, Cornelie , “ fuhr sie fort , „ daß Du Deine spießbürgerlichen Ansichten in Etwas änderst , wenn Blanka im Hause ist ; sie sind das geeignete Mittel , ihr den Aufenthalt hier gründlich zu verbittern ; sie kann das ewige ängstliche Beobachten und Sparen , welches den Maßstab an jede Buttersemmel lege , ebenso wenig vertragen wie ich , und jetzt kommt es vor allen Dingen darauf an , daß wir sie festhalten – festhalten um jeden Preis . Ist erst das Amen hinter der Trauung gesprochen so sind wir über jede Verlegenheit hinaus . “ In die Wangen der Schwiegertochter war ein tiefes Roth getreten , und die Thränen drängten sich ihr in die Augen . Für wen sparte sie ? Für wen sorgte sie ? Weshalb ging sie in den elendesten Kleidern ? Damit jene excentrische Frau dort so wenig wie möglich von der wirklich drückenden Armuth empfinden sollte und einigermaßen so leben konnte wie früher ; sie schickte jeden Abend die Sanna mit Thee und kaltem Fleisch hinauf in ihr Zimmer , und Nelly und sie begnügten sich mit einer Suppe oder einfachem Butterbrod . „ Nun weinst Du vielleicht auch noch , Cornelie , “ klang wieder die Stimme herüber , die das Deutsche so scharf und eckig aussprach , während sie in ihrer Muttersprache in melodischer Weichheit förmlich zu schmelzen schien , „ misericordia ! was sind die deutschen Weiber für sentimentale Geschöpfe ; es kann mich außer mir bringen , sehe ich gleich diese Thränenbäche quellen ; was ich Dir eben gesagt , ist nur zu unserem Besten – wenn Du es doch einsehen wolltest ! “ In diesem Moment trat Nelly wieder ein . „ Es ist schon fünf Uhr , Mama , und gleich nach sechs Uhr können wir sie erwarten ; unten ist schon der Tisch gedeckt , und Heinrich wird hier schnell Feuer im Kamine anmachen und die Fenster schließen – ich bin so neugierig , “ fuhr sie fort , „ was sie Alles erzählen werden , wie Blanka in Trauer aussieht und wie das Testament ausgefallen ist . “ Sie sah bei diesen Worten die Mutter an und bemerkte die Thränen in ihren Augen . „ Weine nicht , Mama ! “ flüsterte sie , „ nachher kommt ja der Army , unser lieber Army . “ „ Das Testament ? “ fragte die Großmutter , „ mon dieu , Army die Hälfte , sie die Hälfte , und verschiedene Legate an alte Diener , Spitäler etc. , und wahrscheinlich auch für den Herrn Obersten , der sicher zugesehen , wo er bleibt bei der Sache . “ „ Ja , Großmamachen , aber erinnere Dich doch , damals erzählte Army . Blanka gelte überall als die alleinige Erbin – “ „ Ah bah ! Dann liegt die Sache noch günstiger – über das Vermögen der Frau entscheidet ja stets der Mann ; freilich , ich glaube es nicht ; die Stontheim liebte Army viel zu sehr . “ „ Wenn aber das Testament schon vorher gemacht war , Großmamachen ? “ „ Dann hat sie sicher ein Codicill dazu hinterlassen , “ erwiderte ungeduldig die alte Dame . „ Wenn ich nur genau wüßte , wann sie kommen ! “ sagte Nelly ; „ die gewöhnliche Post trifft pünktlich um siebeneinhalb Uhr ein , Army schrieb aber , daß sie mit Extrapost reisen und deshalb auf der Eisenbahnstation erst ruhen und zu Mittag essen , zwischen sieben und acht Uhr aber , da müssen sie sicher hier sein . Geduld , Geduld ! Ob ich das je lernen werde ? “ lachte sie über sich selbst . „ Sieh ’ nur das schöne Abendroth , nun wird es bald dunkel ; ich freue mich so sehr auf den Army . “ Allmählich sank die Dunkelheit über Schloß und Park , und am Himmel blitzte Stern an Stern in funkelndem Glanz ; noch war die Lampe im traulichen Wohnzimmer nicht angezündet , nur das Feuer des Kamins warf eine dämmernde Helle in das Gemach . Mutter und Tochter waren allein ; denn die alte Baronin hatte das Zimmer verlassen . Das junge Mädchen da in der tiefen Fensternische sah mit großen träumenden Augen in das leuchtende Gewimmel dort oben ; sie knieete neben dem Sessel der Mutter und hatte den Arm um sie geschlungenn die tief erregte Frau preßte ein Tuch vor die Augen , und ihre Brust hob und senkte sich in leisem Weinen . „ Mein gutes Mütterchen , “ bat die Kleine mit ihrer süßen Stimme , „ weine doch nicht Deine lieben Augen roth ! Was soll Army denken , wenn er kommt ? Sieh ’ , Großmama meint es nicht so böse – “ „ Ach , Nelly , das ist es nicht , “ erwiderte leise die weinende Frau , „ aber mich verfolgt heute schon den ganzen Tag eine Angst , eine Unruhe , die ich kaum beschreibe kann – Gott gebe nur , daß dem Jungen nichts passirt ist ! “ „ Aber Mama , “ tröstete die Tochter und schmiegte das blonde Köpfchen fest an ihre Brust , „ was soll ihm denn geschehen sein ? Er fährt sicher augenblicklich in der alten gelben Postkutsche und sitzt seiner Blanka gegenüber , also in der behaglichsten Situation , die es für ihn geben kann ; der Oberst erzählt Anekdoten , und sie freuen sich Alle aus ein warmes Abendbrod und auf Dein liebes freundliches Gesicht , mein Mütterchen . “ Die Frau in dem Sessel schreckte auf . „ Was hast Du nur , Mama ? “ fragte Nelly ängstlich . „ Es war nur , als hörte ich seinen Tritt , “ erwiderte flüsternd die Mutter , „ hast Du es nicht auch gehört , Nelly ? “ „ Nein , Mama , es ist ja auch nicht möglich . “ Es wurde still in dem großen Gemach ; die flüsternden Stimmen schwiegen ; ringsum kein Laut