nach A. gefahren , wo ihnen im stolzen Ministerpalais ein besonderer Saal eingeräumt worden war ... Dann kamen Handwerker und renovierten das alte , baufällige Waldhaus – zu welchem Zwecke , das wußte niemand . Die neuen Schlösser und Fensterläden wurden nach Vollendung der Arbeiten verschlossen und verriegelt , und nur dann und wann ließ der Generalbevollmächtigte lüften . Der Minister kam selten nach Arnsberg , aber wenn es einmal geschah , dann – so erzählte man sich – zog er verstohlen die Vorhänge der Fenster zu , die nach Neuenfeld sahen ... Er hatte bei Verkauf des Eisenwerks , das , zuletzt sehr lau betrieben , dem Staat nahezu eine Last geworden war , nicht geahnt , daß es in » solch ungeschickte « Hände fallen werde ... Diese sogenannte Musterkolonie da drüben war ein vollständiger Hohn auf sein Regierungssystem – unter seinen Augen entwickelte sich der verderbliche Geist der Neuerung , den er am liebsten mit Feuer und Schwert vertilgt hätte ... Seine Exzellenz hielt die Zügel noch genau so stramm wie vor elf Jahren ; in neuerer Zeit jedoch hatte er sein Regierungsprogramm um eins erweitert : Er unterstützte nachdrücklich religiöse Bestrebungen , und es begab sich nun allsonntäglich , daß von den Kanzeln der Segen des Himmels auf seine weisen Maßregeln und sein » Gott wohlgefälliges Regiment « herabgefleht wurde ... Und die Staatsmaschine war so gut eingeölt und ging so vortrefflich , daß der Fürst des Abends sein Haupt auf das Kopfkissen legte , ohne je von dem Gespenst der Regierungssorgen belästigt zu werden , während sein Minister alljährlich einige Monate zu seiner Erholung auswärts leben konnte . Baron Fleury brachte diese Zeit meist in Paris zu . Als letzter Sproß einer im Jahre 1794 ausgewanderten französischen Adelsfamilie hatte er selbstverständlich noch viele Anhänglichkeit an die alte Heimat – aber es lagen auch noch andere Gründe vor , wie er sich stets sehr aufrichtig ausließ ... Liegende Güter besaß er freilich nicht mehr in Frankreich – sie waren nach der Flucht seiner Familie eingezogen worden und trotz der heftigsten Reklamationen seines Vaters , welcher , infolge der vom ersten Konsul Bonaparte erteilten Amnestie , auf kurze Zeit nach Frankreich zurückkehrte , unwiederbringlich verloren . Dagegen fand der Geflüchtete nach so langer Zeit wunderbarerweise sein gesamtes Barvermögen wieder . Die Fleury hatten ganz plötzlich mitten in der Nacht , vor heranziehenden Sansculotten und den eigenen aufrührerischen Gutsangehörigen flüchtend , ihr altes Stammschloß verlassen müssen . Das allmählich und vorsichtig eingezogene Barvermögen befand sich wohlverpackt in einem Schlupfwinkel des Kellers , mußte jedoch zurückbleiben . Die wilden Haufen zerstörten das Schloß , entblößten jedoch den Schatz nicht , den später ein alter treuer Diener , der ehemalige Gärtner , unbemerkt in seine Wohnung zu retten wußte . Und als dann der zurückgekehrte Fleury zähneknirschend am Gittertor seines ehemaligen Parkes stand und nach dem neuerbauten Schloß hinübersah , das ihm nicht mehr gehörte , da kam ein alter , halb kindisch gewordener Mann , küßte schluchzend seine Hand und führte ihn in den Keller seines ärmlichen Häuschens vor eine Reihe kleiner Geldfässer , an deren Inhalt auch nicht ein Sou fehlte ... Diese Gelder hatte sein Vater in Frankreich wohlangelegt , wie der Minister oft beiläufig erwähnte , und sie waren es , die seine häufigen Reisen nach Paris nötig machten . Was für ein kolossales Vermögen mußte das sein ! Der Minister machte einen wahrhaft fürstlichen Aufwand , besonders seit seiner zweiten Vermählung . Seine Einkünfte in Deutschland , so bedeutend sie auch sein mochten , waren dem Verbrauch gegenüber doch nur » ein Tropfen auf einen heißen Stein « , wie der Volksmund sagte . Natürlich gab dieser ferne goldene Hintergrund Seiner Exzellenz einen ganz besonderen Nimbus , und es schien fast , als bekleide er seinen hohen Posten fort und fort lediglich aus Hingebung für seinen durchlauchtigsten Freund , den Fürsten . Das weiße Schloß sah also , wie gesagt , seinen Besitzer selten ; deshalb stand es aber doch nicht ganz verwaist . Die junge Gräfin Sturm bewohnte ihr nahegelegenes Gut Greinsfeld und kam oft , in ihrer Vorliebe für Arnsberg beharrend , auf Monate herüber . Freilich schien dann jedesmal das Schloß zweifach umgürtet in vornehmer Unnahbarkeit ; denn die junge Dame war streng in Standesvorurteilen erzogen und zudem von Kindheit an so leidend , daß sie in förmlich klösterlicher Zurückgezogenheit ihr junges Leben verbringen mußte . In ihrem sechsten Jahre war sie infolge eines heftigen Schreckens von einem Nervenübel befallen worden . Diese Krankheit nahm insofern einen bedenklicheren Charakter an , als sie bei jeder Gemütsbewegung wiederkehrte , und da die Ärzte schon vorher einstimmig erklärt hatten , daß die Konstitution des Kindes unhaltbar sei , so gehörte die kleine Reichsgräfin Sturm in den Augen der Welt bereits zu den Toten , und der Minister wurde stillschweigend beglückwünscht , denn er war Universalerbe des Kindes . Ärztlicher Verordnung zufolge wurde die Kleine in die Greinsfelder Gebirgsluft gebracht . Man umgab sie mit allem Glanz und Komfort , den ihre hohe Lebensstellung erheischte , aber auch mit der tiefsten Einsamkeit , die nur Frau von Herbeck , ein Arzt und eine Zeitlang ein Religionslehrer teilten . Für die Bewohner von A. erlosch das junge , dem sicheren Tode verfallene Dasein bereits mit der Übersiedlung , und die Dorfleute in Arnsberg und Greinsfeld sahen das bleiche Gesichtchen auch nur flüchtig hinter den Glasscheiben des vorüberrollenden Wagens , oder wenn es ihnen gelang , einmal scheu durch den streng abgeschiedenen Schloßgarten zu huschen . Nicht einmal in der Kirche hatten sie den Genuß , ihre kranke Herrin mit Muße betrachten zu können , denn sie wurde , als von katholischen Eltern , auch im katholischen Glauben erzogen und betrat das protestantische Gotteshaus niemals . So verging ein Jahr um das andere , deren jedes nach menschlichem Dafürhalten eine Gnadenfrist war für die hinwelkende Menschenknospe ... Die Herren Mediziner hatten wichtig den Finger an die Nase gelegt und eine Prognose gestellt , an der kein Gott