keinen Sinn . « Und von atemlos herbeirennenden Leuten füllte sich die Terrasse bis ins Dorf . Die Kellnerinnen standen leise weinend im vordersten Kreise , die gefalteten Hände vor dem Gesicht , als ob sie die Augen schützen wollten , damit sie die schreckliche Wahrheit nicht sähen . » Was das nicht ist ! « » Ists auch möglich ? « » Wenn ich nur das nie hätte erleben müssen ! « » Der arme Meister ! Und so gut ! So herzensgut ! Jesus , Jesus ! « » Und wenn jetzt der Vater und die Mutter das sehen ! « Cathri , abseits an der Mauer , starrte geistesabwesend ins Leere , mit gerötetem Gesicht und bebenden Lippen . » Oh , der Elende , der Schurke ! - Der beste , bravste , gutmütigste Tropf auf Gottes Erdboden ! - Und von solch einem elenden Wicht ! « Während sie sprach , stupfte sie unablässig mit dem Fuß an die Mauer , immer heftiger , in steigender Empörung . Und ihre Finger nestelten krampfhaft am Schürzenband , bis es entzweiriß . In ihrer Nähe , ebenfalls an der Mauer , und von dem übrigen Volk gesondert , standen die Waldishofer gruppiert , in deren Mitte der Wachtmeister gedämpften Tones eifrig redete . Sooft Zuzügler sich herbei machten , wurde ihnen etwas zugeflüstert , dann tauschten sie finstere Blicke und einen kräftigen Handschlag wie zu einem Eide . Offenbar bildete sich hier eine Verschwörung . Eine Bewegung entstand , eine Gasse tat sich auf . Von bedauernden , mahnenden , zusprechenden Menschen gehemmt , die sich ihm in den Weg stellten , ihn hinderten , zurückhielten , wankte der alte Pfauenwirt ruckweise daher , wie eine von Ameisen überfallene Raupe , welche die Last ihrer Peiniger mit sich schleppt . » Laßt mich « , keuchte er , » laßt mich zu meinem Sohn ! ich will zu meinem Sohn . « Dazwischen lärmte er gegen den Tod , wie gegen ein Obergerichtsurteil , seine gerechte Sache bekräftigend , seine versöhnliche Gemütsart beteuernd . » Ich begehre ja nichts mehr für mich ! Er hat ja jetzt alles , was er will ! « Als er aber durch die Menschengasse seiner Tochter über dem Leichnam ansichtig wurde , schüttelte er den Kopf wie ein Stier . » Muß er mir denn ewig und ewig nichts als Kummer verursachen ! « brüllte er . Da wandte ihm Anna langsam ihr Schmerzensantlitz zu , das welt- und toddurchdringende Liebestreue mit überirdischer Schönheit verklärte : » Sieh , Vater , das ist jetzt unser Conrad « , sang sie mit sanftem Dulderton , während ihr Mund fürchterlich zuckte . Jetzt zerrte er sich gewaltsam los und humpelte dem Leichnam zu . Er wollte sich niederwerfen ; allein seine geschwollenen Gelenke versagten dem Willen . Nun tanzte er auf seinen dicken Klumpenbeinen vor dem Leichnam auf und ab wie ein angeschossener Elefant . Plötzlich stieß er den Doktor wütend vor die Brust . » Lebendig machen ! Wieder lebendig machen ! « grölte er . Der Doktor hielt ihm eine priesterliche Miene entgegen . » Lebendig machen « , sprach er feierlich , » das steht leider nicht in unserer Macht . « Von der Mauer aber warf Cathri in schneidendem Ton herüber : » Ja , lebendig machen , das ist jetzt zu spät ! Hättet Ihrs benutzt , als es Zeit war ! « Anna schnellte auf und zuckte gegen Cathri einen Blick , scharf wie eine Lanze . Während man sich umsonst bemühte , den Alten von hinnen zu schaffen , wandelte sich sein Toben jählings zum wehklagenden Wimmern . Er hatte seine Frau , die Pfauenwirtin , bemerkt , die von der Dorfseite um die Hausecke mit geknickten Knien mehr rutschend als gehend sich an der Wand entlang tastete . » Ists denn wirklich wahr ? « flehte die Angst aus ihren erloschenen Augen . Hierauf , wie ihr das unzweideutige Bild : die Ansammlung des Volkes um eine nämliche unsichtbare böse Stelle , der Schatten des Unheils , der von dorther jedes Antlitz verdüsterte , die entsetzliche Wahrheit bestätigte , krampfte sie die Finger in das Gestein , um nicht zu fallen . Anna flog ihr entgegen , ihr nach bewegte sich schwerfällig der Alte , überholt von mitleidigem Gesinde und Nachbarvolk . Sie fiel , aber in befreundete Arme . » Conrad « , winselte sie , » warum hast du mir das angetan ? « Betroffen tauschten die Herumstehenden Blicke . Und Bertha wandte sich zu Cathri um : » Es ist , als ob sie glaubte , er habe sich selber ein Leid zugefügt « , flüsterte sie . » Das böse Gewissen « , versetzte Cathri bitter . Und das sagte sie in ihrer rückhaltslosen Weise mit lauter Stimme . Abermals drückte Anna einen Blick gegen sie ab , diesmal einen drohenden . Der Alte aber entschuldigte sich ehrfurchtsam vor dem mütterlichen Schmerze . » Ich hatte ihm ja alles gewährt , was er nur verlangte . Ich kann nicht begreifen . Er hatte durchaus nicht die mindeste Ursache . Es muß ihn im Streithandel ein Stich getroffen haben , wie man erzählt . « Der Doktor , der Feuerleutnant , nebst andern , welche Freundschaft oder Gemüt oder auch der Zufall der Nähe dazu berief , nahmen die Pfauenwirtin auf und förderten sie halb schiebend , halb tragend an dem Leichnam des Sohnes vorbei , den sie angelegentlich mit ihren Leibern verdeckten , der Haustüre entgegen . Der Vater hinkte greifend nach , Anna wachte zur Seite über beide . Es war wie ein Leichenzug . » Ich muß doch Abschied von ihm nehmen ; ich muß ihn doch um Verzeihung bitten « , jammerte die Pfauenwirtin . » Ja , jetzt hat sie Grund zum Jammern und Seufzen « , rief Cathri unwillkürlich , im Drange der Wahrheit . Nun aber riß sich Anna los und stürzte ihr entgegen :