zu strömen . „ Hole Hülfe ! “ sagte sie , ohne die weinenden Augen von dem Totenähnlichen Gesichte der Kranken wegzuwenden , zu Flora , die in Angst und Ungeduld auf die Gruppe niedersah und ihre krampfhaft verschränkten Hände gegen den Busen drückte . „ Bist Du wahnsinnig ? “ fuhr sie mit gedämpfter Stimme auf . „ Soll ich der Meute geradewegs in die Hände laufen ? Allein rühre ich mich nicht von der Stelle . Wir müssen versuchen , Henriette fortzuschaffen . “ Käthe sagte kein Wort ; sie sah , daß sie an diesen grenzenlosen Egoismus vergebens appellierte . Nach verschiedenen vorsichtigen Manipulationen , bei denen Flora behülflich war , stand sie endlich auf den Füßen und trug Henriette wie ein Kind auf dem Arme ; der Kopf der noch immer Bewußtlosen ruhte auf ihrer Schulter . Sie glitt förmlich über den Boden und wich dem kleinsten Steine aus , um jede gefahrbringende Erschütterung zu vermeiden . Diese Bemühungen erschwerten ihr die Last bedeutend , aber stehen bleiben und nur einmal tief Athem schöpfen durfte sie nicht . „ Ruhe aus , so lange Du Lust hast , wenn wir draußen im freien Felde sind – nur hier nicht , wenn Du nicht willst , daß ich vor Angst sterben soll ! “ sagte Flora in gebieterischem Tone . Sie ging dicht an Käthe ’ s Seite , mit hochgehobenem Kopfe und ihrer gewohnten imposanten Haltung , aber unausgesetzt das verrätherische Gebüsch am Wege scheu beobachtend , um bei dem geringsten verdächtigen Geräusche die Flucht zu ergreifen . – Wo war die „ Soldatencourage “ , die Henriette heute ironisch betont hatte ? Wo die stets so geflissentlich zur Schau getragene Konsequenz und Sicherheit , der schroff männliche Geist ? Käthe sagte sich in dieser schweren Stunde ernster Erfahrung , daß da , wo bei der Frau das edel weibliche Denken , Empfinden und Streben aufhört , die – Komödie beginnt . 11. Endlich standen sie draußen auf dem weiten , sonnigen Felde . Käthe stützte sich für einen Augenblick auf einen hohen Grenzstein , den eine mächtige Eiche überwölbte , während Flora einige Schritte weiter hinaustrat , um den „ entsetzlichen “ Wald möglichst weit hinter sich zu haben . Die Gefahr war vorüber . Weit drüben auf dem Ackerlande arbeiteten Leute . Sie hätten nöthigenfalls einen Hülferuf hören können ; man sah die Thürme der Stadt , und dort lief der Weg nach dem Parkthore der Besitzung Baumgarten . Aber Käthe ’ s Augen hingen an einem Punkte , den Flora nicht sah , an dem niedrigen Dache mit den hohen Schlöten und den vergoldeten Windfahnen , das so friedlich aus dem Walde von Obstbäumen auftauchte . Sie konnte deutlich das Staket erkennen , das den Garten umschloß ; es lag weit näher als das Parkthor , und dahin lenkte sie nach kurzem Ausruhen schweigend ihre Schritte . „ Nun , wo hinaus ? “ rief Flora , die bereits auf dem Wege nach dem Parke schritt . „ Nach Doktor Bruck ’ s Haus , “ versetzte das junge Mädchen , ruhig und unbeirrt weitergehend . „ Es liegt am nächsten ; dort finden wir vor allen Dingen ein Bett , auf das ich Henriette niederlegen kann , und möglicher Weise auch sofortige Hülfe . Vielleicht ist der Doktor gerade zu Hause . “ Flora runzelte die Brauen und zögerte , aber sei es , daß sie das rachedürstende Weib mit den gekrümmten Fingern immer noch nahe auf ihren Fersen wähnte , oder daß sie fürchtete , zwischen dem Parkthore und dem Walde ohne Hut und in ihrer derangierten Toilette Spaziergängern zu begegnen – sie kam schweigend herüber . So ging es über das offene Feld hin . Für Käthe war die Aufgabe eine namenlos anstrengende . Der selten betretene Weg durch den weichen Ackerboden war voller Löcher und sehr steinig ; bei jedem Fehltritte , den sie machte , fühlte sie aus Furcht vor einer Wiederkehr des schrecklichen Anfalles ihr Blut fast erstarren . Dabei brannte die Sonne , sengend wie im August , auf ihrem unbedeckten Scheitel ; von Zeit zu Zeit schwamm die Welt in einem unheimlich rotgelben Lichte vor ihren Augen , und dann glaubte sie , vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen , aber in solchen Momenten heftete sich ihr Blick um so fester auf des Doktors Haus ; es rückte ja immer näher , das liebliche Bild des ländlichen Friedens und der erquickenden Ruhe . Sie sah nun schon vollkommen klar und deutlich , wie hinter dem Staket emsig hantiert wurde , und bei aller Angst und Ermüdung kam ihr doch ein leises Gefühl der Freude . Der Mann in Hemdsärmeln nagelte dort aus Fichtenästen eine Laube zusammen , eine Laube für die Tante Diakonus . Die alte Frau konnte die weinbewachsene Hütte im kleinen Pfarrgarten nicht vergessen und hatte seitdem nie wieder so im Grünen sitzen dürfen – welche Freude nun für ihr genügsames Herz ! Und jetzt kam sie selbst die Thürstufen herab , im weißen Häubchen , die blauleinene Küchenschürze vorgebunden , und brachte auf einem Teller dem Arbeiter sein Vesperbrod . Sie sprach eifrig mit dem Manne ; Beiden fiel es nicht ein , über das Staket ins Feld hinaus zu sehen . Käthe überlegte eben , ob sie nicht doch um helfende Hände hinüberrufen sollte – in demselben Augenblicke kam auch der Doktor vom Hause her . „ Bruck ! “ rief Flora mit dem ganzen frischen Silberklange ihrer Stimme über das Feld hin . Er blieb stehen und starrte einen Augenblick nach der seltsamen Gruppe , die sich auf ihn zu bewegte ; dann stieß er die Thür im Stakete auf und stürmte hinüber . „ Mein Gott , was ist denn geschehen ? “ rief er schon von Weitem . „ Ich bin einem tollen Mänadenschwarme in die Hände gefallen , “ antwortete Flora bitter lächelnd , aber auch ganz wieder mit jener Geringschätzung und stolzen Nachlässigkeit , die sich durch