schon vorher aufgestanden und an das Fenster getreten , als die Unterredung sich auf Paul gewendet hatte . Sie machte sich an Cäciliens Nähtisch mit der Betrachtung ihrer Stickerei zu thun . Die junge Frau blickte verlegen und bittend bald die Mutter , bald den Gatten an . Sie war beständig dem Weinen nahe , und ihr unverkennbarer Kummer machte Renatus gegen die Gräfin und gegen Hildegard noch unversöhnlicher . Die Gräfin sah nach der Uhr , Hildegard sagte , sie habe die Mutter bereits daran erinnern wollen , daß es Zeit zum Gehen sei , weil man mit dem Mittag auf sie warten werde . Cäcilie fragte , ob sie nicht zu Hause äßen , die Mutter verneinte es , sagte jedoch nicht , wohin sie geladen sei , und Cäcilie zog es vor , sich danach nicht zu erkundigen . Das unbehagliche Gespräch war plötzlich und mit einem entschiedenen Mißtone abgebrochen worden , man redete nur noch von den allergleichgültigsten Dingen , während der Diener den Damen die Mäntel in das Zimmer brachte . Als er sich entfernt hatte , fragte Cäcilie , ob ihre Mutter die Baronin Vittoria nicht begrüßen , ob man nicht noch einen Augenblick zu ihr gehen wolle ; aber Hildegard bestand darauf , daß es zu spät sei , daß man sich beeilen müsse . So gelangte man in das Vorzimmer . Mit einem Male blieb die Gräfin stehen . Du wirst also , sagte sie , sich zu Renatus wendend , voraussichtlich in nicht zu ferner Zeit Cäcilie zu Seba und zu Tremann bringen , der sich ja wohl auch verheirathet hat , und es ist ihre Pflicht , sich Dir , auch wo es ihr schwer fallen wird , durchaus zu fügen ! Wolltest Du mich aber , damit ich diesen in der That für Dich sehr auffallenden Schritt doch zu erklären und vor der Gesellschaft zu begründen im Stande bin , vielleicht wissen lassen , welches der große Dienst oder welches die große Aufopferung ist , für die Du Tremann Dich verpflichtet fühlst , so würdest Du mich verbinden , und Cäcilien würde Deine Forderung dann vielleicht auch weniger überraschend dünken ! O ! rief Renatus , für den es in diesem Augenblicke der Ueberreizung keine Zurückhaltung mehr gab - o , Cäcilie wird , wenn es sie anders glücklich macht , mein Weib zu sein , gewiß mit Freuden zu dem Manne gehen , dem ich meine Erhaltung , dem ich mein Leben zu verdanken habe ! Dein Leben ? fragten die drei Frauen wie aus einem Munde . Ja , mein Leben ! wiederholte der Freiherr , dem es plötzlich wohler und frei um ' s Herz ward , als er den ersten Schritt zu der Genugthuung gethan hatte , welche er aus Hochmuth seinem Retter bisher schuldig geblieben war . Ohne Tremann ' s männliche Entschlossenheit , ohne seinen Muth läge ich begraben unter den Tausenden , die bei Möckern ihren Tod gefunden haben ! Und er sah meinem , unserem Vater in dem Augenblicke , in welchem er mir zu Hülfe eilte , so vollkommen gleich , er rief mich so völlig mit meines Vaters Stimme an , daß ich lange wähnte , eine Vision gehabt zu haben , daß ich erst , als ich ihn später , als ich ihn in Ruhe wiedersah , zu der Erkenntniß kam , daß es ein sterblicher Mensch wie ich , daß es Tremann und nicht mein Schutzgeist in der ehrwürdigen Gestalt meines damals eben erst dahingegangenen Vaters gewesen war , der den Todesstreich von meinem Haupte abgewendet hatte ! - Es war gesagt . Nun war es ausgesprochen , und doch hatte Renatus auch jetzt noch nicht die Kraft besessen , sich in voller Wahrheit von dem früheren Märchen loszureißen ; er hatte sich einer Unwürdigkeit nicht zeihen mögen . Es entstand eine Pause . Cäcilie hing sich an ihres Gatten Arm , die Gräfin war unentschlossen , was sie sagen sollte , Hildegard ' s Mienen verriethen ihren Zweifel an dem Sachverhalte . Die Mittheilung war Allen so spät , so unerwartet gekommen , daß man nicht wußte , wie man sich ihr gegenüber eigentlich zu verhalten habe , und die kühle Weise , mit welcher sie von der Mutter und von Hildegard aufgenommen wurde , lähmte den Aufschwung , zu dem die Seele des Freiherrn sich eben erst erhoben hatte . Das verändert die Sache freilich ! meinte die Gräfin endlich , das sind Gründe , die man gelten lassen muß und die man anzugeben vermag ! Hüte Dich aber , daß Deine schöne Dankbarkeit Dich nicht zu weit führt , lieber Sohn ! Sei vorsichtig auch in diesem Punkte ! Wir sprechen bald einmal davon , recht bald ! Sie umarmte die Tochter , umarmte auch den Sohn , und man trennte sich mit dem herkömmlichen » Auf Wiedersehen ! « - Die Frauen hatten aber die Schwelle des Hauses noch nicht überschritten , als Hildegard ihren Arm in den der Mutter legte und , sich an sie schmiegend , leise sagte : Mama , sei ruhig , ganz ruhig über Deine Hildegard , Du wirst sie nicht mehr klagen hören , nicht mehr weinen sehen , Gott hat es wohl mit mir gemeint ! Das war nicht der Mann , mit dem ich glücklich werden , das war nicht das Haus , in dem ich Frieden finden konnte ! Renatus hat doch im Grunde seines Vaters , hat doch den Artenschen Sinn , der sich zu allem demjenigen hingezogen fühlt , was unseren Begriffen von Sitte und von wahrer Würde widerspricht ! Ich wäre an seiner Seite zu Grunde gegangen wie die Cousine Angelika an seines Vaters Seite , das sehe ich immer klarer ein ! Laß uns hoffen , Mama , daß Cäcilie weniger fein empfindet , und vor allen Dingen , liebe Mutter , laß uns ihr zur Seite stehen und über ihr wachen . Sie wird das , wie ich fürchte