Blick in ihre großen , im Licht einer vorübergleitenden Straßenlaterne erglänzenden Augen ; ihr kurzes , lustiges Lachen ; der tiefe , metallene Klang ihrer Stimme , die so deutlich war , obgleich sie immer nur halblaut und hastig sprach - es umspann ihn , wie die Maschen eines Zaubernetzes , gewoben von Feenhänden . Ach ! nur leider nicht auch unzerreißbar ! Der Kanal war passiert ; Klotilde rückte an ihrem Hut , nestelte an ihrem Mantel und sagte : Jetzt aufgepaßt , mein Herr ! Wir müssen uns schreiben . Ich habe alles schon überlegt : selbstverständlich poste restante , Du unter der Chiffre : Ballade ; ich : Siegfried . Das Postamt darf keines sein , wo man uns kennt . Mir am gelegensten ist Nummer - sie nannte eine Ziffer , die sie wiederholte . Kannst Du mir eines für Deine Briefe angeben ? Albrecht konnte es nach kurzem Besinnen . Du bist mein kluger Junge , sagte sie , und zur Belohnung für Deine Klugheit will ich auch den ersten Brief schreiben . Du antwortest natürlich umgehend . - Der Wagen wird in einer Minute halten . Wenn ich aussteige , rufst Du dem Kutscher irgend eine Straße zu , nur nicht Deine ! Sorge Dich nicht um mich ! ich habe , wie Du weißt , zu Fuß nur noch eine kurze Strecke . Und nun , leb ' wohl ! Der Wagen stand . Ein letzter , flüchtiger Kuß . Sie hatte den Schleier über das Gesicht gezogen und war , kaum herausgeschlüpft , hinter der Droschke verschwunden . Albrecht hatte dem Kutscher eine der seinen benachbarte Straße zugerufen . Der Mann trieb das Pferd wieder an . Albrecht starrte auf den leeren Platz , wo sie gesessen hatte . War denn dies alles nur ein seliger Traum gewesen ? Zwanzigstes Kapitel Nein ! kein Traum ! - Traumgeister schreiben keine Briefe . Und da hielt er ihn nun in der Hand , ihren ersten wirklichen Brief . Nach dem er auf dem von ihm angegebenen Postamt mit einer Stimme , die sich vergeblich bemühte , möglichst unbefangen zu klingen , gefragt , und der ihm von dem Beamten mit einem schnellen , prüfenden Blick ausgeliefert war . Der köstliche Brief ! Er war nicht eben lang , und besonders Geistreiches stand nicht darin . Aber das hatte Albrecht auch nicht erwartet . Der Brief war gerade so , wie er ihn sich gewünscht , enthielt gerade das , was ihn zu hören verlangt hatte : die Versicherung ihrer Liebe , ein paar anmutige Scherze über das gelungene Abenteuer ; die Bitte , ihr möglichst umgehend und möglichst ausführlich zu antworten und ihr in der Misère ihres Lebens eine andere glückliche Stunde zu bereiten . Er hatte den Brief auf dem Wege in seine Schule abgeholt und schrieb auch dort nach dem Schluß der Lektionen in dem Konferenzzimmer , das nun niemand mehr betreten würde , die Antwort . Sie war ein gut Teil länger als ihr Brief und aus einer andern , innigeren , freudigeren Tonart , die anzuschlagen ihn keine Mühe kostete , die im Gegenteil nicht zu hoch zu schrauben , sein guter Geschmack ihn mahnte . Mein Gott , konnte er auch jetzt nicht mehr den leisesten Zweifel daran hegen , daß sie ihn liebe - sie war eine Weltdame , gewohnt , ihre Rede zu mäßigen , selbst im Affekt sich vor scharfen Accenten zu hüten ! Er mußte ihr zeigen , daß seit seiner Primanerzeit Jahre verflossen waren , die er nicht unbenutzt gelassen hatte ; ein Mann jetzt vor ihr stand , der das Leben kannte . Nur daß sich ihm jetzt eine neue Region erschlossen , die bisher nur in dämmernden Umrissen ahnungsvoll durch seine Träume geglitten sei , bis eine geliebte Hand ihm die Pforten zu dem Paradiese erschloß , in welchem er jetzt wandle durch selige Gefilde in einem ambrosischen Licht , das , nachdem es einmal sich über ihm erhoben , nie , nie wieder untergehen könne . Diese Hyperbel war die einzige , die er wagte . Dann sagte er , wie schmerzlich ihre Klage über die Misère ihres Lebens ihn berührt habe - die Klage , welche in seiner Brust ein so schwermutvolles Echo finde . Aus dieser beiderseitigen Misère ein Glück zu schaffen - er sehe sehr wohl die tausend Hindernisse , die sich ihnen entgegenstemmten . Aber wo ein Wille sei , da sei ja auch ein Weg . Er für seine Person schrecke vor keiner Gefahr zurück . Aber freilich , ein Mann , dessen Metier es sei , Gefahren zu trotzen , habe da leicht reden ; und nicht nur , um zu wissen , was sich zieme , müsse man bei den Frauen anfragen ; auch um das , was in dieser Welt der Unnatur und Verlogenheit freie Geister und tapfere Herzen noch zu hoffen wagen dürften . Klotildens zweiter Brief ließ nicht auf sich warten ; bereits der folgende Tag brachte ihn . Wie er länger war , als der erste , so hatte sich auch seine Temperatur erhöht : er enthielt Ausdrücke der Leidenschaft von einer Glut , Koseworte von einer Zärtlichkeit , die Albrecht entzückten , berauschten . Aber auch die Klage ertönte diesmal lauter ; es blieb immer noch die Sprache einer Weltdame , aber Mignons Seufzer : » Nur wer die Sehnsucht kennt « tönte hindurch . Wie herrlich er auch zu schreiben wisse , sein gesprochenes Wort klänge doch süßer , und das » Glück der Entfernung « könne das der geliebten Nähe nicht ersetzen . Der Geliebte solle seinen klugen Kopf anstrengen und darüber nachdenken , wie ein Wiedersehen zu ermöglichen sei . Zwar die Verlobung Stephanies mit Herrn von Luckow eröffne eine Perspektive von Festlichkeiten in dem Sudenburg ' schen Hause , bei denen der » verehrte Dichter « sicher nicht fehlen werde . Aber so lange ließe sich ihre Ungeduld nicht zügeln . Ihr wolle durchaus