die , in der Erwartung des Zusammenbruchs aller Dinge , die Arbeit aufgegeben hatten und dadurch offenbar schon sehr herabgekommen waren . Aus den kleinen tückischen Augen aller aber glänzte dieselbe täglich befriedigte und täglich zunehmende Gier nach sich stets steigernden Sensationen . Eine erhöhte Estrade war in dem weiten Hof errichtet . Ein kleiner Altar erhob sich in der Mitte . Räuchergefäße standen darauf und Götzenbilder . An beiden Seiten der Estrade befanden sich die Sitze der besonders bevorzugten Gäste . Die wurden nun hingeleitet . Man stellte rote Laternen auf , denn es fing an zu dunkeln . Tschun mußte plötzlich an die Nacht denken , die er einst im Hof des Sommerpalastes zugebracht hatte . Es war dieselbe schwüle , erwartungsvolle Stimmung . Nur daß damals die Angst vorgeherrscht hatte , während heute eine grausame Gier von all den Menschen ausströmte . Tschun vernahm abgerissene Sätze aus den Gesprächen der immer zahlreicher werdenden Zuschauer . Es waren Beschuldigungen gegen die Fremden , Aufforderungen , an ihnen Rache zu nehmen . Und es wollte ihm dabei scheinen , als schöben sich immerwährend Leute durch die Menge , deren Aufgabe es war , sie noch aufzuhetzen , Männer , die nach Bonzen und Schriftgelehrten aussahen . » Man hätte den fremden Teufeln nie gestatten sollen , sich bei uns niederzulassen . « » Sicher nicht , das war ein großer Fehler . « Wir waren eben viel zu nachsichtig gegen sie , und sie haben diese Nachsicht für Schwäche gehalten und haben sie mißbraucht . « » Und den ärgsten Fehler hat der Kaiser Kangschi begangen , als er ihnen erlaubte , ihre Religion bei uns zu verbreiten . « Wir brauchen sie nicht , diese Barbaren , die die Lehren unserer Weisen nicht kennen und unsere Sitten mißachten . « » Täglich haben sie uns durch ihr ungeschlachtes Wesen verletzt , keine Zeremonie beobachten sie . « » Und dabei bilden sie sich noch ein , alles besser zu wissen ! « » Aber zaubern , das können sie doch ! « » Ja , das Wetter haben sie behext ! « » Sie sind schuld an allem Uebel , das uns seit langem befällt . « » Ja , unsere Götter zürnen , daß wir sie dulden . « » Wenn wir sie vertreiben , wird alles wieder gut werden . « » Und jetzt können wir ' s , jetzt sind wir stärker als sie ! « » Jetzt haben wir die I ho Chüan ! Ihr Zauber ist mächtiger als der der Fremden , die sollen sie ins Meer werfen ! « » Oder besser , gleich verbrennen . « » Brennen , brennen , das ist am sichersten . « » Und nicht nur sie , vor allem auch die Teufel zweiten Grades ! « » Alle , die zu ihnen halten ! « » Alle , alle ! « » Töten ! Töten ! « Doch jetzt öffneten sich die Tore einer großen Halle , die im Hintergrund den Abschluß des Hofes bildete . Man sah , daß es drinnen von Menschen wimmelte . » Da sind sie ! Da kommen die I ho Chüan ! « ging es durch die Menge . Was aber zuerst aus der Halle strömte , erschien Tschun nicht sonderlich beängstigend . Eine Schar halbwüchsiger Knaben war es . In rhythmischer Gangweise schritten sie heran , mit seltsam verschränkten Armen , künstlich verrenkte Stellungen einnehmend , die sie wie ausgeschnittene Silhouettenbilder immer im Profil erscheinen ließen . Und wieder mußte Tschun an den Sommerpalast denken und an die Bewegungen der jugendlichen Bogenschützen des Kriegsgottes , unter denen auch er dort im Theater mitgewirkt hatte . Zuerst war es nur ein allgemeiner Eindruck , eine verschwommene Erinnerung , aber wie die Knaben nun näher herankamen , um durch die Menge zur Estrade zu gelangen , blieben Tschuns Augen wie gebannt auf einem von ihnen haften . Ja , er täuschte sich nicht - das war er wirklich ! Der kleine Mahan von damals ! Länger in die Höhe geschossen , magerer und unkindlicher geworden , aber doch Mahan ! Als er ihm ganz nahe gekommen , versuchte Tschun ihm ein Zeichen zu machen . Aber Mahan erwiderte es nicht , hatte es wohl gar nicht gesehen . Sah er überhaupt , sahen seine Gefährten etwas von dem , was nicht sie selbst war ? Tschun beobachtete sie jetzt genauer ; bei jedem Schritt warfen sie die Oberkörper herum , als seien sie von den Hüften ganz losgelöst . Das hatte etwas Gewaltsames , Krampfhaftes . Und krampfhaft gezogen waren auch die Gesichter , mit den ganz stieren Augen , die nichts zu sehen schienen . Nur die Lippen bewegten sich unablässig in einem beständigen eintönigen Murmeln . Auf den Stirnen standen ihnen große Tropfen . Die Menge , die jetzt ganz lautlos geworden , starrte ihnen nach . » Das sind Geister , « hörte Tschun dicht neben sich einen derer murmeln , die sich beständig durch die Reihen schoben . » Sie bahnen den I ho Chüan den Weg ! Sie wissen , ohne zu sehen , wo große Teufel und Teufel zweiten Grades sich verbergen ! Zu ihren Häusern werden sie durch tiefste Nacht die I ho Chüan führen ! Sie werden die Stellen bezeichnen , wo die Feuer entzündet werden müssen ! « Blutrot wehte es jetzt über den Häuptern der Menge durch die Luft . Das waren die I-ho-Chüan-Banner mit ihren berüchtigten Sprüchen . Dräuend , im tiefsten Schwarz , standen die riesigen Schriftzeichen gegen das flammende Rot . Und dann kamen sie selbst , die Unverwundbaren ! Ganz wie Tschun es nun schon oft hatte beschreiben hören , waren sie gekleidet ; mit roten Gürteln über losen schwarzen Jacken und roten Tüchern um die Köpfe gewickelt . Und wilde Gesichter blickten unter diesen feurigen Umrahmungen hervor , und bei manchen war dieser Ausdruck des Grausigen noch erhöht durch dicke Farbenstriche . So erinnerten sie