Geheimnisse des Onkels , sagte er . Gleichviel aber , ob die Beichte , die er Dir offenbar gethan hat , seiner von Dir gerühmten Sinnesänderung vorausgegangen oder ob sie eine Folge der Bekehrung gewesen ist , die Du an ihm gemacht hast , in jedem Falle bist Du um die Mitwissenschaft derartiger Geheimnisse nicht zu beneiden ! Ich für meinen Theil finde solche Geständnisse empörend , und ich würde es einem Manne nie verzeihen , der sich unterfinge , sie einer mir in irgend einer Weise angehörenden Frau nach seinem Belieben aufzudrängen ! Die Mitwissenschaft um solche Dinge ist keine Ehre für einen Mann , und für eine Frau .... Die Gräfin hinderte ihn durch ihr Dazwischentreten , das vernichtende Wort auszusprechen , das auf seinen Lippen schwebte . Sie hatte bisher anscheinend nur auf Cäciliens Mittheilungen hingehört , doch war ihr nichts von der Unterredung der beiden Andern und von der immer bitterer werdenden Wendung entgangen , welche sie genommen hatte . Einzig der Wunsch , es zu keinem öffentlichen Zerwürfnisse in ihrer Familie kommen zu lassen , hatte sie bis dahin abgehalten , das unerfreuliche Gespräch zu unterbrechen , und eben das nämliche Verlangen war es jetzt wieder , welches sie bestimmte , sich mit einer plötzlichen Frage um das Ergehen Seba ' s in das Mittel zu legen . Renatus antwortete darauf , wie seine gegenwärtige Gereiztheit es ihm eingab . Er sprach , ohne im Grunde viel davon zu wissen , von der ausgezeichneten Verehrung , deren Seba genieße , von den würdigen Verhältnissen , in denen sie sich bewege . Er erwähnte ihrer günstigen Vermögenslage , ihres glücklichen Familienkreises , und er hegte bei jedem seiner Worte die geheime Hoffnung , daß es Hildegard zuwider sein , daß es sie wo möglich noch mehr verletzen werde , als er Verletzungen von ihr erlitten hatte . Die Mutter nahm alle seine Nachrichten mit Güte auf . Sie äußerte ihre Genugthuung darüber , sich in Seba , mit der sie zu den Zeiten des Tugendbundes viel verkehrt hatte , nicht getäuscht zu haben ; sie nannte es sogar einen glücklichen Gedanken , daß Renatus Seba zu der Kranken hingerufen habe , da sie hülfreich sei und sicherlich bereitwillig bei Eleonoren ausharren werde , bis sie selber , sie und Hildegard , die Pflege der Gräfin Haughton übernehmen könnten , wozu sie gleich in den nächsten Tagen , wenn sie nur ihre nöthigsten Einrichtungen getroffen haben würden , gern erbötig wären . Dieses Anerbieten seiner Schwiegermutter brachte Renatus für den Augenblick um seine Fassung , obschon es , das konnte er nicht läugnen , in vielfachem Betrachte eben so natürlich als zweckentsprechend war . Wenn die Mutter und die Schwester seiner jungen Frau , wenn die Gräfin Rhoden , deren Charakter über jeden Zweifel erhaben und deren gesellschaftliche Stellung eine so wohl begründete war , sich der Gräfin Haughton annahmen , mußten alle Gerüchte , welche über Eleonore wie über ihre Beziehungen zu dem jungen Freiherrn im Umlaufe waren , davor verstummen , und Eleonore hatte für den Fall ihrer Herstellung an der Gräfin gleich den Anhalt , dessen sie bedurfte . Er hätte daher den Vorschlag seiner Schwiegermutter , als ein glückliches Ereigniß , mit tausend Dank begrüßt , wäre Hildegard in demselben nicht betheiligt gewesen und hätte er nicht auf das unwiderleglichste gefühlt , daß die Feindschaft zwischen dieser und zwischen ihm eine unversöhnliche sei , daß Hildegard ihn und Cäcilie hasse , daß die Mutter , aus einem sehr erklärlichen Mitgefühle für ihre weniger glückliche Tochter , Partei für diese nehme und daß also auch die Hülfsleistung , zu der man sich für die Gräfin Haughton erbot , ohne alle Frage nur dazu benutzt werden würde , einen neuen Heiligenschein für Hildegard daraus zu machen . Es ist ein unvergeßlicher , es ist oft ein entscheidender Moment für einen Menschen , wenn er sich zum ersten Male eingestehen muß , daß er Feinde , unversöhnliche Feinde habe , wenn er es in sich fühlt , wie er diejenigen zu hassen vermag , an deren Haß gegen ihn er nicht mehr zweifeln kann , und es war ein doppelt schmerzlicher Augenblick für den im Grunde seines Wesens guten und nicht charakterfesten Freiherrn , der bisher nur selten auf Widerstand gestoßen war . Er hatte in seiner frühen Jugend keines fremden Menschen Hülfe nöthig gehabt . Er war überall gern gesehen worden , weil er nichts zu begehren gebraucht , er hatte es also auch nicht gelernt , wie man sich mit seinen berechtigten Ansprüchen denen gegenüber zu behaupten hat , die aus irgend einem Grunde nicht gewillt sind , jene Ansprüche anzuerkennen und zu befriedigen . Nach der Lehre seiner Kirche hatte er unwillkürlich an dem Glauben festgehalten , daß , wie vor Gott , so auch den Menschen gegenüber , die Reue genug thue für den Irrthum , und die Buße für den Fehl . Er hatte sich über sein Verhalten und über sein Unrecht gegen Hildegard in keiner Weise verblendet , er hatte nur nicht sich allein , nicht sich ausschließlich für den Schuldigen betrachtet , sondern vielmehr erwartet , daß auch Hildegard es allmählich einsehen werde , in wie weit sie selber zu ihren schmerzlichen Erlebnissen die Veranlassung geboten habe , und eben deßhalb hatte er sich der Hoffnung hingegeben , früher oder später zu einer Ausgleichung mit ihr gelangen zu können , über welcher , wie auf einem neuen Unterbau , sich ein schönes und friedliches Familienleben errichten lassen würde . Hildegard ' s Güte , ihr liebevolles Gemüth , ihre Hingebung für Andere , ihre Entsagungs- und Opferfähigkeit waren seit ihrer Kindheit in der Familie und von Fremden immerdar bewundert worden ; sie hatte ihren Verlobten auch beständig und mit einer Vertrauen fordernden Kraft auf diese ihre Tugenden und Eigenschaften hingewiesen , und er hatte also darauf gerechnet , daß sich dieselben auch in diesem besonderen , in seinem besonderen Falle bewähren würden . Nun fand er sich plötzlich in