darauf hin habe ich bereits meine Maßregeln genommen , um eine Begegnung der Beiden in Zukunft zu verhindern . Ihre Sache ist es , dafür zu sorgen , daß kein Briefwechsel stattfindet , und ich bin überzeugt , Mathilde , Sie werde etwaige Bitten und Thränen unzugänglich sein und sich einzig von der Rücksicht auf die Zukunft Ihrer Tochter leiten lassen . Sie werde begreifen , daß meine testamentarischen Verfügungen nur dann in Kraft bleiben , wenn ich über Gabrielens Zukunft und Vermählung bestimme . Ich bin nicht geneigt , die offenbare Auflehnung gegen meinen Willen durch jene Verfügungen zu sanctioniren , und am allerwenigsten gesonnen , mit meinem Vermögen dereinst dem Herrn Assessor Winterfeld zu Reichthum und Ansehen zu verhelfen . Gabriele ist noch viel zu jung und unerfahren , um solchen Erwägungen überhaupt zugänglich zu sein . Sie überschauen die Verhältnisse , und ich darf daher wohl Ihrer Unterstützung gewiß sein . “ Der Freiherr wußte , was er that , als er diese ganz unzweideutige Drohung aussprach . Er kannte die unbeschränkte Macht Gabrielens über ihre Mutter und die Charakterlosigkeit der Baronin , die heute eine Sache in der heftigsten Weise verdammte und sich morgen von Trotz und Thränen zur Nachgiebigkeit bewegen ließ . Seine Drohung schob jeder etwaigen Schwäche einen Riegel vor und machte die Mutter zur aufmerksamsten Hüterin der Tochter . Frau von Harder war in der That ganz bleich geworden , als sie von Testamentsänderung hörte . „ Ich werde meine Mutterpflicht im vollsten Maße erfüllen , “ versicherte sie . „ Seien Sie überzeugt , daß ich mich nicht zum zweiten Male täusche lasse ! “ Der Freiherr stand auf . „ Und nun wünsche ich Gabriele zu sehen . Sie hat sich zwar seit unserer gestrigen Unterhaltung für krank erklärt , ich weiß aber , daß das nur ein Vorwand ist , um mir auszuweichen . Sagen Sie ihr , daß ich sie hier erwarte ! “ Die Baronin kam dem Wunsche ihres Schwagers nach ; sie ging und kehrte schon nach wenige Minuten in Begleitung ihrer Tochter zurück . „ Darf ich Sie bitten , uns zu verlassen , Mathilde ? “ sagte Raven . „ Sie wünschen – ? “ „ Daß Sie mich und Gabriele aus eine Viertelstunde allein lassen . Ich ersuche Sie darum . “ Die Baronin vermochte kaum , ihre Empfindlichkeit zu verbergen . Sie hatte doch ohne Zweifel das nächste und erste Recht , der nun folgenden Gerichtsscene beizuwohnen , und jetzt sandte der Freiherr sie mit seiner gewohnten Rücksichtslosigkeit fort und behielt sich die entscheidende Unterredung allein vor , ohne ihre Mutterrechte im Geringsten zu respectiren . Hätte die Dame nicht eine so große Furcht vor ihrem Schwager gehegt , sie würde sich diesmal gegen seinen Willen aufgelehnt haben , aber sein Ton und seine Haltung zeigten ihr , daß er heute weniger als je Widerspruch vertrug , und so fügte sie sich denn oder vielmehr , wie ihre eigene Meinung lautete : sie wich mit tiefverletzten Gefühlen dieser unerhörten Tyrannei und verließ das Zimmer . Der Freiherr war allein mit Gabriele , aber diese blieb im Hintergrunde des Gemaches stehen . Er erwartete vergebens eine Annäherung . „ Gabriele ! “ Sie that einige Schritte ihm entgegen , hielt dann aber mit sichtbarer Scheu inne . Raven trat jetzt zu ihr . [ 294 ] „ Fürchtest Du Dich vor mir ? “ fragte er . Sie machte eine verneinende Bewegung . „ Nun , weshalb denn dieses scheue , stumme Abwenden ? Bin ich so hart gegen Dich gewesen , daß Du nicht einmal wagtest , mir wieder vor Augen zu treten ? “ „ Mir ist wirklich nicht wohl gewesen , “ versetzte Gabriele leise . Der Blick des Freiherrn streifte das jugendliche Antlitz , das in der That nicht so rosig und frisch wie sonst erschien . Es lag etwas darüber wie ein Schatten , wie ein Hauch von Schmerz oder Unruhe , der diesen heiteren , lächelnden Zügen sonst ganz fremd war . Raven nahm die Hand des jungen Mädchens ; er fühlte , wie diese Hand bebte und es versuchte , sich der seinigen zu entziehen . Er hielt sie trotzdem fest , aber ohne jeden Druck , und seine Stimme klang kalt und ruhig , als er sagte : „ Ich weiß , was Dich bei unserer letzten Unterredung so erschreckt hat , und alles Verhüllen wäre hier nutzlos , aber Du brauchst nichts mehr zu fürchten – es ist bereits vorüber . Ich verlange von Dir die Bekämpfung einer Jugendthorheit und muß Dir doch vor allen Dingen das Beispiel geben , wie man solche Aufwallungen niederkämpft . Ich konnte auf Augenblicke meine Jahre und die Deinigen vergessen . Du hast mich zur rechten Zeit daran erinnert , daß die Jugend einzig zu der Jugend gehört , und ich bin Dir dankbar für diese Erinnerung . Vergiß , was ein unbewachter Augenblick Dir enthüllte ! Es soll Dich nicht wieder schrecken . Ich habe schon Ernsteres und Tieferes niedergezwungen , und ich bin es gewohnt , meine Empfindungen meinem Willen unterzuordnen . Der Traum ist zu Ende , denn – er soll zu Ende sein . “ Gabriele hatte schon , als er zu sprechen begann , das Auge zu ihm emporgehoben ; es lag noch immer eine bange Frage darin , indeß erwiderte sie nichts , und ihre Hand glitt widerstandslos nieder , als er sie aus der seinigen ließ . Textdaten zum vorherigen Teil < < < > > > zum nächsten Teil zum Anfang Autor : W. Heimburg Titel : Um hohen Preis aus : Die Gartenlaube 1878 , Heft 19 , S. 307 – 310 Fortsetzungsroman – Teil 11 [ 307 ] „ Und nun fasse wieder Vertrauen zu mir , Kind ! “ fuhr Raven fort . „ Wenn ich jetzt streng gegen Dich und Deine Liebe bin , so sieh darin nur die Pflicht des Vormundes , der für ein junges