abwenden . Das Gesicht war weicher , freier und heller . Die Unruhe , die es stets wie ein trüber Schleier umgeben hatte , war daraus gewichen . Sogar die Form schien eine andere geworden , die Brauen schienen höher gewölbt , das Oval der Wangen schien zarter . Sie lehnte sich an den Pfosten der Türe ; auch den Kopf lehnte sie an . Der herabhängende linke Arm hatte etwas unnennbar Lässiges , die rechte Hand war an die Brust gedrückt ; so betrachtete sie die um den Tisch Sitzenden mit schüchternem und sanftem Lächeln . Im ersten Augenblick glaubte der Inspektor , sie habe den Verstand verloren . Er sprang auf und eilte zu ihr hin . Aber sie reichte ihm die Hand und ließ sich willig an den Tisch führen . Plötzlich heftete sie den Blick stumm auf Daniel . Der erhob sich unwillkürlich und packte die Lehne seines Stuhles . Er verfärbte sich und zog die Mundwinkel nervös in die Höhe . Aber als Gertrud ihre Hand aus der des Vaters löste und sie ihm reichte , als er die Hand genommen hatte und sein Auge , machtvoll angezogen , dem ihren begegnete , wich der beklemmende Druck , denn was er in ihren Augen las , war eine rückhaltlose und unwiderrufliche Übergabe ihrer ganzen Person . Da wurde auch sein Blick sanft und dankbar und hatte einen schwärmerischen Glanz . Der sinnliche Zauber war es nicht allein , der ihn zur Erwiderung eines vor der Welt kundgegebenen Gefühles zwang ; tiefer berührte ihn , daß sie so kam , wie sie kam , als eine Reuige und Bekehrte . Tiefer berührte ihn die erhabene Gewißheit , die sie ihm schenkte , daß er eine Seele zu verwandeln und zu erneuen vermocht hatte . Es kettete ihn diese Gewißheit fester an Gertrud als ihr Blick , ihr Antlitz und ihr Leib . Und er sah jetzt das alles , den Blick , das Antlitz und den Leib . Der Inspektor ahnte . Ihm war , als müsse er das Mädchen in die Arme nehmen und mit ihr fliehen . Bilder künftigen Unheils umringten ihn , und die Hoffnung , die er eben noch für Gertrud gehegt , war vernichtet . Benda starrte schweigend auf seinen Teller . Desungeachtet , wie wenn er noch andere Augen besäße als die wirklichen , nahm er wahr , daß Lenores Hände und Lippen zitterten , daß sie von Sekunde zu Sekunde bleicher wurde , daß sie bald den Vater , bald die Schwester , bald Daniel ungläubig ansah , daß sie zuletzt , von einer Art Mattigkeit befallen , sich aus dem Kreis des Lampenlichts stahl und sich im Erker auf einen Schemel setzte . Aber als dann alle wieder Platz genommen hatten , Gertrud zwischen Benda und ihrem Vater , kam auch Lenore herbei und setzte sich still neben Daniel . Sie hörte nicht auf , Gertrud mit atemloser Verwunderung zu mustern . Und Gertrud lächelte wie vorhin an der Türe , schüchtern und leidenschaftlich . Es kam kein ersprießliches Gespräch mehr in Gang , daher dünkte es Benda am besten , den Freund zum Aufbruch zu mahnen . Sie dankten dem Inspektor für die freundliche Bewirtung und verabschiedeten sich . Jordan geleitete sie hinunter und sperrte ihnen das Tor auf . Als er zurückkehrte , ging Lenore gerade in ihr Zimmer . » Nun , Lenore , kein Gutenachtgruß für mich ? « rief er ihr nach . Sie drehte sich um , nickte bloß und schloß die Türe . Gertrud saß noch am Tisch . Während der Inspektor in der Stube auf- und abwanderte , eilte sie plötzlich in seinen Weg , zwang ihn , stehen zu bleiben , warf die Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn . Das hatte sie nie zuvor getan . Auch sie war schlafen gegangen . Den Inspektor bedrängte ein ungewohntes Gefühl der Verlassenheit . Er hörte , wie die Gattertür auf- und wieder zugesperrt wurde und wie Schritte schallten . Es war Benno , der endlich nach Hause kam . Jordan erwartete , daß sein Sohn noch hereinkommen werde , da er ja durch die Spalten der Türe das Licht sehen mußte . Aber Benno trug offenbar kein Verlangen , den Vater zu sehen , er ging in seine am andern Ende des Flurs gelegene Kammer und schlug die Türe zu wie ein Hausknecht . Jedes ist in seiner Kammer , dachte der Inspektor , und von keinem weiß ich etwas . Er schüttelte den Kopf , nahm die Hängelampe aus der Tragschale und verließ , sie vorsichtig haltend , das Zimmer . 13 Lenore hatte Eberhard von Auffenberg schon einige Wochen nicht gesehen , da schickte er ihr ein Kärtchen und bat um eine Zusammenkunft . Der Ort war ein für allemal derselbe , die Brücke am Tiergärtnertor , und als die Dämmerung eingebrochen war , begab sie sich dorthin . Es war ein lauer Märzabend , die Luft war ohne Wind , der Himmel bedeckt . Sie wanderten den Burgberg hinauf und als sie oben an der Brüstung standen , sagte Lenore mit leisem Lachen : » Jetzt weiß ich vom Ungeredeten genug , nun reden Sie was . « » Es tut wohl , mit Ihnen zu schweigen , « erwiderte Eberhard gedrückt . Voll unbehaglicher Ahnung suchte sich Lenore eines der vielen hundert Lichter aus , die in der Tiefe neblig flimmerten und hielt den Blick hartnäckig darauf gerichtet . » Wenn ich mich in dieser Stunde an Sie wende , « begann endlich der junge Freiherr , » so geschieht es gewissermaßen wie ein Appell an die letzte und höchste Instanz . Meine Erwartungen vom Leben sind vernichtet bis auf eine einzige . Es steht bei Ihnen , Lenore , ob ich ein unnützer Parasit der menschlichen Gesellschaft sein soll oder ein Mann , der sein Quantum Glück durch ein gleichwertiges Quantum Arbeit zu bezahlen entschlossen ist . Ich biete Ihnen alles