gänzlich verwischt und unleserlich gemacht . Rohan hatte das Land Bünden und sein zugleich nordisch mannhaftes und südlich geschmeidiges Volk liebgewonnen . Der Aufenthalt in diesen Bergen ruhte seinen Geist aus und erfrischte seine Lebenskraft . Aber nicht die ernsten , kühl durchwehten Hochtäler , wo er Siege erfochten , mit ihren Felshörnern und Schneehäuptern übten einen Zauber auf ihn aus , sondern er zog dem Geschmacke der Zeit und seinem eigenen milden Gemüte gemäß die mittlern , mit weichem Grün bekleideten Alpen vor , die mit Hütten und läutenden Herden bedeckt waren . Seine Lieblinge waren die Höhen , die das warme Domleschg einrahmen , und er pflegte zu sagen , der Heinzenberg sei der schönste Berg der Welt . Das Geschenk seiner Neigung gaben ihm die Bündner mit Wucher zurück . Im ganzen Lande wurde er nur » der gute Herzog « geheißen . In Chur war er der Abgott aller Stände ; denn die vornehmen Familien fesselte er an sich durch die Feinheit seiner adeligen Sitte , das Volk aber bezauberte er durch eine aus dem Herzen kommende unbeschreibliche Leutseligkeit . In den protestantischen Gemeinden des Landes hörten überdies die Bündner fast allsonntäglich sein Lob von der Kanzel verkündigen . Er ward ihnen gezeigt und gerühmt als ein Muster evangelischer Glaubenstreue und als ein Hort der bedrängten Protestanten in allen Landen . Der glückliche Stern , der seine kriegerischen Unternehmungen begünstigt hatte , schien jetzt auch über seinen politischen zu leuchten . Er beschied einige ausgezeichnete Bündner zu sich nach Chiavenna , beriet mit ihnen Satz um Satz den Entwurf eines Übereinkommens und dieses wurde kurz darauf von dem in Thusis versammelten bündnerischen Bundesrate angenommen . Man machte sich von beiden Seiten die äußersten Zugeständnisse . Um die Bündner in ihrer Hauptforderung zu befriedigen , gab ihnen Rohan durch diesen Vertrag das Veltlin im Namen Frankreichs zurück . Aber er sicherte zugleich das militärische Interesse und die katholische Ehre seines Königs , indem er festsetzte , daß die bündnerischen Bergpässe bis zum allgemeinen Friedensschlusse von Bündnertruppen in französischem Solde gehütet werden müßten und die katholische Religion im Veltlin als die herrschende anerkannt werde . So lauteten die von Herzog Heinrich mit den Häuptern Bündens zu Chiavenna beratenen und im Domleschg bestätigten Vertragspunkte , die sogenannten Thusnerartikel . Genehmigte der König von Frankreich diesen von Rohan für ihn geschlossenen Vertrag – und wie hätte er es nicht tun sollen ! – so waren Bündens alte Grenzen hergestellt und Heinrich Rohan hatte sein gegebenes Wort gelöst , denn in der Tat für diese Herstellung ihrer alten Grenzen hatte er sich den Bündnern vor dem Feldzuge persönlich verbürgt – verbürgen müssen . Dies Versprechen zu verweigern war ihm unmöglich gewesen , sollte sich das erschöpfte elende Land noch einmal zum Kriege aufraffen . Darin hatte die unerbittliche Logik des scharfsinnigen venezianischen Provveditore das Richtige vorausgesagt ; aber wie sehr , wie vollständig hatte er sich geirrt , als er den Herzog vor Georg Jenatsch glaubte warnen zu müssen ! Gerade für die Annahme der Thusnerartikel hatte der Oberst das Unglaubliche getan ; es war wahrlich kein leichtes gewesen , es hatte Gewandtheit und Ausdauer genug auch den Liebling des Volkes gekostet , um diese bei den argwöhnischen , auf ihre Unabhängigkeit eifersüchtigen Bündnern durchzusetzen . Aber Jenatsch hatte sich vervielfacht und von Tal zu Tale , von Gemeinde zu Gemeinde eilend , hatte er überall den Zauber seiner Rede ausgeübt , überall seinen willensstarken , feurigen Einfluß geltend gemacht . Er hatte darauf gedrungen , das sichere Teil nicht aus der Hand zu lassen um eines ungewissen , ja undenkbaren größern Gewinns willen . Er hatte geraten , sich mit der Hauptsache zu begnügen , dem edeln Anwalte Bündens bei der französischen Krone nicht sich undankbar zu erzeigen und den mit jedem Jahre sich mindernden Rest des französischen Druckes willig in den Kauf zu nehmen . Doch noch eine Sorge drückte die Ehrenhaftigkeit des Herzogs . Der ungeheure Summen verschlingende Krieg in Deutschland hatte den französischen Schatz erschöpft . Die Sendungen des Schatzmeisters an Herzog Rohan flossen schon lange spärlich und blieben jetzt aus , es war diesem seit einiger Zeit nicht mehr möglich , seine Bündnertruppen zu besolden . Freilich teilten die französischen Regimenter dasselbe Los . Man schien am Hofe zu St. Germain des Glaubens zu leben , die Ehre unter dem ruhmreichen Feldherrn zu dienen ersetze dem Soldaten Nahrung und Kleidung . Rohan sandte Schreiben auf Schreiben und erhielt als Antwort Versprechen auf Versprechen . Die Erhebung einer neuen Kriegssteuer in Frankreich , so schrieb man dem Herzog aus St. Germain , sollte dem Mißstande nächstens ein Ende machen . Welche Hemmungen und Säumnisse also das Werk des Herzogs erfuhr durch den Menschen und Dingen inwohnenden Widerstand gegen gerechte , einen selbstsüchtigen Interessenkreis durchbrechende Lösungen – nun stand er hart vor seinem Ziele und die Bündner erreichten , dank der ihnen von Rohan auferlegten Mäßigung , die Befreiung ihres Landes . Da plötzlich verbreitete sich zur Zeit der fallenden Blätter eine unheimliche Botschaft durch die bündnerischen Täler . Der gute Herzog , hieß es , weile nicht mehr unter den Lebenden . Er sei in seinem Palaste zu Sondrio einem Sumpffieber zum Opfer gefallen . Schon habe ein Bote das Stilfserjoch überschritten und sei nach Brixen geeilt , um die Spezerei zur Einbalsamierung seines Leichnams zu holen . Dieses Gerücht erschreckte die Gemüter , wo es hingelangte . Man ward sich plötzlich sorgenvoll bewußt , was alles an diesem edeln Leben hing . Wie in den Bergen , wenn eine Wolke vor die Sonne gleitet , die Landschaft mit einem Schlage dunkel wird und zugleich in ihren einzelnen schroffen Zügen schärfer hervortritt , so erschien den Bündnern , als sie den Herzog sich hinwegdachten , die unsichere Abhängigkeit und die Gefahr ihrer Lage mit drohender Deutlichkeit . War ihnen doch nur in seiner vertrauen erweckenden Person Frankreich als helfende Macht nahe getreten ! Er war es , der für seinen König mit ihnen unterhandelt , den von