dieser Voraussetzung auf das Unerbittlichste getäuscht . Eine Viertelstunde des Beisammenseins mit Hildegard hatte es ihm unwiderleglich dargethan , daß er in ihr eine Feindin besitze , daß sie für ihre Feindschaft in dem Grafen Gerhard einen Bundesgenossen gewonnen habe , und daß die Gräfin Rhoden , trotz ihrer Mutterliebe für Cäcilie , sich , wie gesagt , verpflichtet halte , vor allen Dingen auf die Wohlfahrt der noch unverheiratheten , der unversorgten Tochter oder , wie sie es in der Sprache der Gesellschaft bezeichnete , auf das Empfinden und die Beruhigung ihrer armen Hildegard Rücksicht zu nehmen , die sich nur in Thaten der Entsagung und in Werken der Liebe genug thun konnte . Er hätte nicht gleich , nicht mit Sicherheit anzugeben vermocht , was er davon befürchtete , wenn die Gräfin Rhoden und Hildegard sich mit Eleonore in Verbindung setzten , er hatte nur die Ueberzeugung , daß er es zu hindern suchen und daß er vor allem Andern darauf denken müsse , sich in seinen Angelegenheiten vor jeder Beeinflussung durch die Familie zu bewahren . Obschon er bei seinem Wiedersehen mit Seba dieser von seiner Frau gesprochen , hatte er damals nicht die bestimmte Absicht gehabt , ein Umgangsverhältniß zwischen seinem und dem Tremann ' schen Hause einzugehen ; jetzt aber fühlte er sich dazu geneigt , denn er übersah mit jener Klarheit , die uns bei entscheidenden Anlässen oft in ungewöhnlich hohem Grade und plötzlich zu Gebote steht , wie er dadurch eine Scheidewand zwischen sich und seinem Oheim aufrichtete , die nicht leicht zu übersteigen war , und daß er eben dadurch auch Hildegard von sich entfernen werde . Er wollte vor allen Dingen Ruhe und Frieden in seinem Hause haben . Seine Frau sollte nicht , wie einst seine Mutter , von heimlicher Böswilligkeit beunruhigt werden , und weitergehend , als es in diesem Augenblicke nöthig gewesen wäre , lehnte er den Beistand seiner Schwiegermutter wie den seiner Schwägerin entschieden ab . Er sagte , daß Eleonore noch auf lange Zeit hinaus vor jedem sie aufregenden Eindrucke bewahrt bleiben müsse und daß es eine Undankbarkeit gegen Seba ' s Alles vergessende und vergebende Güte sein würde , wollte man sie wie einen Nothbehelf behandeln , den man beseitige , sobald man seiner nicht ganz unumgänglich bedürfe , eine Undankbarkeit , deren er sich gegen sie zum zweiten Male nicht schuldig machen wolle . Die Gräfin hörte ihm mit ihrer gewohnten Ruhe zu ; wer sie aber näher kannte , den vermochte diese Gelassenheit nicht über ihren Unmuth zu täuschen . Es war ein gutgemeinter Vorschlag , sagte sie , und Du hast sehr Recht , mein Sohn , ihn abzulehnen , wenn er Deinen Absichten nicht entspricht . Ob Du aber meine Tochter grade jetzt , grade in Deinen gegenwärtigen und besonderen Verhältnissen , zu Seba Flies und in das Haus von Tremann führen sollst , das , meine ich , würde doch erst reiflich zu erwägen sein . Ich bekenne Dir , ich bin nicht dafür . Und darf ich fragen , was Sie dawider haben ? erkundigte sich Renatus , dem ein Etwas in dem Tone seiner Schwiegermutter sehr empfindlich auffiel . Du hattest sonst , und ich habe dies nur zu begreiflich gefunden , eine Abneigung dagegen , mit diesem Herrn Tremann in Berührung zu kommen ! entgegnete sie ihm , ihre Worte nachdrücklich bezeichnend . Renatus fühlte , daß er erröthete , und das bestimmte ihn , sich gegen die verweisenden Ermahnungen seiner Schwiegermutter aufzulehnen . Es mußte heute , gleich heute , ein für alle Mal entschieden werden , wer der Herr in seinem Hause sein solle , und entschlossen , nöthigenfalls seine ganze Vergangenheit an die Sicherung seiner Zukunft zu setzen , sagte er : Es ist nicht gut , liebe Mutter , daß Sie mich an alle die Fehler und Irrthümer erinnern , die ich mir habe zu Schulden kommen lassen ! Schieben Sie dieselben auf Rechnung meiner sehr einseitigen Erziehung , aber glauben Sie mir , daß ich gesonnen bin , sie abzulegen und , so viel an mir ist , zu vergüten ! Es ist also Dein Vorsatz , Dich - sie hielt inne , als sträube sich ihre Empfindung dagegen , das Wort auszusprechen - dem Sohne Deines Vaters , den Dein Vater nicht anzuerkennen doch sicherlich seine guten Gründe hatte , jetzt brüderlich zu nähern und meiner Tochter in diesem Abkömmlinge einer Dienstmagd den Schwager zuzuführen ? - Darauf war ich wirklich nicht gefaßt ! Renatus , der die leicht bewegliche Empfindlichkeit seiner Mutter geerbt hatte , wurde jetzt eben so bleich , als er vorhin mit Röthe übergossen worden war . Es ist nicht meine Absicht , sagte er , vor der Welt ein brüderliches Verhältniß mit Paul Tremann aufnehmen zu wollen , das eben vor ihr einmal nicht zu Recht besteht ! Aber es ist mein Vorsatz , mein fester Vorsatz , einen Mann , von dem ich nur Gutes und Ehrenvolles weiß , einen Mann , dem ich das Höchste schulde , was ein Mensch dem andern schulden kann , und der sich mir , ganz abgesehen davon , soweit ich seiner anderweit bedurfte , dienstgefällig und mit ehrlichem Rathe bewährt hat , künftig nicht mehr , bloß um deßhalb von mir zu weisen , weil er der uneheliche Sohn meines Vaters ist . Die Gräfin schüttelte mißbilligend das Haupt . Wähle Deine Ausdrücke etwas vorsichtiger , lieber Renatus , sagte sie ; meine Töchter sind an solche Unumwundenheiten Gottlob nicht gewöhnt ! So wird Cäcilie sich daran gewöhnen müssen , sie ist eines Soldaten Frau ! entgegnete der Freiherr , der , gleichmäßig von seinem Zorne wie von dem Bewußtsein fortgetrieben , daß er viel weiter gegangen war , als er je beabsichtigt hatte , den Anschein einer völligen Geistesfreiheit aufrecht zu erhalten wünschte . Cäcilie ist nur nicht mit Dir allein in diesem Zimmer ! bedeutete ihn die Gräfin , indem sie sich erhob . Hildegard war