ziegeln gebaute Leiter ; jede Stufe so hoch und so schmal wie möglich . Alles voll Staub und Spinnweb . Ohne Fährde indes kamen wir unten an ; nur das Licht in der Laterne begann in bedenklicher Weise zu flackern , erholte sich aber wieder und die Musterung konnte beginnen . Wir zählten vier Särge , zwei wohlerhalten und mit Metall beschlagen , die beiden anderen schon etwas schadhaft . Einer davon , von rechts her gerechnet der dritte , hatte eine Öffnung am Kopfende : das verschließende Brettchen fehlte . Es sah aus wie die offenstehende Tür eines kleinen Hauses . » Das ist er « , sagte der Küster . » Der Enthauptete ? « » Ja . « Dabei fuhr er mit Totengräbergleichmut in die Öffnung des Sarges hinein , suchte einen Augenblick wie in einem Kasten , in dem man Bescheid weiß , und kam dann mit einem Schädel wieder zum Vorschein . Und nun hielt er ihn mir wie zur Begutachtung hin . Ich nahm ihn in die Hand und sagte : » Das ist ein Schädel , nicht mehr und nicht weniger . Wo aber steckt der Beweis , daß es der Schädel eines Enthaupteten ist ? « Der Küster , statt aller Antwort , wies einfach auf einen fingerbreiten Halslappen hin , der sich unter dem Kiefer hinzog . Dieser aufgetrocknete Streifen war an seinem Rande so scharf , wie wenn man ein hartes Stück Leder mit einem scharfen Messer durchschneidet . Dies mochte in der Tat als Beweis gelten . Es war ganz unverkennbar eine Schnittfläche . Irgend etwas Scharfes hatte hier Kopf und Rumpf getrennt . » Sie haben recht « , – damit schoben wir den Schädel wieder in seine Behausung , kletterten hinauf und deckten die Bohlen darüber . Unser Rückzug war eiliger als unser Kommen . Mir war , als lache die Frau von Pompadour hinter uns her , und über den Grabstein des alten Amtmanns Kriele weg traten wir wieder in die Dorfstraße hinaus . Alles stand noch in Gruppen . Wir mußten erzählen . Aber es war nur , was jeder wußte . In der Falkenrehder Gruft ruht ein Enthaupteter . Das scheint festzustehen . Aber wer ist dieser Enthauptete ? Die Sage , wie schon hervorgehoben , antwortet : Oberst Ernst von Weiler ; die Geschichte dagegen verneint , was die Sage sagt . Oberst Ernst von Weiler , in seinen letzten Dienstjahren General , ist eine historische Person , wie nur irgendwer , und wir können ihn bis an das Ende seines Lebens verfolgen . In hohem Alter und hohem Ansehen ist er gestorben . Wir erzählen , was man von ihm weiß . Ernst von Weiler , aus einer angesehenen Patrizierfamilie , etwa um 1620 geboren , war der Sohn des kurbrandenburgischen Amtskammerrats und Hofamtsmeisters Christian Weiler , Erbherrn auf Vehlefanz und Staffelde . Er trat früh in die Armee , nahm wahrscheinlich noch an den letzten Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges teil und focht 1674 ( über seine Beteiligung an der Schlacht von Warschau verlautet nichts ) am Oberrhein gegen Turenne . Er war damals mutmaßlich Oberstwachtmeister in der Artillerie . Zuerst wird er mit Bestimmtheit 1675 genannt , wo er in der Schlacht bei Fehrbellin , die » mit doppelter Bespannung versehenen Geschütze « mit großer Auszeichnung zum Siege führte . Er hatte sich dabei das Zutrauen und Wohlwollen des Kurfürsten in einem