Höhe vor der aufgeregten Frau – ein düsteres Feuer glomm in ihren Augen . » Hüte dich , Klementine ! « warnte sie mit aufgehobenem Finger . » Du spielst um deine Seele ! Deine unselige Liebesleidenschaft treibt dich von einer Sünde zur anderen . Du gehst nicht nach Rom in Glaubensinbrunst – weit entfernt – Trotz und Zorn treiben dich fort , und der geheime Wunsch , durch deine Abwesenheit Sehnsucht in dem Herzen deines kalten , gleichgültigen Mannes zu wecken – « Die Baronin fuhr empor , als wolle sie sich auf die scharfsichtige , unerbittliche Mahnerin stürzen und ihr mit der Hand den Mund verschließen , aber die stand da wie in den Boden gewurzelt ; sie hob nur die schöne Rechte in stummer Abwehr , die schwarzen , kräftig gezeichneten Brauen hoben sich und gaben den großangelegten Zügen den Ausdruck eiserner Strenge . » Mich täuschest du nicht , « fuhr sie fort , » so wenig wie unseren gemeinschaftlichen Seelsorger , den ehrwürdigen Pater Franziskus – wir sehen voll Schmerz , wie du dich in dem Bemühen verzehrst , Macht über den Mann zu gewinnen , der seine armselige Kunst zum Götzen macht ... Und wenn dir dein Mühen glückte ? – Geh – was für ein erbärmlicher Sieg ! ... Kämpfe lieber gegen dich selber ! Du Hast allen Halt verloren , bist eine launenhafte Frau geworden , die in einem Atem Entschlüsse faßt und verwirft ; jetzt aber sage ich dir – autorisiert durch Pater Franziskus und die frommen Schwestern , die deine Kindheit behütet haben – » bis hierher und nicht weiter ! « Hast du die Pilgerfahrt nach Rom infolge grenzenloser Selbstsucht beschlossen , so kannst du diese Sünde nur büßen , indem du das unlautere Feuer in deiner Brust bekämpfst und die Reise wahrhaft reuig antrittst . Ein » Zurück « , wie du es dir seit Jahren erlaubst , gibt es hier nicht mehr ! Nicht Laune , nicht Trennungsschmerz , nicht einmal Krankheit werden dich zurückhalten – nötigenfalls lässest du morgen dich in den Reisewagen tragen . Abreisen werden wir um jeden Preis ! « Wie verscheucht war die Baronin bis zur Glastür zurückgewichen . – Diese Frau trug eine Kette am Fuß , deren äußersten Ring das Klosterinstitut in seinem Grund und Boden festgenietet hatte . Sie brach meist zusammen unter einer direkten Mahnung von dorther , aber in diesem Augenblick behielt doch die fieberhafte Aufregung , mit der sie aus der Platanenallee zurückgekehrt war , hörbar die Oberhand , als sie auf der Schwelle sich umwendend , trotzig rief : » Wer sagt denn , daß ich meinen Entschluß ändern will ? – Ich gehe , und sollte ich mich todkrank von Ort zu Ort schleppen ! « Damit ging sie , um das ganze Haus , behufs ihrer Reisevorkehrungen , zu alarmieren . 13. Seit diesem stürmischen Morgen waren nur wenige Tage verstrichen . Im oberen Stockwerk des Säulenhauses umschlossen die herrlichen steingemeißelten Halbrundbogen der Fenster das leblose , eintönige Grau der herabgelassenen Vorhänge und deuteten das tiefe Schweigen an , das in den Räumen herrschte ; denn sie lagen hinter Schloß und Riegel , kein Menschenfuß betrat sie ; nicht einmal lüften solle man droben , hatte die Frau Baronin bei ihrer Abreise der Dienerschaft streng anbefohlen . Baron Schilling stand nachmittags in seinem Atelier . Draußen hatte ein rasch vorüberziehendes Gewitter Millionen funkelnder Regentropfen versprüht ; ein frischer Windhauch lief hinter den Wolkenresten her ; er schaukelte und schüttelte das tropfende Gezweig und löste den Bann der Schwüle und Gewitterfurcht von den Vogelkehlen ; und der Himmel blaute wieder , als sei die tränenschauernde Wolkenwand zwischen ihm und der Erde nie gewesen . Diese jubilierende , strahlende Wandlung draußen im Garten bemerkte der Mann vor der Staffelei nicht . Er sah in eine schwüle , von Fackellicht durchzuckte Sommernacht hinein . Die rötlichen Tinten , teils tief im Hintergrund aus den Fenstern eines Palastes quellend , teils vereinzelt und unruhig zwischen riesigen Parkbäumen hindurch unaufhaltsam nach dem Vordergrund eilend , wogten so täuschend und überzeugend , daß man meinen konnte , sie müßten im raschen Vordringen auch das Atelier füllen und sein leises Dämmern durchleuchten . In diesen weiten Raum fiel augenblicklich nur das Oberlicht , aber auch gedämpft , nicht grellgemischt mit dem heißen Goldgefunkel der unverhüllten Sonne ... Dabei herrschte lautlose Stille , nur unterbrochen , oder vielmehr begleitet von dem eintönigen , traumhaften Plätschern fallender Wasser hinter einem zugezogenen dunkelgrünen Samtvorhang von großartigem Faltenwurf , der die ganze Schmalseite des Ateliers nach Süden hin vollkommen bedeckte ... Auch dieses verborgene melancholische Rauschen und Rieseln mischte sich mit dem unheimlich schwülen Atem der Sommernacht auf der köstlich belebten Leinwand – der durch Alleen und Gehölz irrende Fackelschein glühte da und dort hochaufspringende Wasserstrahlen an und löste sie , wie plötzlich hervortretende Geistererscheinungen , aus dem tiefen , verschwiegenen Dunkel . Wie traumverloren , der Wirklichkeit vollkommen entrückt , arbeitete der Künstler . Er sah nicht , daß seitwärts durch eine aufgehende Türe das sonnige Tageslicht breit hereinfiel ; er hörte nicht die leichten Tritte , die auf ihn zuhuschten , bis eine zaghafte Mädchenstimme neben ihm laut wurde . » Herr Baron , die Fremden sind eben vorgefahren , « meldete Hannchen . Er fuhr zusammen , als seien diese geflissentlich gedämpften Laute Trompetenstöße gewesen , und ein hastiger Unwille über die Störung wallte sichtlich in ihm auf . Zornig warf er den Pinsel hin , während das Mädchen sich scheu zurückzog und wieder hinausschlüpfte . Erst bei dem leisen Geräusch , welches das Zudrücken des Türschlosses verursachte , war es , als werde er sich seiner und der Außenwelt wieder bewußt . » Lucians Kinder ! « murmelte er wie zu seiner eigenen Besänftigung . Er streifte die Bluse ab und eilte durch den Garten . Als er die Flurhalle des Säulenhauses betrat , da stand die gegenüberliegende , nach dem Vorgarten führende Haupttüre weit offen . Die Dienerschaft des