Tag ... Hoheit wissen , daß ich mit diesem Bruder nicht harmoniert , daß ich im Gegenteil seinen stürmischen , gegen die Moral verstoßenden Lebensgang stets entschieden verurteilt habe – aber mein Gott , das Herz behauptet doch seine Rechte . Ich habe ihn trotz alledem lieb gehabt , und deshalb würde mich der Verlust tief schmerzen – « » Abgesehen von dem wirklich fabelhaft hohen Werte des Steines selbst , « warf Mainau trocken hin . Er saß bereits wieder neben der Herzogin , während die anderen eben zurückkamen . » Nun ja doch , in zweiter Linie allerdings – wer wollte das leugnen ? « sagte der Hofmarschall mit affektiertem Gleichmut – fast zugleich aber schob er mit einem Rucke – die Bewegung sah ziemlich desperat aus – seinen Stuhl mehr seitwärts ; von da aus konnte er die ganze Wegstrecke an dem verhängnisvollen Spalier überwachen . – » Der Smaragd ist kostbar und die Gravierung eine selten Arbeit , eine Art Wunder ... Es ist auch ein kleines Geheimnis dabei . In der Nähe des Wappens macht sich ein kleiner Punkt bemerklich – man meint , ein winziger Splitter sei von dem Steine abgesprungen ; unter der Lupe aber tritt einem scharf ausgeprägt ein schöner Männerkopf entgegen . Tief in Wachs oder feinen Lack eingedrückt , gilt dieses Siegel in meinen Augen mehr als eine Namensunterschrift . « » Wir werden jetzt Kaffee trinken und dann gehe ich auch mit suchen , « sagte die Herzogin liebenswürdig . » Der interessante Ring muß sich wiederfinden . « Frau Löhn ging inzwischen mit dem großen silbernen Kaffeebrette herum . Sie verzog eine Miene ; in die eingetretene sekundenlange Stille hinein knisterte ihr Seidenkleid und der Sand unter ihren kräftig ausschreitenden Füßen . Plötzlich klirrte aber auch das Geschirr auf der Platte aneinander , als mache in Zusammenschrecken die Hände der Frau unsicher . Der Hofmarschall , dem sie in diesem Augenblick präsentierte , sah überrascht empor und folgte der Richtung ihres Blickes – Gabriel kam den Weingang herauf . » Was will der Bursche ? « fragte er sie scharf fixierend . » Hab ' keine Ahnung , gnädiger Herr , « versicherte sie bereits wieder sehr ruhig . Gabriel schritt direkt auf den Hofmarschall zu und überreichte ihm mit tiefgesenkten Lidern den verlorenen Ring . – Es waren schön gebogene , schlanke Finger , die das Kleinod zierlich gefaßt hielten – eine fleckenlos saubere Kinderhand , zaghaft und scheu dargeboten – und doch stieß sie der Hofmarschall mit sichtlichem Widerwillen zurück , als sie die seinige leicht berührte . » Stehen da nicht Teller genug ? « schalt er , auf den Tisch zeigend . » Und hast du dir bei deinem Verkehr im Schlosse so wenig Manier angeeignet , daß du nicht einmal weißt , wie man anständigerweise einen Gegenstand überreicht ? ... Wo hast du den Ring gefunden ? « » Er lag am Drahtgitter – ich erkannte ihn gleich – ich habe ihn immer so gern an Ihrer Hand gesehen , « sagte der Knabe schüchtern und gleichsam um Vergebung bittend , daß er den Ring sofort an die rechte Adresse zurückgegeben . » So – in der That ? Sehr schmeichelhaft ! « – Der Hofmarschall wiegte spöttisch den Kopf und steckte den Smaragd an den Finger . » Löhn , geben Sie ihm ein Stück Kuchen und fragen Sie , was er will ! « Die Beschließerin griff in die Tasche und brachte einen Schlüssel zum Vorschein . » Den hast du holen wollen – gelt ? « sagte sie zu Gabriel – er bejahte . » Die Frau will trinken , und ich habe den Himbeersaft eingeschlossen – « » Larifari – es läuft genug Dienerschaft herum . Er konnte herüberschicken ; aber der Mosje ist verwöhnt und meint , er müsse schlechterdings bei allem sein , was im Schlosse vorgeht – und das heute , wo ihm der Herr Hofprediger in Ihrem Beisein die Beteiligung an jedem Vergnügen streng untersagt hat ! Haben Sie das vergessen , Löhn ? ... Er soll sich vorbereiten , « wandte er sich an die Herzogin , » wir haben heute morgen festgestellt , daß er in drei Wochen endlich nach dem Seminar abgeht – es ist die höchste Zeit . « Liane sah überrascht zu der Beschließerin auf . Also darum hatte diese Frau heute morgen vor ihren Augen so eigentümlich zweck- und ziellos in der Wäschekammer hantiert und den feinsten Damast vom groben Gespinst nicht zu unterscheiden gewußt , sie , diese Autorität in Leinenangelegenheiten ! Darum hatte sie den Schlüsselbund verlegt , ein unerhörtes Begebnis ! ... So steinern und stumpf auch diese Frau erschien , so rauh und gefühllos sie auch im Beisein anderer dem Knaben begegnete – Liane hatte längst im stillen vermutet , daß sie ihn abgöttisch liebe ... Jetzt stand sie da , wortlos und dunkelrot im Gesicht – für alle anderen eine geärgerte Frau , die ein unverdienter Vorwurf tief erbittert , in Lianes Augen aber ein angstvolles Mutterherz , das schon die Erwähnung einer gefürchteten Thatsache heftiger schlagen macht . Die Herzogin fixierte den Knaben durch die Lorgnette . » Sie haben den Beruf des Missionars für ihn im Auge ? « fragte sie kopfschüttelnd den Hofprediger . » Meines Erachtens paßt er ganz und gar nicht für den Knaben . « Dieser Ausspruch wirkte wie elektrisierend auf Liane ; zum erstenmal hörte sie eine auflehnende Ansicht gegen den Machtspruch des Geistlichen und des Hofmarschalls ausprechen , noch dazu von Lippen , die mit einigen beschützenden Worten das Geschick eines Menschen sofort in andere Bahnen lenken konnten ... Dort saß freilich der alte Herr , gespannt aufhorchend – ein Nervenschauer überlief sie bei dem Gedanken , ihn geflissentlich gegen sich aufzureizen ; alle , die sich hier um den Tisch reihten , waren mehr oder minder dem Knaben ungünstig gesinnt oder gleichgültig gegen sein Geschick – wie kalt musterte Mainau eben » den feinen Jungen