dem absolutistischen durch und durch verweltlichten Rußland geschehen , noch gar die Kraft des Prophetenthums , die angemaßte Bischofswürde zuführen . Was hindert uns , nach fünfzig Jahren , wenn hier die Zahl der katholischen Kirchen wächst , einen Bischof einzusetzen ? Wir können alte Gerechtsame , alte Proteste wieder geltend machen . Es mag der protestantische Staat in seinem absolutistischen oder radikalen Gebahren forttaumeln , die in den tiefsten Wurzeln doch noch immer nach Rom hin sich verzweigende Kirche , auch die ketzerische , gibt ihm nichts von ihrer Kraft ab , wenn wir sie isoliren . Wir sind hier an Allem betheiligt , an jeder Frage des Cabinets und des Staatsrathes , an der Gesetzgebung für die Provinzen , an der Gestaltung der Gesammtform Deutschlands , an der Übertragung der Lehrämter , an der Richtung des Geschmacks und der Wahl der Lektüre , ja wir haben hier zwei Katholiken , von denen der Eine die Stütze des Throns , der Andere die ganze Hoffnung der Demokratie ist und über deren geheimsten , innersten Gedanken noch ein großes Dunkel schwebt . Rafflard gab sich völlig unverdeckt . Einer so offenen , auf ihre Diskretion vertrauenden Sprache - Wie konnte Helene ihr widerstehen ? Sie hatte zwar keine Neigung zu solcher Bewährung ihrer Geisteskraft wie Pauline , die von dergleichen Enthüllungen elektrisirt worden wäre , aber die Hingebung Rafflard ' s glaubte sie doch vollständig zu erkennen , und da sie eine edle Natur war und Vertrauen zu schätzen wußte , so ließ sie den schleichenden Weltmann , der die vertraulichen Manieren eines Beichtigers geltend machte und alle Dinge von dem Zugeständniß einmal nicht zu ändernder menschlicher Schwäche auffaßte , gewähren , nahm ihn öfter an , dankte ihm für die Bekanntschaften , die er ihr zuführte , und hielt seine schonende Sprache über Egon und ihre Liebe für den Beweis eines wirklichen Interesses . Und wenn sie nun auch errathen hätte , daß Rafflard nur die Trennung von ihrem Gatten betrieb , was lag ihr daran ? Gut und Geld hatten keinen Werth für Helenen . Einiges mütterliche Vermögen besaß sie . Sich um Anderes , was noch fehlen konnte , zu sorgen , lag nicht in ihrer Natur . Wenn sie in ihre Börse griff , hatte es bis jetzt noch an den nothwendigen Mitteln nie gefehlt . Aber sie blickte nicht einmal so weit hinaus ! Sie war befriedigt , daß Rafflard einsah , ihre Liebe zu Egon wäre eine Nothwendigkeit , eine vom Gott der Götter , dem allbindenden Eros , vollendete Thatsache . Wenn sie weinte , war Rafflard traurig . Wenn sie hoffte , verklärte sich auch sein Blick . Was sollte sie da grübeln , denken ? O Himmel , das Denken , das Vor und Nach war ihr ja das Peinlichste ! Nur fühlen mochte sie , empfinden , verschweben , wie ein Lichtatom in der Sonne ihrer Liebe , und Alles , das Höchste , das Herrschende war ihr der Moment . So rückte Egon ' s Genesung heran . Helene jubelte ihr entgegen wie dem erwachenden Frühling . Jeder , der ein grünes Blättchen der Hoffnung ihr vom Palais Hohenberg brachte , wurde königlich belohnt . Die Bedienten , die Wandstabler ' s alle durften zu ihr geradezu hereintreten , wenn sie nur zu melden hatten , daß der Prinz eine Stunde gut geschlafen , eine Speise mit Appetit verzehrt hatte . Helene fuhr zu den Italienern , um Früchte , zu den Confiseurs , um Näschereien zu kaufen . Sie war so unkundig der wirklichen Gebrechlichkeit des Menschen , daß sie sich einbildete , Ananas , Trauben , Melonen , alles Das müsse erquicken oder die Verdauung stärken . Sie übte in ihrer Weise einen frommen , der Liebe gewidmeten Cultus , der Rafflard , im Geheimen beobachtet , nicht wenig belustigte . Die meeresschaumgeborene Göttin erhörte Helenen ' s Flehen . Egon genas und sie selbst , die zarte kleine Gestalt mit den weichen runden Formen , den bewegten , langbewimperten Gazellenaugen , dem glänzenden schwarzen Haare , dem anmuthigen Lächeln , erholte sich wieder von der Wachsfarbe des Grams , die ihren zarten Teint überhaucht hatte , zu dessen ganzer blendenden Weiße . Es war October . Wohl vierzehn Tage waren hingerauscht in den Wonnen des von Drommeldey und Rafflard allmälig vorbereiteten Wiedersehens . Das Wetter war gleich nach der Partie von Solitüde , auf die Helenen ' s Glück folgte , rauh , stürmisch , dann regnerisch geworden . Wo weilte man da traulicher als im Arme der Liebe ? Wo war es heimischer als hinter geschlossenen Fenstern , in schönen gefälligen Zimmern , in denen schon Abends ein leichtes erwärmendes Feuerchen knisterte ? Da wurde gelacht , gescherzt , geschmollt , das Vergangene durchgesprochen . Da wurden Pläne ersonnen von künftigen Vergnügungen , von Reisen , von Villeggiaturen des nächsten Jahres , von Rom , Neapel ! Egon und Helene , Helene und Egon ! Nur Beide allein auf der Welt , nur selig in der Liebe , nur liebend wie im Paradiese . Die Vergangenheit wurde mit Schleiern bedeckt . Helene sprach von Louison wie von einer todten Schwester , nichts hatte sie verletzt , kein Stachel war zurückgeblieben , die Gegenwart war ihr Eigenthum : warum nicht Großmuth üben ? Nur kleine Seelen sind ja auch für das volle überschwengliche Glück der Gegenwart so undankbar , daß sie , immer mäkelnd über Vergangenes , im Genusse mistrauisch sind und sogar schon über die Zukunft grämeln ! Freilich in diesen Kelch der Freude mischten sich zwei große Wermuthstropfen . Der eine hieß : Die Freunde Egon ' s ! Der andre : Der Ehrgeiz des Geliebten ! Beide Tropfen flossen aus derselben Schale , die Helene oft in aufgeregter Phantasie wie eine Giftphiole vor sich schweben sah . Diesen Becher wirst du austrinken müssen und sterben ! rief es ihr oft wie von Geisterstimmen . Kalt packte sie dann eine Hand mitten in '