bei so spekulativen Leuten für die Zukunft zu gewärtigen hat ! “ „ Sehen Sie , Herr Geheimerat , das ist das doppelte Verhängnis Aller , welchen das Schicksal nichts freiwillig bietet , die ihm jeden , auch den erlaubtesten Vorteil abringen oder ablisten müssen ; man hält sie für gewinnsüchtig , weil man sie fortwährend dem nach ­ jagen sieht , was Andern in den Schoß fällt . In dieser Sache aber habe ich nicht einmal für mich ge ­ handelt , sondern für die Zukunft des Besten , was ich besitze . Herr Geheimerat , ich bin Vater ! “ „ Ei , das waren Sie aber damals noch nicht , als die Testamentsangelegenheit zwischen Ihnen und Hart ­ wich abgekartet wurde , “ fuhr der Geheimerat heraus . „ In jener Zeit hatte ich Aussicht , es zu wer ­ den , — denn meine Frau gebar wenige Monate nachher einen toten Knaben . Das Gefühl , das mich jetzt beseelt und mich zwang , bis zu Hartwichs Tod an dem , was ich gewollt , festzuhalten , — das Gefühl war von dem Augenblicke an in mir erwacht , wo ich zum ersten Male hoffen durfte , einem teuren Wesen das Leben gegeben zu haben , und damit auch der Wunsch , ihm eine Zukunft zu bereiten . Ich glaube , Sie wer ­ den mir das Zeugnis nicht versagen , daß ich die Zertrümmerung aller meiner Hoffnungen mit Anstand er ­ trug . Mein Weib verließ mich , weil sie meine trost ­ lose Zukunft nicht mit mir teilen wollte , ich stehe allein mit meinem hilflosen Kinde ; Sie haben keine Klage von mir gehört , prüfen Sie sich , und Ihr rechtschaffenes Herz wird Ihnen sagen , daß ich Ihr Mißtrauen nicht verdiene ! Nun aber zu dem letzten und Hauptpunkte , meinem Verhältnis zu meiner Mün ­ del . Fragen Sie hier im Orte , wen Sie wollen , ob ich nicht allezeit der Fürsprecher und Beschützer Ernestinens war ? Jede Magd im Hause , die Kleine selbst wird Ihnen das bestätigen . In dieser Sache kann ich jedem Richter frei in die Augen sehen . Denn wissen Sie , Herr Geheimerat , dieses Kind ist außer meinem Töchterchen das Einzige auf Erden , woran mein Herz hängt . Es gibt eine Stelle in meinem Innern , die , wie hart mich auch das Leben schlug , immer weich geblieben ist : es ist die Erinnerung an meine unglückliche Kindheit . Ich sehe in Ernestine meine eigene Jugend vor mir und es ist mir eine süße Genugtuung , ihr so manches zu geben , was ich in ihrem Alter schmerzlich entbehrte . Lassen Sie mir dies Kind , Herr Geheimerat ! Ich bin ein armer , einsamer , um Alles betrogener Mann , — nehmen Sie mir nicht das Letzte , woran ich mit menschlichem Wohlwollen hänge , es wäre nicht gut getan ! “ — Heim blieb stehen und wollte sprechen , — besann sich anders und ging ein Paar Schritte , dann stand er wieder : „ Der Fall ist psychologisch begründet , Sie können so empfinden . Sie können sich aber auch in solche Empfindungen hinein denken . Welche Garantie habe ich für die Wahrheit dessen , was Sie behaupten ? “ „ Es tut mir leid , sie Ihnen schuldig bleiben zu müssen , wenn meine ehrlichen Geständnisse sie Ihnen nicht bieten . Aber , Herr Geheimrat , verzeihen Sie die Frage , mit welchem Rechte Sie überhaupt eine Garantie von mir fordern ? “ „ Nun — ich dächte mit dem Rechte , das mir meine treue Sorge für das Kind gibt . Und wenn Sie noch nicht ganz verlernt haben , menschlich zu fühlen , so werden Sie dies Recht auch ohne gericht ­ liche Urkunden ehren ! “ „ O gewiß , gewiß — ich ehre es und danke Ihnen für Ihre Teilnahme an der Kleinen . Aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , daß ich über die Zä ­ higkeit Ihres Mißtrauens gegen mich in hohem Grade befremdet bin und daß ich es nun für eine Ehrensache halte , Sie durch die Tat eines Besseren zu belehren . “ „ Das heißt also , Sie überlassen mir das Kind ? “ fragte Heim rasch . „ Das heißt : ich werde jetzt seine Erziehung weniger als je aus den Händen geben , damit Sie sich durch den Erfolg derselben einst überzeugen , wie unrecht Sie mir getan ! “ Heim sah den lächelnden Sprecher mit einem durchdringenden Blick an : „ Sie pochen darauf , daß ich gesetzlich nichts gegen Sie unternehmen kann . — Gut denn , ich kann nichts weiter tun ! Ich lege das Schicksal dieses seltenen , mir so lieb gewordenen Wesens in die Hand einer gütigen Vorsehung , die über Ihnen wachen wird , mein Herr , wo Sie sich und Ihre Pläne auch dem Auge der irdischen Gerichtsbar ­ keit entziehen . “ Während dieser Worte waren die Herrn wieder bei Ernestinen angelangt , die still in sich versunken dasaß . Der Oheim legte seine Hand auf ihre weiße hohe Stirn und sagte bei sich selbst : „ Ich halte Dich ! “ — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Am Abend desselben Tages saß Leuthold vor sei ­ nem Schreibtische am offenen Fenster . Der kühle Nachtwind spielte mit der Flamme in seiner grün ver ­ hängten Lampe . Aus dem Nebenzimmer tönte das leise Summen des Mädchens , welches Gretchen mit einem wehmütigen Volksliede in den Schlaf sang . Auf dem äußern Gesims von Leutholds Fenster hatte sich eine Grille festgesetzt , die unaufhörlich zirpte , und auf das unbeschriebene Papier , welches vor ihm lag , fiel dann und wann ein versengter Nachtfalter nieder . Es war eine milde , friedliche Herbstnacht , solch ’ eine Nacht , die das gelbe