Gräfin . Das machte die Neugier rege . Man ließ sich die Fremdenblätter holen ; unter den » Eingetroffenen « fand sich , zu allgemeiner Genugthuung , der Name der Gräfin Haughton , und als die Schwester eben jenes Gesandtschafts-Sekretärs zufällig bei ihrer Spazierfahrt die Linden entlang fuhr , sah sie , daß man vor und neben dem betreffenden Gasthofe die Straße , um das Rollen der Wagen abzudämpfen , weit hinaus mit Stroh beschüttet hatte . Abends erzählte die Hofdame der Ober-Hofmeisterin in dem Zimmer ihrer Herrin von dem romantischen Ereigniß , und so leise sie auch sprachen , hatte die Prinzessin doch ein Wort davon gehört . Sie verlangte , zu wissen , wovon die Rede sei . Die Ober-Hofmeisterin , froh , einen Gegenstand der Unterhaltung für die unbeschäftigte Prinzessin zu haben , erzählte , was sie wußte . Die Prinzessin sagte , sie habe der Sache schon früher erwähnen hören , als sie im Auftrage des Königs das Fräulein-Stift zum heiligen Grabe besucht , und dort zu ihrem Erstaunen die Gräfin Hildegard von Rhoden gefunden habe , die nach ihrem Wissen mit dem Freiherrn von Arten seit vielen Jahren versprochen gewesen sei . Sie wunderte sich , wie Hildegard ' s Mutter , nach der Weise , in welcher der Freiherr sich gegen Hildegard benommen hatte , und nach den Gerüchten über ihn , die ihr doch kaum verborgen geblieben sein konnten , den Muth besessen habe , ihm die zweite Tochter anzuvertrauen . Die Hofdame , welche mit Hildegard in gleichem Alter und eine Freundin von ihr war , wagte die bescheidene Bemerkung , Hildegard habe sich für die Schwester aufgeopfert , als sie deren Leidenschaft für ihren Verlobten wahrgenommen habe . Die Prinzessin , ein Vorbild der ehelichen Treue und der Mutterliebe , schüttelte mißbilligend das schöne Haupt . Wie traurig ist es , daß selbst ursprünglich edle Naturen , denn ich habe früher nur Günstiges von dem Baron von Arten gehört , sich zu solchen Verirrungen hinreißen lassen können , die ihre Strafe in sich selber tragen . Die Zeit bleibt sicherlich nicht aus , in welcher die Gräfin Hildegard ihr Schicksal als das glücklichere zu preisen haben wird ! Wenn Sie ihr schreiben , so sagen Sie ihr , daß ich ihrer denke und daß ich sie zu sehen hoffe , wenn sie wiederkehrt . Mit diesem Ausspruche der Prinzessin war für die Personen , welche zu ihrem Hofstaate gehörten , die Weise vorgezeichnet , in welcher man die Angelegenheiten der Arten ' schen und der Rhoden ' schen Familie aufzufassen hatte ; und da man einmal auf dem Wege war , sich mit ihnen zu beschäftigen und sie zum Gegenstande der Unterhaltung zu machen , gab es in den nächsten Tagen kaum einen Theetisch , kaum ein Plauderstündchen , in welchem sie nicht den Stoff für weit zurückreichende Erinnerungen , für eben so weit gehende Vermuthungen und Voraussichten geboten hätten . Von der Rhoden ' schen Familie hatte man wenig zu sagen . Das Leben , die Ehe der Gräfin waren einfach und tadellos gewesen ; um so reicheren Stoff aber boten die Ueberlieferungen aus dem Arten ' schen Hause für die sagenbildende Kraft der Menschen dar . Die Eigenartigkeit des Fräuleins Esther , die Schönheit der früh gestorbenen Amanda von Arten , die sich in einer heimlichen Leidenschaft zu einem Manne niederen Standes verzehrt haben sollte ; der Tod der Baronin Angelika , welcher ein Liebeshandel das Herz gebrochen , den ihr Gatte mit der Herzogin von Duras unterhalten hatte , waren Dem und Jenem aus persönlichen Anschauungen und Erinnerungen bekannt , und man war nicht abgeneigt , eine Art von sittlicher Gerechtigkeit darin zu finden , wenn die Nichte der Herzogin an einer unglücklichen Liebe für den Sohn der Baronin zu Grunde ging , ohne daß man diesen deßhalb nachsichtiger beurtheilt hätte . Selbst die Entschuldigungen , welche man ihm angedeihen ließ , dienten nicht zu seinem Segen . Man beklagte ihn , daß er von einem Vater erzogen worden war , der , obschon er ein vollkommener Cavalier gewesen sei , doch sich selbst nicht zu zügeln verstanden und noch an der Schwelle des Greisenalters eine junge Nonne aus vornehmem Hause aus dem Kloster entführt hatte . Man wußte darüber freilich nichts Genaues , aber man hatte von einem päpstlichen Dispens sprechen hören , den zu erwirken der Freiherr Franz lange Jahre in Italien gelebt hatte und der mit einem namhaften Theile des Arten ' schen Vermögens erkauft worden war . Die junge Frau sollte den greisen Gatten leidenschaftlich geliebt und das Gelübde gethan haben , fortan die Witwentrauer nicht mehr abzulegen . Man war gespannt , zu sehen , ob sie diesen Vorsatz auch in der Residenz , auch in dem Hause ihres Stiefsohnes zur Ausführung bringen werde , in dem sie , wie man berichtete , gerade in diesen Tagen erwartet wurde . Und da nun Jeder , in dessen Beisein von diesen Gerüchten die Rede war , sich die Lücken und Unwahrscheinlichkeiten in denselben auf seine Weise und mit seiner verbindenden Kraft zu ergänzen strebte , so erwuchs um den Kern von Wahrheit , der diesen Behauptungen überall zum Grunde lag , eine Dunstschicht von Einbildungen , die sich in dem Bewußtsein der Leute um so fester setzten , je weniger die Personen , um welche diese Märchen sich bewegten , eine Ahnung von ihrem Vorhandensein besaßen und in der Lage waren , sich gegen diese Erfindungen zu erheben und zu vertheidigen . Was Renatus anbetrifft , so hatte er eben in diesen Tagen vollauf mit der Wirklichkeit zu thun . Cäcilie war doch noch tiefer , als er es befürchtet hatte , durch die Ankunft der Gräfin erschüttert worden , und wenn es ihm auch gelungen war , sie bald völlig über den Vorfall zu beruhigen und sie die Sache in ihrem rechten Lichte erkennen zu machen , so fügte es sich doch nicht glücklich , daß gerade jetzt auch Vittoria mit ihrem Sohne