Tisch , wenn Rafflard seine erste Visite auf dem Quai d ' Orsay machte und sie gemeinschaftlich kleine Pasteten aßen . Es befand sich darin ein halbes Dutzend Krystallflaschen mit Likören , kleinen Gläschen , einem silbernen Teller , Alles sehr zierlich und höchst portativ eingerichtet . Rafflard hustete jetzt gerade sehr ; dann aber küßte er der jungen Gräfin die Hand und fand diese Idee , einen Comfort der alten Schwiegermama hierher zu verpflanzen , allerliebst . Der Bediente kredenzte . Rafflard stärkte sich an Maraschino und klagte dabei über den verdammten Geschmack , den er von der Gefängnißsuppe noch im Munde hätte . Die Zunahme seines Hustens erklärte er folgendermaßen : Ich war vorgestern in der benachbarten Festung Bielau in einem Loche , das man vor dreißig Jahren in dieser schon damals doch sehr aufgeklärten Verwaltung ein Gefängniß nannte . Denken Sie sich , meine Gnädige , eine Höhle unter dem Niveau eines übelriechenden Flusses . Man zeigte mir eine jetzt vermauerte Nische , durch die sich ein gefährlicher Verbrecher , der verurtheilt war , in einer solchen Cloake zu leben , in den Fluß durchgebrochen hatte . Er soll , da das Wasser auf ihn hereinströmte , ertrunken sein . Die feuchte Atmosphäre liegt mir noch auf der Brust . Doch , liebe Helene , erzählen Sie nur ! Helene nahm auf ihrem Sopha Platz und schickte sich an , dem ehemaligen Lehrer , dessen vertrauter Ton ihr eine angenehme Erinnerung an die Jugendtage von Osteggen war , von dem gestrigen Abend Bericht zu erstatten . Ich bin ganz Ohr , sagte Rafflard und nippte an seinem Maraschino , den er sehr lobte und dabei still vor sich hin sagte : Echter Zara ! Mein Entschluß , begann Helene , stand gestern fest . Es hatte mich zu tief verletzt , daß mich vorgestern Egon warten ließ , während er zu Paulinen fuhr und dort wie ich höre en petit comité mit ihr und dem schmuzigen Schriftsteller - wie heißt er ? Guido Stromer - Zu Nacht aß - Sie vergessen Fräulein Melanie Schlurck . Helene erröthete , daß Rafflard ' s Chronik doch auch gar zu gewissenhaft war und unterbrach ihn mit aristokratischer Aufwallung : Was weiß ich , wer sich Alles mit gemeiner Berührung an den Prinzen klettet ! Genug , ich hatte Ihren Rath und meine eigene Eingebung für gestern zusammengenommen und beschloß , ihm den ganzen Zustand meiner Seele offen und treu zu enthüllen . Vormittag war er in der Kammer-Sitzung ... Nachmittag in dem volkswirthschaftlichen Ausschuß , in dem er einstimmig als Präsident gewählt worden ist ... Erst um acht Uhr kam er nach Hause , wo ich ihn erwartete . Er kam , begleitet von seinen Freunden , die nicht übel Lust zu haben schienen , zu bleiben . Ich sagte ihm sehr entschieden : Mein lieber Freund , ich bitte dich , sei heute der Meine ! Außerordentlich liebenswürdig küßt ' er mir die Hand und entließ die Aufdringlichen , Unausstehliehen , Widerwärtigen ! Egon war verstimmt . Egon , sagt ' ich , du hast Kummer . Ja , antwortete er . Entdecke dich mir ! Was hast du seit acht , seit vierzehn Tagen ? Du bist mein Egon nicht mehr . Ich weiß es , daß man mir dich rauben will , Egon ? Raubt man dich dir selbst ? Sehr fein ! unterbrach Rafflard . Er lächelte ... Wie billig über den Ausdruck ! Und reichte mir die Hand ... Ja , Rafflard , glauben Sie mir ' s , er war dem Weinen nahe . Egon ? Triumphirend fuhr Helene fort : Mein Egon sagte : Helene , ich bin nicht glücklich . Denken Sie sich meinen Schmerz über dies Geständniß , Rafflard ! Ich sank ihm zu Füßen , ich bedeckte seine Hände mit Küssen . Egon , sagt ' ich , du leidest ! Warum leidest du ? Weil du andre Quellen des Glücks suchest als im Arm deiner Geliebten ! Warum diese politische Laufbahn ? Sich gleichstellen mit dem Pöbel ? Ich habe der ersten Sitzung beigewohnt , habe dich gesehen unter Bauern , Pächtern , Gastwirthen ... ah , mein Freund , welche Verwirrung ! Ich bin gespannt . Sie sind hier aristokratischer , Helene , als Sie es in Paris waren ... unterbrach der Neophyt . Er gab mir Recht , Rafflard ! In der That ? Egon ist Sozialist , denk ' ich ? Er sagte : Helene ! Ich fühle wie du ! Ich bin nun acht Tage in der Kammer . Was ist geschehen ? Nichts ! Man streitet über die erbärmlichsten Förmlichkeiten . Jeder ringt nach Einfluß , nach Geltendmachung seiner geringfügigen Persönlichkeit , und so bedeutend manche Intelligenz ist , ich habe gefunden , daß sie in den Schatten tritt gegen Denjenigen , der eine starke Lunge hat und seine Trivialitäten mit einer Stimme , die durchdringt , geltendmachen kann . Gut ! Er kommt zur Erkenntniß - Ich sagte ihm : Egon , du wirst deine Ruhe , deine Heiterkeit preisgeben , wenn du dich nicht von diesen fruchtlosen Kämpfen losringst . Seit du Paulinen kennst und dich mit ihrem gefährlichen , unternehmenden Geiste ausgesöhnt hast , ist der Friede deiner Seele gewichen . Er seufzte und sah mich schmerzlich an , mit einem Blicke , Rafflard , so voll Rührung und Vernichtung , daß mir die Stimme erstickte und ich alle meine Vorsätze vergaß - Aber ... Was verlangst du von mir , Helene ? sagte er nachdenkend . Egon , das Erste , was ich verlange , ist , daß du mich liebst ! Und dann , fügte ich lächelnd hinzu , daß du dich entschließest diese Stadt zu verlassen , mit mir nach Italien zu gehen und dort , wenn mein Bund mit d ' Azimont gelöst ist , unsere Liebe legitimirst . Ich höre mit hundert Ohren - sagte Rafflard und lauerte auf die entscheidende Antwort des Prinzen , um