von der einen Seite anlangte , während von der anderen die Gräfin Rhoden mit Hildegard in der Hauptstadt eintraf . Vittoria , die in allen praktischen Angelegenheiten unbehülflich wie ein Kind geblieben war , wollte in ihren Zimmern eingerichtet sein und mißfiel sich in ihnen , während sie über die ihr bevorstehende Trennung von Valerio sich untröstlich zeigte . Alles in ihrem jetzigen Dasein war ihr fremd und dünkte ihr quälend . Sie hatte niemals in einer Stadt gelebt . Die beiden von Renatus mit Vorsorge für ihren besonderen Gebrauch ausgewählten Zimmer dünkten sie eng und niedrig , denn sie verglich sie unwillkürlich mit den großen , hohen Sälen ihres Klosters und den stattlichen Räumen des Arten ' schen Schlosses . Die ihr fremde Heizungsweise belästigte sie , die Häuserreihen , die ihr den Horizont verengten , machten sie traurig , sie verlangte mit einer krankhaften Ungeduld nach Luft , nach Licht ; und wollte man sie nicht in Thränen ausbrechen sehen und in schwermüthigem Brüten sich selber überlassen , so blieb nichts übrig , als auf ihre Zerstreuung zu denken , wie denn , nach des jungen Freiherrn Ansicht , Cäcilie ebenfalls Zerstreuung nöthig hatte . Weder das Alleinsein mit Vittoria , in welchem , wie natürlich , Eleonore Haughton den einzigen Gegenstand der Unterhaltung machte , noch die Begegnungen mit der Mutter und der Schwester , bei denen derselbe Gegenstand und noch andere , eben so unerfreuliche Erörterungen zur Sprache kommen mußten , konnten dem aufgeregten Gemüthe der jungen Frau zu einer Besänftigung gereichen , und Renatus selber fühlte das Bedürfniß , sich , wenn auch nur für einzelne Stunden , von den peinlichen Eindrücken , von den Sorgen abzuziehen , die auf ihm lasteten . Er hatte gehofft , Hildegard werde sich wenigstens für die erste Zeit von seinem Hause fern halten , und er hatte dies nicht erst besonders gefordert , weil es ihm das Natürliche gedäucht hatte . Aber er kannte weder die Neigung gewisser Frauen , sich und Anderen das Leben möglichst schwer zu machen , noch die furchtbare Berechnung , welcher eben solche Frauen fähig sind . Er hatte es nicht vorausgesehen , daß Hildegard , um die von ihr übernommene Rolle großmüthiger Entsagung aufrecht zu erhalten , sich und dem jungen Ehepaare die Marter eines unnützen Zusammenkommens auferlegen würde ; er hatte noch weniger erwartet , daß die Mutter ein solches Verhalten als nöthig bezeichnen und also es begünstigen werde . Renatus saß , von der Parade kommend , mit Cäcilien beisammen , als die beiden Frauen , von deren Ankunft in der Stadt man noch nicht unterrichtet worden war , sich zum ersten Male in dem neuen Haushalte melden ließen . Mit einer Befangenheit , mit einer Bestürzung , welche in diesen Verhältnissen sehr erklärlich waren , erhoben die jungen Eheleute sich , den Eintretenden entgegen zu gehen . Cäcilie warf sich der Schwester in die Arme und barg , in Thränen ausbrechend , ihr Gesicht an Hildegards Brust , während Renatus , nachdem Cäcilie sich aufgerichtet hatte , die Hand seiner Schwägerin ergriff und sie an seine Lippen führte . Sei willkommen in unserm Hause und gönne mir es , Dir als ein Bruder zu vergüten , was ich Dir gethan ! Das war alles , was er sagte , aber obschon er sehr blaß geworden , war seine Stimme doch vollkommen fest und ruhig . Hildegard hatte ebenfalls die Farbe gewechselt ; indeß das Lächeln , mit dem sie in das Zimmer gekommen war , wich weder vor Cäciliens Thränen , noch vor ihres Schwagers Worten von ihren Lippen ; und sich zu der Mutter wendend , sprach sie : Hatte ich nicht Recht , daß wir , ohne sie darauf vorzubereiten , hieher gegangen sind ? Ihr solltet es gleich sehen , daß ich nicht um meinetwillen komme , Ihr solltet nicht darüber in Zweifel sein , wie ich für Euch gesonnen bin , und daß die Rücksicht auf Eure gesellschaftliche Stellung mir wichtiger ist , als mein eigenes Empfinden . Wer darf Euch tadeln , wenn ich für Euch bin ? Aber wie geht es Euch ? Es scheint , die Stadtluft thut Euch nicht recht wohl . Nicht wahr , liebe Mutter ? Cäcilie sieht nicht gut aus und Renatus auch nicht ! Sie machte es mit diesem Nachsatze für den Freiherrn zu einer Unmöglichkeit , ihr auf ihre ersten Erklärungen zu antworten , und weil Cäcilie sich von der Herablassung der Schwester , von ihrem verzeihenden Erbarmen eben so gepeinigt fühlte , als der Freiherr ihr Betragen beleidigend fand , beeilte die junge Frau sich , der Unterredung ein Ende zu machen , indem sie die Mutter und die Schwester aufforderte , sich in ihrem Hause umzusehen . Die Wohnung des Freiherrn war sehr ansehnlich und immer noch reich ausgestattet . Sie mußte für prächtig gelten , wenn man sie mit den Möglichkeiten der Gräfin Rhoden verglich , und die Mutter hielt ihr Wohlgefallen an den Einrichtungen , welche Renatus getroffen hatte und in denen sie ihre Tochter wiedersah , auch nicht zurück , so daß Cäciliens unschuldige Besitzesfreude sich an der Theilnahme der Mutter steigerte , und ihr Gatte sich für seine Mühe wohl belohnt fand . Nur Hildegard ging langsam hinter den Anderen her und musterte die einzelnen Gegenstände mit dem Augenglase in der Hand . Ach , die Lehnsessel aus dem lieben Bilder-Cabinette ! rief sie . Ach , also auch die antiken Statuetten aus der Mutter Wohnzimmer habt ihr von Richten fortgenommen ! sprach sie . Wie nur die guten , alten Familienbilder sich hier in der Stadt behagen mögen ? scherzte sie ; und jedes ihrer Worte , jede ihrer Bemerkungen war ein Nadelstich für den Freiherrn . Es that ihm wehe , wenn sie erwähnte , wie öde die Zimmer jetzt in seinem Schlosse sein müßten , es verdroß ihn , wenn sie die neuen Anschaffungen mit einer auffälligen Verwunderung bemerkte , und das Blut stieg ihm zu Kopfe