, als sie zum zweiten Male gegen ihre Mutter den Ausspruch that , daß Cäcilie und Renatus wirklich ganz artig , aber ganz artig eingerichtet wären . Schon trat ein Wort des ausbrechenden Zornes ihm auf die Lippe , aber er unterdrückte es wieder . Er hatte jenen edeln Sinn , der eine Buße entschlossen auf sich nimmt , wo er ein Unrecht gegen Andere begangen hat , und seine Mißempfindung gewaltsam überwindend , brach er , um nicht in der Rede stecken zu bleiben , den begonnenen Satz zu der Frage um , ob Hildegards angeborene Kurzsichtigkeit in dem Grade zugenommen habe , daß sie ihr den Gebrauch eines Augenglases jetzt selbst im Zimmer nöthig mache . Wundert Dich das ? entgegnete sie ihm . Ich habe viele Nächte durchwacht und viele Tage durchweint ; das dient den Augen nicht ! Dann , als sie sich überzeugt hatte , daß auch diese Bemerkung ihres Eindrucks auf Renatus , auf den einst geliebten und eben deßhalb jetzt gehaßten Mann nicht verfehlte , reichte sie ihm , als wolle sie ihn zerstreuen und ihm ihre ruhige Stimmung darthun , das Augenglas hin und sagte , plötzlich in den Ton gleichmüthigster Unterhaltung übergehend : Ich habe jetzt sogar weit stärkere Gläser nöthig , und Dein Onkel , der sich meiner in Pyrmont mit der größten Güte angenommen , hat mir dieses schöne Lorgnon geschenkt . Sein und mein Auge tragen ganz gleich weit , und wir sehen auch geistig die Dinge und die Menschen häufig unter gleichen Gesichtspunkten an . Er ist vorgestern zurück gekommen ; wir waren eben bei ihm . Ihr wart bei ihm ? fragte Renatus , und heute schon ? Ist denn der Onkel krank ? Nicht eigentlich , gab Hildegard zur Antwort ; er ist schmerzensfrei und heitern Geistes . Das Bad hat ihm sehr wohlgethan , nur das Gehen wird ihm schwer . Doch hält der Arzt die leichte Lähmung für vorübergehend und ungefährlich . Die Lähmung ? wiederholte der Freiherr , seit wann ist der Onkel denn gelähmt ? Wußtest Du das nicht ? fragte Hildegard , statt ihm zu antworten . O , das ist nicht hübsch von Dir ! Das Uebel zeigte sich ja gleich nach seinem Anfalle , er suchte nur , es zu verbergen , weil er die Anderen nicht zu beunruhigen wünschte ! Aber man sieht es , daß Du Dich um unsern guten Grafen wenig kümmerst , und er nimmt doch so viel Theil an Dir ! Das Erste , wovon der Onkel mit uns sprach , war nicht sein Befinden , sondern seine Sorge um Cäcilie und um Dich ! Renatus hob das Haupt empor , und der neuen Schwägerin mit einem scharfen Blicke ins Auge sehend , fragte er bestimmt : Was soll das heißen ? Was hat der Onkel zu besorgen für mich und meine Frau ? Hildegard seufzte , und die Stimme senkend , sprach sie : Die Unüberlegtheit , mit welcher Eleonore Dir gefolgt ist , die Rücksichtslosigkeit , mit der sie sich in dem ersten Gasthofe der Stadt unter ihrem eigenen Namen einquartierte , beunruhigen ihn um Euretwillen , und .... Und Du hast hoffentlich , fiel Renatus ihr in die heuchlerische Rede , da Du die Wahrheit kennst , es dem Onkel gleich gesagt , daß Eleonore nicht mir gefolgt ist , daß ich gegenwärtig mit ihr in keinem andern Zusammenhange stehe , als in demjenigen , in welchen ein Zufall mich verstrickte , ein Zufall , den ich nicht einmal beklagen darf , denn Cäcilie ist eben so verständig als meiner Liebe sicher , und die Gräfin Haughton wäre hier sehr verlassen , hätte sich Seba Flies ihrer nicht auf meine Bitte angenommen ! Seba Flies ? rief Hildegard mit einem allerdings begreiflichen Erstaunen , Du hast Deine alte Bekanntschaft mit der Flies wieder aufgenommen ? Das ist ja etwas völlig Neues ! - Und sich von dem Schwager zu der Mutter wendend , sagte sie : Stelle Dir vor , Mama , Renatus hat sich mit der Flies , vor der er mich einst mit Recht gewarnt hat , wieder in Verbindung gesetzt , hat ihr die Gräfin Haughton anempfohlen ! - Du hast also wohl auch Cäcilie zu ihr hingeführt ? Das ist sonderbar ! Renatus war empört über Hildegard , denn sie reizte und kränkte ihn mit einer Art von Wollust , weil sie von ihm auf die Schonung und Rücksicht rechnen durfte , die er ihr mehr als jedem Andern angedeihen zu lassen durch die Verhältnisse gezwungen war . Das ist sonderbar , höchst sonderbar ! wiederholte sie ; aber Du bist freilich oftmals unbegreiflich ! fügte sie hinzu . Ich finde es nicht unbegreiflich , entgegnete Renatus , daß man , so lange man jung und unreif ist , sich von augenblicklichen Eindrücken zu unbesonnenen Handlungen fortreißen läßt , und nicht sonderbar , daß ein Mann , wenn er zur Einsicht in seine Irrthümer gekommen ist , ihren nachtheiligen Folgen , so weit er es vermag , vorzubeugen und seine Ungerechtigkeiten gut zu machen trachtet ! Ich habe Cäcilie noch nicht zu Seba führen können , aber ich denke es zu thun , sobald die Gräfin Haughton Seba ' s Beistand weniger bedürfen wird ! Du bist natürlich Herr , zu thun und zu lassen , was Dich gut dünkt , meinte Hildegard , welche in der Aeußerung des Freiherrn über seine jugendlichen Irrthümer eine für sie kränkende Anspielung auf ihre Vergangenheit gefunden hatte ; und Du hast Dir ja auch die Freiheit , nach Deiner wechselnden Erkenntniß zu verfahren , immer und in allen Lebensverhältnissen unbedenklich zuerkannt ! Nur wundern wird man sich über diese Sinnesänderung , und der Onkel nicht am wenigsten ! Sie erschrak , als sie diese Worte ausgesprochen hatte , denn Renatus überflog sie mit einem Blicke voll stolzen und triumphirenden Erstaunens , vor dem sie unwillkürlich die Augen niederschlug . Du bist sehr eingeweiht in die Ansichten und in die