weil er gern die andern näher kennen wollte und doch nicht wagte , an sie heranzutreten , mit Kurt aber hatte er an dem Abend manches besprochen . Er traf ihn im Geschäft in einem kleinen Stübchen , wo er einem Arbeitsgenossen gegenüber an einem Schreibpult stand und an Geschäftsbriefen schrieb . Im Zimmer war nur noch der Telephonkasten und ein großer Geldschrank , in dessen offener Tür steckte der Schlüssel , und an dem Bund hingen noch andre Schlüssel . Es war die Zeit der Mittagspause , und wie Kurt Hansen begrüßte , richtete sich auch der andre Herr von seiner Arbeit auf , schloß den Geldschrank ab und steckte die Schlüssel in die Tasche und bereitete sich zum Essen . Kurt sagte ihm , er werde noch einmal ein Unglück erleben , wenn er die sämtlichen Geschäftsschlüssel , von der Haustür angefangen bis zum Geldschrank , so leichtsinnig behandle . Inzwischen machte auch er sich straßenfertig und wanderte mit Hans zu der Wirtschaft , wo die beiden zusammen Mittag essen wollten . Wiewohl Hans zu Kurt keinerlei geistige Verwandtschaft spürte , wurde er in der Folge doch weiter mit ihm bekannt , und weil seine Wohnung nicht weitab vom Geschäft des andern lag , so machte es sich wie von selbst , daß er ihn öfters zum Mittagessen abholte , bei dem sie dann über allerhand gleichgültige Dinge mit einer gewissen Behaglichkeit redeten . Auch den Besitzer des Geschäftes lernte Hans kennen , der ein recht wunderlicher und altväterischer Mann jüdischer Abkunft war , welcher zu Hause unterdrückt wurde durch seine Frau ; die hatte allerhand Bildungsinteressen und ließ ein verstiegenes Wesen schauen . Diese traf Hansen einmal im Geschäft , redete ihn an , und nachdem sie schnell allerhand aus ihm herausgefragt , lud sie ihn zu sich ein , weil er ihren Kindern Freude machen werde . Sie hatte eine hohe Haarfrisur und rauschte stattlich mit einem schwarzseidenen Kleide in dem engen Raume . Unterdessen nahm Hellers Liebschaft ihren weiteren Verlauf . Er war mit Zolas Buch über den Experimentalroman angekommen und hatte den Geschwistern vorgelesen und erklärt , was für Kurt zwar recht langweilig war , aber Helene faßte eine stärkere Zuneigung zu ihm , wiewohl auch sie nur wenig von dem begriff , was er vortrug ; und da einem Verliebten solche Zuneigung nicht verborgen bleiben kann , so kamen die beiden bald zu einer Aussprache , wobei Helene jedoch immer noch in ihrem Irrtum verharrte , daß es sich bei Heller um regelmäßige und bürgerliche Absichten handle . Unter solchen Umständen , und da ihr schien , als wolle Heller aus Zartgefühl nicht mit ihren Eltern reden wegen der Handlungsweise ihres Vaters , ging sie zu ihrer Mutter , um der ihr Herz auszuschütten und ihren Rat einzuholen , und die , welche niemand aus dem ganzen Kreise kannte und sich keine rechte Vorstellung von allem machen konnte , teilte alles dem Vater mit . Dieser war zwar im Grunde einverstanden mit Helenens Wahl , weil er dachte , daß ein Studierter , wenn er erst angestellt sei , ein angesehenes Amt und sicheres Einkommen habe ; aber weil er über Hellers Studien und Aussichten nichts wußte , so beschloß er , seine Zustimmung erst noch zurückzuhalten und vorerst den Bewerber um alles zu fragen , was ihm nötig erschien . Er kam deshalb am Sonntagvormittag im Besuchsanzug und mit dem Zylinder , der von sehr alter Form war , in Hellers Wohnung und begann in freundlicher Weise mit dem zu reden , indem er Helene lobte und erzählte , daß er selbst immer sehr viel Sinn für Bildung gehabt habe und auch das Konservationslexikon in Lieferungen beziehe , und für eine Ehe sei natürlich das Wesentliche gegenseitige Liebe und Hochachtung , er aber als Vater habe doch die Verpflichtung , außerdem noch einen Punkt zu bedenken ; und bei diesen Worten machte er die Gebärde des Geldzählens und sah Heller erwartungsvoll an . Der war recht verlegen über das Mißverständnis und schwieg , denn es fiel ihm nichts ein , was er hätte sagen können . Der Alte schob sein Schweigen auf die natürliche Schüchternheit eines jungen Mannes , der vor dem Vater seiner Braut steht , wollte ihn zutraulich machen und sprach deshalb weiter , indem er die Macht der Bildung rühmte und die Neuzeit lobte , welche die Bildung auch dem Volke zugänglich mache , wodurch Aberglaube und schlechte Sitten ausgerottet würden . Wie er sich bei dieser Gelegenheit erkundigte , welchem Studium sich Heller im besonderen zugewendet habe , fand der eine Möglichkeit , aus seinem peinlichen Schweigen herauszukommen , indem er ausführlich erklärte , daß er ursprünglich Theologe gewesen sei , aber nachdem er sich aus seinen ersten Ansichten heraus entwickelt habe , so verzichte er jetzt auf das theologische Studium und wolle zunächst seine Persönlichkeit bilden dadurch , daß er die verschiedensten Dinge auf sich wirken lasse . Hierüber wiegte der Alte den Kopf und hielt ihm entgegen , daß doch die theologische Laufbahn sehr viele Vorteile biete , besonders indem ein junger Mann in ihr rasch zu Brot komme , was eine sehr wichtige Sache sei , zumal wenn einer daran denke , einen Hausstand zu gründen . Hierauf sprach Heller wieder von seinen Überzeugungen , und der Vater im schwarzen Rock wurde hingegen noch dringender mit den Anspielungen auf die künftigen Erwerbsverhältnisse ; da erschien es Heller plötzlich als eine Rettung , wenn er diese als recht schlecht hinstellte , und so erzählte er , daß er nicht gesonnen sei , einen bestimmten Beruf zu ergreifen , sondern er gedenke vornehmlich für seine Ansichten zu wirken . Nachdem der Streich mit der Übergabe der verbotenen Schriften so übel abgelaufen war , hatte der Alte seine Sicherheit verloren , und deshalb , wiewohl er aus allem verspürte , daß Hellers Absichten und Verhältnisse ganz anderer Art waren , wie er gedacht , wurde er doch nicht ärgerlich , wie ihm wohl sonst geschehen wäre , sondern